Family Based Treatment (FBT)

Ein effektiver Ansatz zur Behandlung von Anorexie und anderen Essstörungen

 

Behandlung von Anorexie und anderen Essstörungen

FBT ist die Abkürzung für "Family Based Treatment" (Familienbasierte Behandlung). Im angelsächsischen Sprachraum (Großbritannien, USA, Kanada, Australien, Neuseeland) ist FBT als effektiver Behandlungsansatz in den letzten 30 Jahren zu einem Standard bei Essstörungen geworden.

 

FBT im deutschsprachigen Raum

Familienbasierte Ansätze zur Behandlung von Anorexia nervosa werden in der S3-Leitlinie "Diagnostik und Behandlung von Essstörungen" ausdrücklich erwähnt und als erste Wahl empfohlen. Sie spielen aber in der aktuellen klinischen Arbeit keine nennenswerte Rolle. Familienbasierte Therapieformen sind leider sogar in Fachkreisen kaum bekannt.

S3-Leitlinien werden von offiziellen Kommissionen erstellt und geben Empfehlungen, wie Erkrankungen diagnostiziert und behandelt werden sollen und richten sich vor allem an Ärztinnen und Ärzte, aber auch an Pflegekräfte und andere Fachleute im Gesundheitswesen.

Die Forschung an deutschen und europäischen Universitäten hat begonnen. Erste große Kliniken in Deutschland haben angefangen, familienbasierte Ansätze und Home Treatments als außerklinische Behandlungsform bei Essstörungen einzusetzen.

Es gibt aktuell fast keine FBT-Therapeuten im deutschsprachigen Raum. Die Möglichkeit einer klassischen FBT-Therapie vor Ort und in deutscher Sprache ist also im Normalfall aktuell leider nicht gegeben.

 

Zur Entstehung von FBT

FBT wird auch Maudsley Methode (Maudsley approach) genannt, weil die Behandlungsmethode in den 1970er und frühen 80er Jahren ursprünglich am Maudsley-Hospital in London von Prof. Gerald Russel, Dr. Ivan Eisler und Dr. Christopher Dare entwickelt wurde.

Sie erkannten auch als Erste die Bedeutung einer schnellen und effizienten Wiederherstellung des Gewichts als ersten Schritt zur Genesung. FBT und Maudsley werden in der Praxis als Synonym verwendet.

In den USA wird die Methode von Prof. Daniel Le Grange und Dr. James Lock bis heute weiterentwickelt und erforscht.

Mithilfe von FBT sind seit 30 Jahren weltweit unzählige Kindern gesundgeworden und Familien der Anorexie-Falle entkommen.

Es handelt sich bei FBT um eine manualisierte Behandlung, die von geschulten Fachleuten durchgeführt wird. Sie kommt in erster Linie in ambulanten Einrichtungen zum Einsatz, obwohl es auch einige stationäre und teilstationäre Programme gibt, die FBT beinhalten.

Das Manual liegt bisher leider nur in englischer Sprache vor.

 

Stand der empirischen Forschung

FBT ist in vielen vergleichenden Studien gut erforscht. Sie ist nachgewiesener Weise erfolgreicher als alle anderen bekannten Behandlungsmetoden bei Magersucht und Standardbehandlungsansatz in vielen angelsächsischen Ländern.

In einer der größten randomisierten, kontrollierten Studie der Universitäten Chicago und Stanford mit 120 Jugendlichen hat man FBT mit konventioneller Einzeltherapie verglichen. FBT hat sich (mit großem Abstand) dabei als effektivste und effizienteste Behandlungsmethode gezeigt. Eine Übersicht der wichtigsten Forschungsergebnisse wollen wir hier in Kürze veröffentlichen. Leider liegen diese zum Großteil bisher nur in englischer Sprache vor.

 

Altersspektrum für den Behandlungsansatz

FBT ist als Behandlungsansatz bei Essstörungen für junge Menschen bis 18 Jahre entwickelt worden. Aber auch bei jungen Erwachsenen im Altersspektrum bis 25 Jahre wird die Methode in abgewandelter Form erfolgreich angewendet.

Inzwischen gibt es auch eine nachgewiesenermaßen ebenfalls sehr erfolgreiche Variante zur Anwendung bei Bulimie (FBT-BN), sowie eine modifizierte Variante für junge Erwachsene bis 25 Jahre (FBT-tay, transition age youth) und ein Programm für Erwachsene: MANTRA (Maudsley Anorexia Treatment for Adults).

"The New Maudsley Approach" ist kein eigenständiger Behandlungsansatz oder eine neue Variante des ursprünglichen Maudsley Ansatzes. Er stellt zusätzliche Ressourcen für Eltern, Pflegekräfte und Ärzte als Ergänzung zu einer Behandlung bereit. Hauptziel ist es, Stress abzubauen und Familie und Pflegekräfte zu stärken. Besonderes Augenmerk erhalten hier erwachsene Patientinnen und Patienten, die an Bulimie erkrankt sind. Entwickelt wurde und wird die Methode am Maudsley Hospital unter der Führung von Prof. Janet Treasure.

 

Das 3-Phasen-Konzept

Nach dem Manual findet eine FBT-Behandlung in drei Phasen statt, die sich über einen Zeitraum von einem Jahr und circa 20 Sitzungen erstreckt.

Die Sitzungen finden wenn möglich in Präsenz statt, es besteht aber auch die Möglichkeit, die Sitzungen als Videokonferenz zu gestalten.

  • In der ersten Phase, der sogenannten Refeeding-Phase, geht es vor allem um die Gewichtswiederherstellung. Die Eltern werden dabei unterstützt, die Gewichtszunahme ihres Kindes voranzutreiben.
  • Wenn ein gesundes Gewicht erreicht ist, sich der psychische Zustand des Patienten und die allgemeine Stimmung innerhalb der Familie signifikant verbessert hat, folgt die zweite Phase. Die altersgemäße Autonomie in allen Lebensbereichen wird wieder an den jungen Menschen zurückgegeben. Beim Essen selbst haben die Eltern noch kontrollierende und unterstützende Funktion, die über die Zeit abgebaut wird.
  • Erst in der dritten Phase werden therapeutische Probleme angegangen, sofern diese noch bestehen. Bei vielen Patienten verschwinden alle psychischen Auffälligkeiten, die mit der Anorexie-Erkrankung einhergegangen sind.

Einbeziehung der Familie und die "Familien-Mahlzeit"

FBT-Sitzungen beziehen in der Regel die gesamte Familie ein und umfassen mindestens eine "Familien-Mahlzeit". Dies gibt dem Therapeuten die Möglichkeit, die Verhaltensweisen der verschiedenen Familienmitglieder während einer Mahlzeit zu beobachten und die Eltern zu coachen, ihrem Kind beim Essen zu helfen.

 

Eltern sind die Lösung, nicht das Problem

Generell bricht FBT mit der veralteten und inzwischen widerlegten These, dass die Gründe für die Essstörung in einer dysfunktionalen Familienstruktur zu finden seien.

Ältere Theorien über Anorexie und Essstörungen (Hilde Bruch und andere) über Magersucht und Essstörungen haben die Entstehung der Krankheit auf familiäre Probleme und Störungen innerhalb der Familie zurückgeführt. Man ging davon aus, dass die Mütter die Hauptursache für die Essstörungen ihrer Kinder sind, wie dies lange auch bei Schizophrenie und Autismus angenommen wurde. Diese Annahmen sind nach dem heutigen Stand der Forschung (auch bei Schizophrenie und Autismus) nicht mehr haltbar und haben viel unnötiges Elend und Leid in die Welt gebracht.

In modernen Therapieverfahren wie FBT werden Eltern als größte Ressource im Kampf gegen die Magersucht gesehen, da die häusliche Hilfe den Betroffenen ermöglicht, sich gegen diese übermächtige Krankheit zu wehren.

 

Die Schuldfrage ist nicht relevant

FBT fragt nicht nach der individuellen Genese der Erkrankung und stellt auch keine Schuldfrage. Für den Genesungsprozess ist dies nicht relevant.

Neuere Forschungsergebnisse zeigen auch, dass biologische, genetische und neurologische Faktoren bei der Erkrankung eine viel größere Rolle spielen, als man sich das früher vorstellen konnte. Viele an Magersucht erkrankte Kinder kommen aus völlig normalen und glücklichen Familien, über die die Erkrankung wie eine Naturgewalt hereinbricht.

 

Stationäre Behandlungen vermeiden

Das frühzeitige Erkennen der Erkrankung und ein schneller Behandlungsbeginn sollen stationäre Aufenthalte verhindern oder so kurz wie möglich gestalten.

Dafür werden Eltern geschult und befähigt, ihrem Kind aktiv helfen zu können, wieder ein gesundes Normalgewicht zu erlangen, dieses zu halten und nachhaltig gesunde Essgewohnheiten zu entwickeln.

FBT ermöglicht in vielen Fällen eine Behandlung im vertrauten häuslichen Umfeld unter ambulanter medizinischer Aufsicht und mit therapeutischer Unterstützung der Eltern.

 

Schnelle Gewichtswiederherstellung - weight restauration

Eine schnelle Gewichtszunahme wirkt sich positiv auf den Genesungsprozess aus und verbessert das Behandlungsresultat langfristig positiv.

Das Kind muss ein gesundes Gewicht wiedererlangen und darf nicht im Untergewicht bleiben.

 

Externalisierung

Eltern lernen, ihr Kind von der Krankheit zu trennen. Das sogenannte Externalisieren der Krankheit ist eine zentrale Komponente von FBT: Es bedeutet, dass der junge Mensch nicht für die Erkrankung verantwortlich gemacht werden darf.

Die Erkenntnis und das Wissen darum, dass nicht das Kind verantwortlich für die Krankheit ist, sondern dass die Krankheit das Kind kontrolliert, hilft den meisten Eltern sehr schnell besser mit der Situation umgehen zu können.

 

Psychische Gesundheit, Stärke und Einheit der Eltern erhalten

Eltern werden befähigt, diese extrem belastende Zeit gut durchzustehen. Die Erhaltung der psychischen Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Eltern ist ein Grundpfeiler der Behandlung.

Eltern lernen ebenfalls, gemeinsam gegen die Krankheit vorzugehen. Anorexie hat auch die Tendenz Beziehungen zu zerstören. Sowohl durch die extreme psychische Belastung, der das Familiengefüge ausgesetzt ist, als auch durch gegenseitige (oft sehr unterschwellige) Schuldzuweisungen. Anorexie spaltet, auch Beziehungen.

 

Zeitweise Übernahme der Autonomie

Es ist notwendig, dass die Eltern für eine begrenzte Zeit die komplette Autonomie über kritische Lebensbereiche wie Essen und Bewegung übernehmen.

Das Kind isst nicht, weil es nicht will, sondern weil es nicht kann. Es hat sich diese Krankheit nicht ausgesucht. Die Krankheit hat sich das Kind ausgesucht.

Es braucht jetzt keine zusätzlich übertragene Verantwortung für das eigene Essverhalten, die es in seinem jetzigen Zustand nicht bewältigen kann. Es benötigt keine psychotherapeutischen Gespräche über Kalorien, Nährwerte und Stoffwechsel. Es benötigt nicht die Suche nach Ursachen, die es in den allermeisten Fällen nicht gibt. Es benötigt praktische und handfeste intensive Hilfe.

 

Quellen

 

Weiterlesen: Weitere hilfreiche Informationen


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