Von Dr. Sarah Ravin auf Sonntag, 08. Mai 2022
Kategorie: Experten

Die Rolle der Motivation bei der Behandlung von Magersucht

Motivation ist der Prozess, der zielgerichtetes Verhalten auslöst, steuert und aufrechterhält. An diesem Prozess sind biologische, emotionale, soziale und kognitive Kräfte beteiligt, welche Verhalten aktivieren. Im Grunde ist Motivation das, was uns zum Handeln antreibt. In Bezug auf Essstörungen, bezieht sich der Begriff Motivation im Allgemeinen auf den inneren Antrieb, Genesung zu erreichen oder aufrechtzuerhalten.

Da Anosognosie (die Unfähigkeit, eine Erkrankung der eigenen Person wahrzunehmen) ein Hauptsymptom von Anorexia nervosa (AN) ist, haben die meisten Patienten während ihrer Erkrankung wenig oder gar keine Einsicht oder Motivation.

Wenn nun eine Person sich selbst nicht als krank wahrnimmt, wird sie auch nicht motiviert sein, wieder gesund zu werden. Wenn eine Person sich selbst als überlegen wahrnimmt, während sie unterernährt, abgemagert und hyperaktiv ist, wird sie wiederum einen hohen Antrieb haben, ihre AN aufrechtzuerhalten.

Glücklicherweise ist Motivation nicht notwendig, um mit der Genesung von AN zu beginnen. Bei der Familienbasierten Behandlung (FBT) wird Motivation von den Patienten in Phase I (Refeeding und Gewichtswiederherstellung) weder erwartet noch verlangt. Solange die Eltern hoch motiviert sind, ihr Kind wieder gesund zu machen (was bei den meisten Eltern sicherlich der Fall ist), ist eine Motivation des Patienten nicht erforderlich.

Es gibt zwei Arten von Motivation:

Extrinsische Motivation ist der Antrieb, eine Tätigkeit auszuführen, um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen. Extrinsische Motivation kommt von außerhalb des Individuums. So ist ein Oberstufenschüler beispielsweise motiviert, zu lernen, um gute Noten zu erzielen und zum Studium zugelassen zu werden.

Intrinsische Motivation ist ein innerer Antrieb, eine Tätigkeit aus persönlichen Gründen auszuführen, welche auf dem Interesse oder der Freude an der Aufgabe selbst beruht. Intrinsische Motivation besteht auch dann, wenn es keine äußere Belohnung gibt. Beispielsweise verbringt eine junge Künstlerin, die leidenschaftlich gerne malt, viele Stunden im Atelier und vertieft sich in ihre Kunst.

In der Erziehung wird oft schon früh auf extrinsische Motivation gesetzt, um die intrinsische Motivation zu entwickeln. Ein Kleinkind wird motiviert, auf die Toilette zu gehen, indem es zur Belohnung einen Sternaufkleber auf seiner Karte bekommt; ein Vorschulkind wird motiviert, die Regeln der Eltern zu befolgen, um eine Bestrafung zu vermeiden; ein Teenager wird motiviert, zur verabredeten Zeit zu Hause zu sein, um keinen Hausarrest zu bekommen.

Das oberste Ziel der Erziehung ist natürlich, dass die Kinder zu unabhängigen Erwachsenen heranwachsen, die nicht mehr auf extrinsische Motivation angewiesen sind, um in der Gesellschaft zu bestehen. Schließlich fühlt sich das Kind intrinsisch motiviert, die Toilette zu benutzen, weil es unangenehm ist, in einer schmutzigen Unterhose zu sitzen; es ist freundlich zu seinen Freunden und Geschwistern, weil es moralisch richtig ist und es gute Beziehungen zu ihnen pflegen will; es kommt zu einer angemessenen Zeit nach Hause, damit es gut schlafen kann und am nächsten Tag fit ist.

In ähnlicher Weise besteht ein langfristiges Ziel der Behandlung von Anorexia nervosa darin, dass die Patientin oder der Patient intrinsisch motiviert ist, gesund zu bleiben und sich zu erholen. Doch während wir darauf warten, dass sich eine intrinsische Motivation entwickelt, ist es völlig in Ordnung und in vielen Fällen sogar absolut notwendig, externe Motivationen zu schaffen, um die Person auf dem Weg zur Genesung vorwärts zu bringen.

Patienten mit Anorexia nervosa haben in der akuten Krankheitsphase oft keine oder nur eine geringe intrinsische Motivation zur Genesung. Vielmehr sind die meisten Patienten getrieben, ihr Essverhalten fortzusetzen, weil sie durch starke biologische, psychologische und soziale Kräfte dazu gezwungen werden. Aus diesem Grund ist es oft unabdingbar, extrinsische Motivationen zu nutzen, um die Patienten dazu zu bringen, genesungsorientiertes Verhalten an den Tag zu legen, z.B. Mahlzeiten zu essen, Gewicht zuzunehmen, sich nicht zu übergeben und die Termine mit dem Behandlungsteam wahrzunehmen.

AN-Patienten sind oft gehorsame, regelkonforme Menschen, die es allen recht machen wollen. Wir können diese Eigenschaften positiv nutzen, um die Genesung zu fördern. Häufig berichten Patienten, dass sie essen und zunehmen, um ihre Eltern glücklich zu machen oder um ihren Ärzten zu gefallen. Noch häufiger kommt es vor, dass Patienten sich an die Ernährungsumstellung halten und ihr Idealgewicht beibehalten, um einen Krankenhausaufenthalt zu vermeiden oder den Sport, den sie lieben, weiter betreiben zu können.

Eltern haben oft Sorgen, dass ihr Kind, wenn es sich selbst überlassen bliebe, sicher zu wenig essen, zu viel Sport treiben, wieder mit dem Erbrechen beginnen und ein weiteres Mal einen Rückschlag erleiden würde. Diese Sorge ist durchaus berechtigt. Genau deshalb brauchen die Patienten lange Zeit nach der Diagnose sehr viel Unterstützung und Überwachung. Im Übrigen besteht dieser Bedarf nach einem hohen Maß an Unterstützung und Überwachung noch viel, viel, viel länger, als es die meisten Behandlungsprogramme vorsehen oder die meisten Versicherungen bezahlen. Einer der Gründe, warum die Patienten so lange viel Unterstützung benötigen, ist, dass eine intrinsische Motivation für die meisten Patienten weder realistisch noch möglich ist, bis sie in der Genesung weiter fortgeschritten sind.

Während akut erkrankten Patienten oft die Motivation zur Genesung fehlt, sind viele Patienten, die ihr Gewicht wiederhergestellt haben und in ihrer psychologischen Genesung weiter fortgeschritten sind, sehr motiviert, gesund zu bleiben. Meiner Meinung nach gibt es mehrere Gründe für diesen Motivationswandel:

  1. Die Fähigkeit, klarer zu denken, dank eines gut ernährten Gehirns und Körpers.

  2. Reife. Die Patienten werden mit fortschreitender Genesung älter und reifer, und dank eines besser entwickelten präfrontalen Kortex‘ können sie vorausschauend denken, Pläne machen und ihre Absichten durchsetzen.

  3. Perspektive. Patienten in den späteren Phasen der Genesung sind oft durch die Hölle und zurück gegangen. Sie haben sich ihr Leben zurückerobert. Obwohl sie sich vielleicht nicht mehr an die akute Phase ihrer Krankheit erinnern können, wissen sie, dass diese schrecklich war und sie haben nicht die Absicht, dorthin zurückzukehren.

  4. Elterliche Intervention. Eltern, die ihre Kinder bei der Genesung von AN unterstützt haben, sind in der Regel äußerst motiviert, ihnen zu helfen, gesund zu bleiben. Vielleicht noch wichtiger ist, dass die Eltern sich befähigt fühlen, die in der Behandlung erlernten Hilfsmittel und Strategien einzusetzen, um ein Umfeld aufrechtzuerhalten, das der Genesung förderlich ist, und jedem Verhalten, das die Genesung gefährdet, ohne zu zögern Grenzen zu setzen.


Motivation scheint die natürliche Folge von wiederhergestellter Gesundheit und verbesserter Einsicht zu sein. Sobald ein Jugendlicher oder junger Erwachsener nicht mehr durch die AN belastet ist, beginnt er zu erkennen, wie krank er einst war und wie sehr die AN sein Leben ruiniert hat. Mit der Rückkehr in die Schule, zum Sport, zu Hobbys und zu einem aktiven sozialen Leben beginnt er, sich ein lebenswertes Leben aufzubauen. Dieses neue Leben motiviert ihn, den Genesungsprozess aufrechtzuerhalten. Es hält ihn gleichzeitig davon ab, Verhaltensweisen an den Tag zu legen, die zu einem Rückfall führen könnten.

Ich habe festgestellt, dass ältere Jugendliche und junge Erwachsene oft motiviert sind, gesund zu bleiben, um ihre Ziele zu erreichen. Sie wollen zum Beispiel Abitur machen, sie wollen im Ausland studieren, sie wollen heiraten und Kinder haben, sie wollen die Welt bereisen, sie wollen ein reiches und sinnvolles Leben führen, welches nicht von aufdringlichen Gedanken über Kohlenhydrate, Kalorien oder den Umfang ihrer Oberschenkel beherrscht wird.

Wie kann man nun die Motivation von Menschen, die sich von AN erholen, steigern? Nun, intrinsische Motivation muss per Definition von innen heraus wachsen und gedeihen. Sie kann nicht von außen aufgezwungen werden. Es gibt jedoch einige Dinge, die Familienmitglieder und Ärzte tun können, um die Entwicklung einer intrinsischen Motivation zu fördern:

Der Person helfen, ein erfülltes, reiches und sinnvolles Leben aufzubauen. Erinnern Sie die Person regelmäßig (nicht aufdringlich oder häufig) daran, dass ihr neues Leben ohne kontinuierliche Genesung nicht möglich wäre. Heben Sie die persönlichen Eigenschaften hervor, die der Person geholfen haben, ihre Genesung zu erreichen und aufrechtzuerhalten (z. B. "Du bist ein so starker, mutiger und engagierter Mensch, dass Du es geschafft hast, diese Krankheit zu überwinden")

Helfen Sie der Person, ihre Grundwerte zu erkennen und unterstützen Sie sie dabei, ein Leben zu führen, das mit diesen Werten übereinstimmt. Was ist das Wichtigste im Leben? Wie möchte er von seinen Angehörigen nach seinem Tod in Erinnerung behalten werden? Sofern die Person nicht akut an AN erkrankt ist, wird sie wahrscheinlich nicht sagen, dass es zu ihren Grundwerten gehört, schlank zu sein, übermäßig viel Sport zu treiben oder Zucker und Mehl zu vermeiden.

Die Konzentration auf die Grundwerte und das Streben nach einem sinnvollen Leben sind starke Motivatoren und wirksame Gegenmittel gegen die anorektischen Gedanken, die Zeit zu Zeit auftauchen werden.


Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
https://blog.drsarahravin.com/­eating-disorders/­after-weight-restoration-­the-role-of-motivation

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