Kategorie: Blog

  • Klinikzeit nutzen und Übergang/Start zu Hause gut vorbereiten (Regelmäßige Zoom Veranstaltung)

    Klinikzeit nutzen und Übergang/Start zu Hause gut vorbereiten (Regelmäßige Zoom Veranstaltung)

    Der Austausch soll Eltern, die Interesse daran haben, ihrem Kind mit familienbasierten Ansätzen zu helfen, alle wichtigen Informationen kompakt, schnell und einfach zu erhalten. Es besteht die Möglichkeit für Nachfragen und zum Austausch.

    Die Treffen dauern circa 90 – 120 Minuten. Die Teilnahme ist kostenlos und ausdrücklich auch für Nicht-Mitglieder zugänglich.

     

    Weitere Termine:

    • 14.10.2026
    • 25.11.2026
    • 16.12.2026

    Anmeldungen per Mail bitte an kathrin.muenster@elternnetzwerk-magersucht.de. Den Zugangslink erhaltet ihr kurz vor der Veranstaltung.

  • Für Experten: Beratung und Begleitung von Familien mit einem an Anorexie erkrankten Kind (Regelmäßige Zoom Veranstaltung)

    Für Experten: Beratung und Begleitung von Familien mit einem an Anorexie erkrankten Kind (Regelmäßige Zoom Veranstaltung)

    Dauer ca. 90 Minuten

    Wir beobachten aktuell eine stark zunehmende Zahl von erkrankten Kindern und jungen Erwachsenen zwischen 8-25 Jahren. Vielen Institutionen fehlt konkretes Wissen wie man betroffenen Kindern und Familien niederschwellig und zeitnah helfen kann.

    Wir erleben immer wieder, wie hilfreich es für alle Beteiligten ist, mit gemeinsamem Wissen und Kommunizieren dem betroffenen Kind bei seinem Heilungsprozess beizustehen.

    In dieser Fortbildung erhalten sie Informationen zu aktuellen Erkenntnissen rund um die Krankheit Anorexie (Magersucht) sowie konkreten Beispielen wie man betroffenen Kindern und Eltern niederschwellig helfen kann.

    In der E-Session werden neben wesentlichen Kommunikations-Schnittstellen und -methoden zwischen Eltern und Experten auch konkrete Maßnahmen für den Alltag aufgezeigt, die es allen Beteiligten ermöglichen, konkret zu unterstützen und zu helfen.

    Zugleich werden relevante Themen wie „Gesunde Ernährung, Sport und Bodyimage“ sowie der Einfluss sozialer Medien in Hinblick auf Essstörungen reflektiert und diskutiert. Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten nützliche Adressen und Informationen, die an betroffene Eltern weitergegeben werden können. Es gibt Zeit für Austausch und Fragen.

    Die Treffen dauern circa 90-120 Minuten. Die Teilnahme ist kostenlos und ausdrücklich auch für Nicht-Mitglieder zugänglich.

     

    Weitere Termine:

    • 11.11.2026 20:00

    Anmeldungen per Mail bitte an kathrin.muenster@elternnetzwerk-magersucht.de.

    Den Zugangslink erhaltet ihr kurz vor der Veranstaltung.

  • FIAT-Studie: Ist Ihr Kind schwer an Magersucht erkrankt?

    FIAT-Studie: Ist Ihr Kind schwer an Magersucht erkrankt?

    Die Familien-Basierte vs. Institutionelle Anorexia nervosa Therapie (FIAT)-Studie

    Die Anorexia nervosa, auch Magersucht genannt, ist eine schwere Erkrankung, die vor allem in der Kindheit und Jugend entsteht und einen chronischen Verlauf nehmen kann. Oft wissen Eltern nicht, wie sie ihren Kindern helfen können. Studien zeigen: eine frühe und spezialisierte Behandlung verbessert die Heilungsraten junger Menschen mit Magersucht.

    Die Charité in Berlin führt hierzu eine bundesweite Studie an 22 Kliniken mit spezialisiertem Essstörungsschwerpunkt durch, die zwei Therapieangebote miteinander vergleicht: die stationäre, multimodale Therapie und die ambulante, Familien-Basierte Therapie.

    Beide Therapieformen sind evidenzbasiert und wirksam. Die Studie untersucht, ob für schwer erkrankte Kinder und Jugendliche mit Magersucht die Familien-Basierte Therapie bei gleicher Heilungsrate die Zeit im Krankenhaus verringern kann.

    Suchen Sie spezialisierte, therapeutischen Hilfe für Ihr Kind? Hier können Sie sich über das Projekt informieren: ↗https://fbt-fiat.de ↗

    Mit Fragen zum FIAT-Programm wenden Sie sich gerne an: anfrage@fbt-fiat.de

  • FIAT-Studie: Eltern sind Teil der Lösung, nicht das Problem

    FIAT-Studie: Eltern sind Teil der Lösung, nicht das Problem

    Familienbasierte Therapie: Eltern als Schlüssel zur Heilung

    Das vollständige Interview finden Sie hier:

    📖 Markus Wallbrecher – FBT: Eltern sind Teil der Lösung, nicht das Problem

    Ein bedeutender Schritt zur Etablierung von FBT in Deutschland könnte die FIAT-Studie der Charité in Berlin werden. In den kommenden zwei Jahren soll an bis zu 20 deutschen Kliniken die Wirksamkeit von FBT untersucht werden. Ziel ist es, diese Therapieform als anerkannten Behandlungsstandard im deutschen Gesundheitssystem zu etablieren. Die Charité, als angesehene Forschungseinrichtung, leistet damit einen entscheidenden Beitrag zur Integration innovativer und effektiver Behandlungsmethoden für Essstörungen.

    Essstörungen bei Jugendlichen sind eine immense Herausforderung für Betroffene und ihre Familien. In Deutschland dominiert bislang die stationäre Behandlung, während die familienbasierte Therapie (FBT) weltweit erfolgreich eingesetzt wird. Diese evidenzbasierte Methode integriert Eltern aktiv in den Heilungsprozess ihrer Kinder.

    Dr. Verena Haas, Ernährungswissenschaftlerin, betont: „FBT hilft den Eltern dabei, ihrem Kind zu helfen!“ Sie sieht in den Eltern keine Verursacher, sondern wichtige Unterstützer. Kathrin Jacobi vom Elternnetzwerk Magersucht e.V. ergänzt: „Die Einbindung der Familie beschleunigt und stabilisiert den Heilungsprozess.“

    In Deutschland setzt sich das Elternnetzwerk Magersucht intensiv dafür ein, familienbasierte Ansätze wie FBT, Maudsley, HOT und MFT bekannt und als Kassenleistung nutzbar zu machen.

    Die Kombination aus international anerkanntem Ansatz, engagierten Eltern und wissenschaftlicher Unterstützung durch die Charité könnte einen Wendepunkt in der Behandlung von Essstörungen in Deutschland bedeuten.

    Mehr Information zum Autor Markus Wallbrecher:
    https://www.markus-wallbrecher.de/

    Informationen zur FIAT-Studie:
    https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/neue-versorgungsformen/fiat.641

  • ANGI – Persönliche Überlegungen und die Bedeutung der ANGI-Ergebnisse für Patienten, Familien und Kliniker heute (Teil 4)

    ANGI – Persönliche Überlegungen und die Bedeutung der ANGI-Ergebnisse für Patienten, Familien und Kliniker heute (Teil 4)

    Kürzlich fragte mich Dr. June Alexander in einem Interview, wie ich mich fühlte, als wir mit ANGI begannen, und wie ich mich heute angesichts der Ergebnisse fühle. Ich antwortete, dass ich vor sechs Jahren, als wir mit ANGI begannen, sowohl entmutigt als auch entschlossen war.

    Einige Leute bezweifelten, dass wir Blutproben von 13 000 Personen mit Anorexia nervosa gewinnen könnten, aber um ehrlich zu sein, habe ich nie daran gezweifelt, dass wir es schaffen würden. Meine Gewissheit kam daher, dass ich seit 1982 in diesem Bereich arbeitete!

    Nachdem ich mit Menschen mit Anorexia nervosa und ihren Familien auf drei Kontinenten und über vier Jahrzehnte hinweg gearbeitet hatte, hatte ich ein ziemlich gutes Gespür dafür, wie verzweifelt sie nach Antworten suchten und wie unzufrieden sie mit unserem derzeitigen Verständnis und unserer Behandlung dieser verheerenden Krankheit waren. Außerdem wusste ich in meinem Herzen, dass das Mitgefühl, das ich bei so vielen Patienten gesehen hatte (oft, bevor sie es bei sich selbst erkennen konnten), ihre Bereitschaft fördern würde, sich zu beteiligen und etwas zurückzugeben, in der Hoffnung, dass andere nicht das gleiche Leid ertragen müssen wie sie selbst.

    Meine Intuition erwies sich als richtig. Ich denke, dass in unseren nächsten Phasen, wenn wir unsere Stichprobengröße erweitern und mit der Rekrutierung für Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung beginnen, die Dinge noch besser laufen werden, da wir keine Blutproben mehr benötigen! Die Technologie hat sich in den letzten sechs Jahren so weiterentwickelt, dass wir mit einer einfachen Speichelprobe die gleichen Analysen durchführen können, für die wir bei ANGI Blut benötigten.

    Ein neuer Erklärungsrahmen.

    Unsere Ergebnisse und unsere Schlussfolgerung, dass Anorexia nervosa am besten als metabopsychiatrische Krankheit verstanden werden kann, sind für Patienten und Familien insofern von Bedeutung, als sie einen neuen Erklärungsrahmen für das Verständnis der Krankheit bieten.

    Seit meinen ersten Tagen in diesem Bereich haben die rein soziokulturellen Erklärungen für Anorexia nervosa einfach nicht gepasst. Sicher, eine Diät, um ein Schlankheitsideal zu erreichen, könnte in einigen Fällen den Prozess in Gang setzen, aber das erklärte nicht, warum nicht alle, die diesem Schlankheitsideal ausgesetzt waren, eine Magersucht entwickelten. Es erklärte auch nicht, warum Menschen mit Anorexia nervosa weit über das gesellschaftliche Ideal hinaus abnahmen, das auf der Titelseite eines Hochglanzmagazins abgebildet ist. Irgendetwas fehlte.

    So oft beschrieben Eltern diese unglaublichen Veränderungen bei ihren Kindern, die ihren Abstieg in die Magersucht kennzeichneten, und ihre Erleichterung während der Genesung, als wieder Anzeichen ihres Kindes sichtbar wurden, die dem Kind vor der Erkrankung glichen. Die Patienten schilderten, dass sie essen und gesund sein wollten, aber nicht in der Lage waren, eine undurchdringliche Barriere zu überwinden, die es ihnen erlaubte, zu essen und an Gewicht zuzunehmen. Man könnte sagen, dass ich in meiner Laufbahn nach einer Erklärung gesucht habe, die den verwirrendsten Aspekten der Anorexia nervosa gerecht wird und sie genau beschreibt.

    Einige der verwirrendsten Aspekte sind: Wie erreichen und halten Menschen mit dieser Krankheit eigentlich ein so niedriges Gewicht? Warum ist eine negative Energiebilanz (mehr Kalorien verbrauchen als sie zu sich nehmen) für die Krankheit förderlich? Warum nimmt ihr Körper selbst nach einer medizinisch überwachten Wiederherstellung des Gewichtes durch Ernährung so schnell ab? Warum scheint körperliche Aktivität stärker zu wirken als Essen? Warum durchlaufen sie während der Nahrungsaufnahme eine hypermetabolische Phase, in der sie Kalorien in einer Weise verbrennen, die unsere Gleichungen einfach nicht vorhersagen können?

    Es gibt so viele unbeantwortete Fragen. Im Nachhinein ist klar, dass alle direkt auf eine metabolische Komponente der Krankheit hinweisen.

    Ernährung – Die Bedeutung der Nahrungsaufnahme

    Unsere Ergebnisse sagen uns noch nichts über die Art der Stoffwechselkomponente, das ist ein wichtiges Thema, das noch erforscht werden muss. Sie bieten jedoch einige wichtige Anregungen für die Behandlung. So konzentrieren sich beispielsweise viele unserer Maßnahmen auf die Bedeutung der Wiederherstellung und Aufrechterhaltung eines gesunden Gewichts als Eckpfeiler der Genesung.

    Die familienbasierte Behandlung (FBT), das spezialisierte unterstützende klinische Management (SSCM), die kognitiv-behaviorale Therapie (CBT-E) und die klinischen Leitlinien konzentrieren sich alle auf die Bedeutung der Wiederherstellung des Gewichts und der Normalisierung des Essverhaltens. Doch aus dem einen oder anderen Grund könnten viele Behandlungen hinter diesen Zielen zurückbleiben, und erreichen nur eine teilweise Wiederherstellung des Gewichts und eine teilweise Normalisierung des Essverhaltens.

    Auch wenn dies spekulativ ist, werfen unsere Ergebnisse die Frage auf, ob diese partiellen Versuche unweigerlich zum Scheitern der Behandlung oder zu einem Rückfall führen, weil sie dem Stoffwechsel keine Gelegenheit geben, sich auszugleichen oder neu einzustellen.

    Wird ein Patient aufgrund fehlender Kostenübernahme durch die Krankenversicherung vorzeitig aus einem stationären Ernährungsprogramm entlassen, stehen die Chancen gut, dass er in naher Zukunft mit einem niedrigen Gewicht wieder auf der Station landet, was letztlich mehr Geld kostet und sowohl für den Patienten als auch für seine Familie mehr Leid bedeutet.

    Vermeiden einer negativen Energiebilanz

    In ähnlicher Weise habe ich Patienten und Familien immer nahegelegt, eine negative Energiebilanz zu vermeiden, auch nach einer langfristigen Genesung. Diese Empfehlung beruhte immer nur auf klinischen Beobachtungen. Zu oft hatte ich erlebt, dass jemand in einer stressigen Phase Mahlzeiten ausfallen ließ oder dass eine Auslandsreise den Essensplan durcheinander brachte, was (selbst nach Jahren der Genesung) zu einem regelrechten Rückfall führte.

    Nun, vielleicht liegt die Erklärung in unseren Ergebnissen. Vielleicht ist die negative Energiebilanz der Schalter, der den Stoffwechselprozess in Gang setzt, der den Abstieg in die Anorexia nervosa einleitet. Wenn überhaupt, dann bin ich angesichts unserer Ergebnisse jetzt zuversichtlicher, was diese Empfehlung angeht. Im Grunde genommen wird die Anorexia nervosa zu einem Teil Ihres gesundheitlichen Erbes. Das heißt nicht, dass man nicht wieder gesund werden kann, aber es bedeutet, dass man wachsam sein muss.

    Ich ziehe eine Analogie zu meiner eigenen Rückenverletzung. Drei Wirbel in meinem Rücken wurden 1978 gebrochen, als mich ein paar betrunkene Fans bei einem Notre-Dame-Footballspiel auf der Tribüne hochhoben, weiterreichten und mich dann fallen ließen. Diese Knochen sind vollständig verheilt, aber seitdem muss ich jeden Tag Übungen zur Stärkung des Rückens machen und auf Positionen oder Aktivitäten achten, die mich dem Risiko eines Rückfalls aussetzen könnten. Die Nervenkitzel suchende Person in mir hätte gerne Bungee-Jumping ausprobiert, aber das Risiko war zu hoch.

    Dieses Ereignis ist ein Teil meines gesundheitlichen Erbes, das ich respektieren muss. Wenn Sie eine Anorexia nervosa hatten, müssen Sie ebenfalls auf eine negative Energiebilanz achten und diese vermeiden, denn das Risiko ist einfach zu hoch.

    Was ist mit dem genetischen Risiko?

    Eine weitere Frage, die unsere Arbeit bei Menschen aufwirft, die an Anorexia nervosa erkrankt sind, ist die Frage, was dies für ihre nächste Generation bedeutet.

    Das Wichtigste ist, daran zu denken, dass Genetik kein Schicksal ist! Anorexia nervosa ist ein klassisches komplexes Merkmal, das von Hunderten, wenn nicht Tausenden von Genen mit geringer bis mittlerer Wirkung sowie von Umweltfaktoren beeinflusst wird. Tatsächlich kann man Ihr Risiko (und das Ihrer Nachkommen) als eine Kombination von vier Faktoren betrachten: genetische Risikofaktoren, genetische Schutzfaktoren, Umweltrisikofaktoren und Umweltfaktoren, die schützen. Um die Komplexität noch weiter zu erhöhen, können Sie epigenetische Faktoren hinzuziehen.

    In der Vergangenheit konnten wir nur umweltbedingte Risiko- und Schutzfaktoren identifizieren. Jetzt können wir diesem Mix die Fähigkeit hinzufügen, das genetische Risiko zumindest zu quantifizieren (und unsere Zuversicht, dies zu tun, wird mit zunehmendem Stichprobenumfang steigen). Die genetischen Schutzfaktoren haben wir immer noch nicht in den Griff bekommen. Es ist durchaus möglich, dass jemand mit einem hohen genetischen Risiko für Anorexia nervosa die Krankheit nie entwickelt, weil es genetische und/oder umweltbedingte Schutzfaktoren gibt. Ebenso kann jemand mit einem geringen genetischen Risiko für Anorexia nervosa die Krankheit entwickeln, weil die Umweltfaktoren übermäßig riskant sind. Weder Genetik noch Umwelt sind also Schicksal.

    Eltern, bei denen Essstörungen in der Vergangenheit aufgetreten sind und die sich fragen, welches Maß an Wachsamkeit angemessen ist, wenn sie beobachten, wie ihre Kinder die Altersstufen durchlaufen, in denen das Risiko für Essstörungen besteht, sollten einen genetischen Berater aufsuchen. In der Vergangenheit haben sich genetische Berater vor allem auf Krankheiten wie Huntington konzentriert, bei denen die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung eindeutig war. Heute sind sie im Umgang mit komplexeren Krankheiten wie Anorexia nervosa geschult und können Familien dabei helfen, das Risiko zu verstehen und einzuschätzen.

    Generell ermutigen wir Eltern, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Hypervigilanz und Blindheit gegenüber Anzeichen einer Essstörung anzustreben. Wenn Sie sich Sorgen um Ihr Kind machen, ist es am besten, einen Termin für eine Untersuchung zu vereinbaren und mit Ihrem Arzt über Ihre Bedenken zu sprechen und darüber, wie Sie diese am besten angehen können. Die Forschung auf diesem Gebiet ist sehr aktiv, und wir hoffen, in naher Zukunft weitere Hilfsmittel und Anleitungen für Eltern bereitstellen zu können.

    Wir möchten noch einmal allen Patienten, Familienmitgliedern, Klinikern, Befürwortern und Forschern danken, die an ANGI teilgenommen haben. Es war eine bemerkenswerte Reise, und wir freuen uns darauf, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, wenn wir unsere nächste Studie, die Eating Disorders Genetics Initiative (EDGI), auf den Weg bringen. Bleiben Sie dran!

    15.07.2019 – Cynthia Bulik, PhD, FAED

    https://sph.unc.edu/adv_profile/cynthia-bulik/

    https://uncexchanges.org/2019/07/15/personal-reflections-and-what-the-angi-results-mean-for-patients-families-and-clinicians-today-part-4/

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung ausserhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

  • ANGI – Die Zukunft der genetischen Forschung zu Essstörungen (Teil 3)

    ANGI – Die Zukunft der genetischen Forschung zu Essstörungen (Teil 3)

    In diesem Blog befassen wir uns mit der Frage, wie es weitergeht. Das Psychiatric Genomics Consortium (PGC) hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, für alle wichtigen psychiatrischen Störungen eine Stichprobengröße von 100.000 zu erreichen, und Anorexia nervosa ist da keine Ausnahme. Als Arbeitsgruppe für Essstörungen (Eating Disorder – ED) des PGC ist unsere Arbeit sogar noch umfangreicher, da wir für Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Binge-Eating-Disorder so große Stichprobengrößen ermitteln müssen. Darüber hinaus befinden sich die Mitglieder der PGC-ED im Anfangsstadium der Planung einer GWAS (Genomweite Assoziationsstudie) für die vermeidende/restriktive Nahrungsaufnahme (ARFID), und sobald wir das klinische Phänomen der atypischen Anorexia nervosa (alle Symptome der Anorexia nervosa, aber kein niedriges Körpergewicht) besser verstehen, werden wir auch die Genetik dieser Erkrankung untersuchen.

    Bei unserer Arbeit geht es jedoch nicht nur darum, große Proben zu sammeln und Loci (Anm.d.Red.: die physische Position eines Gens im Genom, der Genort) im Genom zu identifizieren, die mit verschiedenen Krankheitszuständen in Verbindung stehen. Die eigentliche Frage lautet: Wie kommt man von einer GWAS zur funktionellen Biologie und schließlich zur Umsetzung der Erkenntnisse in die Klinik? Um diese Frage zu beantworten, führte ich ein Interview mit Patrick Sullivan, MD, FRANZCP, dem Mitbegründer und Vorsitzenden des Koordinierungsausschusses des PGC. Ich möchte ganz offen sagen, dass Dr. Sullivan sowohl mein Mitarbeiter, als auch mein Ehemann ist (nicht in dieser Reihenfolge!).

    Dr. Bulik: „Wie Sie wissen, haben das PGC-ED und ANGI gerade eine Arbeit (an der Sie als Autor beteiligt sind) in Nature Genetics veröffentlicht, in der acht Loci identifiziert wurden, die signifikant mit Anorexia nervosa assoziiert sind, sowie eine faszinierende Reihe von genetischen Korrelationen, die auf metabopsychiatrische Ursachen hindeuten. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit/Studie?“

    Dr. Sullivan: „Im Großen und Ganzen – das Wichtigste ist, dass diese Methode (GWAS) funktioniert und uns helfen wird, diese Störung zu verstehen, deren Ursache wir mit anderen Methoden nicht ergründen konnten. Ärzte haben sich seit Generationen Gedanken über die Ätiologie der Anorexia nervosa gemacht, und hier haben wir die ersten klaren Erkenntnisse über die Ursache.“

    Dr. Bulik: „Wir hören immer, dass eine große Stichprobengröße für den Erfolg von GWAS entscheidend ist. Wo steht Anorexia nervosa im Vergleich zu den anderen psychiatrischen Störungen, die das PGC untersucht?“

    Dr. Sullivan: „Diese GWAS ist in der Mitte angesiedelt. Schizophrenie, bipolare Störungen und Major Depression liegen vor uns, aber die Arbeit in diesen Bereichen begann schon früher. Das PGC wurde im Jahr 2007 gegründet. ANGI begann erst 2013. Die Anorexia nervosa GWAS liegt irgendwo in der Mitte aller Störungen, die wir derzeit untersuchen.“

    Dr. Bulik: „Man hört Sie oft sagen, dass der Sinn von GWAS darin besteht, die Biologie aufzuklären. Was sagt uns diese Studie über die Biologie der Anorexia nervosa?“

    Dr. Sullivan: „Wir haben in dieser Studie interessante Hinweise gefunden. Wir konnten einige Zelltypen und biologische Wege vorläufig identifizieren, aber das Signal-Rausch-Verhältnis ist noch nicht gut genug. Bei Schizophrenie werden so viele Dinge unglaublich klar, wenn man eine ausreichend große Stichprobe hat. Dies ist ein großartiger Anfang, aber es gibt noch so viel mehr zu tun. Im Gegensatz zu Erkrankungen wie entzündlichen Darmerkrankungen oder Prostatakrebs waren wir bisher nicht in der Lage, eine Gewebeprobe zu entnehmen oder auch nur zu wissen, welches Gewebe wir bei Anorexia nervosa entnehmen sollten, um die Biologie zu untersuchen – ist es das Gehirn, ist es das Fettgewebe – wir wissen einfach nicht, wo der „Sitz“ der Anorexia nervosa ist. Die Arbeit in dieser Studie ist ein erster Schritt in diese Richtung, aber wir brauchen eine größere Stichprobe, um das herauszufinden.“

    Dr. Bulik: „Viele unserer Leser sind an der grundlegenden Frage interessiert: ‚Und jetzt?‘ Was bedeutet es, dass wir 8 Loci identifiziert haben, und was bringt uns das in Bezug auf das Verständnis und die Therapeutik?“

    Dr. Sullivan: „Ich habe zwei Antworten auf diese Frage. Erstens können wir auf der Grundlage von Arbeiten wie dieser den genetischen Risikoscore einer Person berechnen. Im Grunde sagt uns das, wie hoch das individuelle genetische Risiko für eine Krankheit wie Anorexia nervosa ist. Wir sind sehr daran interessiert, genetische Risikowerte in der Klinik anzuwenden, um zu sehen, ob wir zu Beginn der Krankheit vorhersagen können, wer ein Risiko für einen schlechten Ausgang hat. Wenn uns dies gelingt, können wir spezifische Strategien anwenden, um die Entwicklung eines chronischen oder schweren Verlaufs abzumildern. Dies ist ein wichtiger Bestandteil der personalisierten Medizin. Zweitens: Wenn unsere neurowissenschaftlichen Mitarbeiter mit einer größeren Stichprobengröße Zelltypen ausfindig machen und das Netzwerk oder die Netzwerke identifizieren können, die bei AN gestört oder dysfunktional sind, dann können wir mit klaren Zielpfaden das moderne kombinierte Hochdurchsatz-Wirkstoffscreening nutzen, um Therapeutika zu identifizieren oder zu entwickeln, die direkt auf die Biologie der Krankheit abzielen. Das ist besonders wichtig für Anorexia nervosa, weil es keine wirksamen Medikamente zur Behandlung der Krankheit gibt.

    Dr. Bulik: „Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und für Ihre Arbeit, mit der Sie das Gebiet der psychiatrischen Genetik voranbringen.“

    Dr. Sullivan: „Ich danke Ihnen!“

    15.07.2019 – Cynthia Bulik, PhD, FAED

    https://sph.unc.edu/adv_profile/cynthia-bulik

    https://uncexchanges.org/2019/07/15/the-future-of-genetic-research-on-eating-disorders-angi-part-3-an-interview-with-patrick-sullivan-md-franzcp/

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung ausserhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

  • Fortbildung für Ärztinnen & Ärzte: Wenn die Waage das Leben bestimmt (Mai 2023)

    Fortbildung für Ärztinnen & Ärzte: Wenn die Waage das Leben bestimmt (Mai 2023)

    In dieser Fortbildung diskutieren ausgewiesene ExpertInnen über die Ursachen und Auswirkungen der Anorexia nervosa auf den wachsenden Organismus, auch unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses der Corona-Pandemie.

    Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen wie z.B. die Anorexia nervosa zeigen eine ansteigende Prävalenz. Durch neue Erkenntnisse zur Ätiologie, Prävention und Diagnostik haben sich die Auffassung der Erkrankung und das Verständnis in den letzten Jahren verändert.

  • ANGI – Der Prozess (Teil 2)

    ANGI – Der Prozess (Teil 2)

    Zwischen Januar 2013 und Juli 2016 ist es uns gelungen, Blutproben und klinische Informationen von 13 363 Personen mit Anorexia nervosa und 9 342 Kontrollpersonen (Menschen ohne Essstörungen) in fünf Ländern auf der ganzen Welt zu erhalten. In diesem Beitrag, dem zweiten von vier, erklären wir, wie wir dieses ehrgeizige Ziel erreicht haben.

    Die ANGI-Teams

    USA. ANGI wurde von der UNC Chapel Hill aus koordiniert, unter der Leitung von Dr. Cynthia Bulik, Leiterin der Forschung, und Dr. Laura Thornton, stellvertretende Direktorin. Dank Dr. Thorntons Fähigkeit, ein internationales Konsortium zu leiten, wurde ANGI zu einem Erfolg. Dr. Patrick Sullivan aus den Abteilungen für Genetik und Psychiatrie war ein Co-Untersuchungsbeauftragter. Im Laufe der Studie wurden wir von zahlreichen Dozenten und Mitarbeitern unterstützt, darunter Hunna Watson, PhD, MBiostats (Erstautorin und Chefanalystin), Zeynep Yilmaz, PhD (Analystin), Jessica Baker, PhD, und Melissa Munn-Chernoff, PhD. Viele andere UNC-Fakultäten und -Mitarbeiter halfen bei der Arbeit mit.

    Schweden. ANGI-SE wurde von Prof. Mikael Landén als Hauptprüfer geleitet und von Dr. Anders Juréus koordiniert. Das große und engagierte schwedische ANGI-Team veranstaltete eine Feier zum Abschluss der Studie, um das Erreichen der Rekrutierungsziele zu feiern.

    Dänemark. Das Zentrum von ANGI-DK befand sich in Aarhus, Dänemark, unter der Leitung von Prof. Preben Bo Mortensen, der von Liselotte Petersen, PhD und Janne Tidselbak-Larsen unterstützt wurde.

    Australien. ANGI-AU wurde von Prof. Nick Martin geleitet und von Richard Parker koordiniert. Prof. Tracey Wade von der Universität Adelaide war ebenfalls beteiligt. Die Fachwelt der Essstörungen „down-under“ ist in der Australia and New Zealand Academy for Eating Disorders (ANZAED) zusammengeschlossen, die maßgeblich an der Rekrutierung in Australien und Neuseeland beteiligt war. Als das Interesse in Neuseeland wuchs, halfen Prof. Martin Kennedy und Dr. Jenny Jordan von der University of Otago, die Rekrutierung in Australasien voranzutreiben. Fachpersonal und Menschen mit „lived experience“ waren in beiden Ländern bereit, in den Medien über ANGI zu reden, um Menschen mit Anorexia nervosa für die Teilnahme bei der ANGI Studie zu gewinnen.

    Die Strategie

    Teilnehmer gewinnen. Da wir wussten, dass wir eine große Aufgabe zu bewältigen hatten, entwickelten wir eine mehrgleisige Rekrutierungsstrategie, die Forscher, Kliniker, Journalisten, Blogger, Selbsthilfegruppen, Familienmitglieder und Menschen mit Anorexieerfahrung einbezog, um ANGI bekannt zu machen. Dafür entwickelten wir eine Outreach-Strategie, die traditionelle Medien, soziale Medien, Blogs und andere Kanäle einschloss. Das australische Team engagierte die PR-Firma Viva! Communications, die eine breit angelegte traditionelle (TV, Radio, Print) und digitale (Online und Social) Berichterstattung zusammen mit den nationalen Medien für Fachkräfte im Gesundheitswesen und Verbraucher nutzte. In der Tat, Viva! die ANGI-Kampagne wurde vom Public Relations Institute of Australia mit dem National Golden Target Award ausgezeichnet. Jedes Mal, wenn die Kampagne anlief, gab es einen enormen Anstieg der Teilnehmerzahlen, wobei Hunderte von Personen die Website besuchten, um an der Umfrage teilzunehmen und sich für ANGI anzumelden. Bei jeder unserer Aktionen (in New South Wales, Westaustralien, Neuseeland) wurde medizinisches Fachpersonal und Menschen mit Anorexia nervosa engagiert, um den lokalen und nationalen Medien im ganzen Land zur Verfügung zu stehen, was eine nahezu sofortige Reaktion und die Verfügbarkeit von Personen für Interviews in Printmedien, Radio oder Fernsehen sicherstellte.

    Dänemark war einzigartig

    Unsere Arbeit in Dänemark unterschied sich von den anderen Standorten durch die erstaunliche nationale Ressource, die den Bluttropfen aus dem Fersenstich eines Neugeborenen speichert. In vielen Ländern wird bei der Geburt eines Babys mittels eines kleinen Stichs in die Ferse ein Bluttropfen entnommen [Phenylketonurie (PKU)-Test], um festzustellen, ob das Neugeborene das Enzym hat, das zur Verwertung von Phenylalanin benötigt wird. Phenylalanin ist eine Aminosäure, die für normales Wachstum und normale Entwicklung benötigt wird. Bei frühzeitiger Erkennung kann eine phenylalaninarme Diät die Folgen der PKU für die neurologische Entwicklung verhindern. In den meisten Ländern werden diese Blutproben nach Abschluss des Tests einfach weggeworfen, doch in Dänemark werden sie klugerweise unter kontrollierten Bedingungen gelagert, so dass GWAS (Anm.d.R.: GWAS = Genomweite Assoziationsstudien) noch Jahre und sogar Jahrzehnte später an ihnen durchgeführt werden können. Außerdem können wir dank der hervorragenden Gesundheitsregister des Landes jeden identifizieren, bei dem zu irgendeinem Zeitpunkt Anorexia nervosa diagnostiziert wurde. So konnten wir die Blutproben derjenigen entnehmen, bei denen Anorexia nervosa diagnostiziert wurde, zusammen mit den nach Geschlecht und Geburtsjahr identifizierten Kontrollpersonen, die nie an der Krankheit litten. Mit dieser Strategie hat Dänemark Proben von 5 019 Personen mit Anorexia nervosa beigesteuert und damit den größten Beitrag zur ANGI-Stichprobe geleistet.

    Das haben wir gelernt

    Nationale Gesetze. Wenn man eine internationale Studie wie ANGI durchführt, lernt man viel über internationale Gesetze. In einigen Ländern konnten wir alles online erledigen (Einverständniserklärungen, Screening, Rekrutierung), während in anderen Ländern ein telefonischer Kontakt mit dem Forschungspersonal zu einem bestimmten Zeitpunkt des Prozesses erforderlich war. Es steht außer Frage, dass die Rekrutierung reibungsloser abläuft, wenn alles online erledigt werden kann. Am besten ist es vielleicht, den Teilnehmern die Wahl zu geben. Einige Personen schätzen die Möglichkeit, ihre Geschichte jemandem zu erzählen, der sich wirklich für sie interessiert, während andere sich viel wohler fühlen, wenn sie alles digital erledigen können.

    Es den Teilnehmern leicht machen. Die Technologie der Genetik schreitet schnell voran. Als wir mit ANGI begannen, musste den Teilnehmern Blut abgenommen werden, was den Aufwand für sie erhöhte. Sie mussten zu einem bestimmten Ort fahren , um das Blut abnehmen und zur Genotypisierung einsenden zu lassen. Dies stellte eine zusätzliche Hürde dar, vor allem in den USA, wo die Möglichkeiten der Blutentnahme begrenzt sind. Die Abschlussraten stiegen, als wir ein mobiles Blutabnahme-Unternehmen anheuerten, das zur Blutentnahme für ANGI zu den Probanden nach Hause kam. In der nächsten Phase unserer Forschung werden die Dinge viel einfacher sein. Dank des technologischen Fortschritts können wir jetzt sicher sein, dass Speichelproben qualitativ hochwertige DNS liefern. Für die Teilnahme an unseren laufenden und nächsten Studien brauchen Sie also nur in ein Röhrchen zu spucken und es an uns zurückzuschicken!

    Viele schwerkranke Menschen sind von einer Behandlung weit entfernt. Eine der anfänglichen Befürchtungen bezüglich unserer Rekrutierung über die sozialen Medien war, dass wir Personen mit Anorexia nervosa anziehen würden, die viel weniger krank sind als die Personen, die wir aus den Behandlungszentren rekrutieren. Dies erwies sich als nicht zutreffend, was sehr besorgniserregend ist. Viele schwer kranke Menschen leben mit Anorexia nervosa mitten in unserer Gesellschaft, ohne dass sie an Behandlungseinrichtungen angebunden sind. Die Gründe dafür sind vermutlich vielfältig – fehlender Zugang zu medizinischer Versorgung, Versicherung, frühere Erfahrungen mit der Behandlung und fehlende Behandlungsoptionen für Menschen mit chronischen Krankheiten. Das hat uns die Augen dafür geöffnet, dass es in unserer Gesellschaft einen sehr ernstzunehmenden Bedarf gibt, und das wir dafür Sorge tragen müssen, dass Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten für alle Menschen im gesamten Schweregradspektrum zur Verfügung stehen.

    Der Wert engagierter Wissenschaft. Ich habe es schon früher gesagt, aber ANGI war das lohnendste Projekt, an dem ich in meiner Laufbahn je beteiligt war. Die Großzügigkeit von Menschen mit Anorexia nervosa und ihr aufrichtiger Wunsch, „etwas zurückzugeben“, haben mich persönlich berührt. So viele Teilnehmer gaben bereitwillig ihre Zeit (und ihr Blut!) in der Hoffnung, dass ihr Beitrag dazu beitragen würde, anderen das Leiden zu ersparen, das die Magersucht bei ihnen verursacht hatte. Ich bin mir nicht sicher, wie ich es am besten ausdrücken soll, nachdem ich jahrzehntelang in diesem Bereich gearbeitet habe, aber es gibt einen inneren Kern von Menschlichkeit, den ich in jeder Person, mit der ich in diesem Bereich gearbeitet habe, gesehen habe. Allzu oft konnte ich ihn erkennen, bevor sie ihn selbst wahrnehmen konnten. Er ist vielleicht Teil der ausgepägten zwischenmenschlichen Hochsensibilität, die sie überhaupt erst anfällig für die Entwicklung der Krankheit macht, aber wenn sie in eine gesunde Richtung kanalisiert wird, ist sieein Geschenk für die Welt.

    Die Einbeziehung von Patienten, Familienmitgliedern und Unterstützer im Dienste der Wissenschaft ist schwieriger, als sich im Elfenbeinturm zu verstecken, verleiht unserer Arbeit aber letztlich mehr Bedeutung. Dr. Hunna Watson, unsere leitende statistische Analystin, erklärte: „Diese Arbeit war auf einen weltweiten Einsatz von Wissenschaftlern und der gesamten Gemeinschaft angewiesen, um diese neuen Erkenntnisse in den Vordergrund zu stellen. Das ultimative Ziel ist es, die Ursachen von Anorexia nervosa zu erfassen, damit die verheerenden persönlichen und familiären Folgen dieser Krankheit eines Tages abgewendet werden können.“

    15.07.2019 – Cynthia Bulik, PhD, FAED

    https://sph.unc.edu/adv_profile/cynthia-bulik

    https://uncexchanges.org/2019/07/15/anorexia-nervosa-genetics-initiative-angi-part-2-the-process

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung ausserhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

  • Zielgewichte festlegen

    Zielgewichte festlegen

    Ich habe einige recht ausführliche Richtlinien für die Bestimmung des idealen Körpergewichts bei pädiatrischen Patienten und über das, was wir in der Kartini Clinic „Zustand statt Gewicht“ (state not weight) nennen, geschrieben. Heute verwenden wir eher den Begriff „Zielgewicht“ als „ideales Körpergewicht“, da „ideal“ so viel Ballast mit sich bringt.

    Professor Bryan Lask bat mich einmal, an einer Debatte in einer internationalen Fachzeitschrift teilzunehmen, in der es um die Frage ging, ob eine vollständige Wiederherstellung des Gewichts bei der Behandlung von Essstörungen notwendig sei oder nicht. Ich sollte den Standpunkt „Ja“ vertreten. Natürlich habe ich das getan. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich die vollständige Wiederherstellung des Gewichts als conditio sine qua non der Heilung betrachte. Im Klartext: Ohne sie kann man nicht gesund werden.

    Wenn es um Gewichtsverlust und Anorexia nervosa geht, folge ich meinen eigenen Richtlinien, indem ich die Informationen aus der Wachstumstabelle, die mittlere Größe der Eltern und das Pubertätsstadium (das ist wichtig) verwende und dann eine fundierte Schätzung des Zielgewichts vornehme. Aber es ist nur eine Schätzung. Dann legen wir einen Essensplan fest, mit dem wir im Wochendurchschnitt 0,2kg pro Tag zunehmen. Wenn wir dieses Ziel nicht annähernd erreichen, erhöhen wir die Kalorienmenge. Anschließend bestimmen wir die Grundwerte des Stoffwechsels des Patienten, z.B. (mindestens) Cortisol, LH, FSH, Östradiol, Testosteron, Glukose, Insulin, Leptin, Komplement 3, Gesamt-T3, TSH und freies T4, und passen unsere Schätzung nach Bedarf an.

    Wenn ich ein Kind mit Gewichtsverlust untersuche, setze ich ein Körpergewichtsziel wie oben beschrieben. Wenn ich den Patienten jedoch wegen einer übermäßigen Gewichtszunahme untersuche, schreibe ich stattdessen etwas wie folgt: „Bei diesem Kind ist es nicht ratsam, ein Körpergewichtsziel zu setzen, da die Ausgangswerte sehr hoch sind. Es ist wichtig, eine geordnete Ernährung mit einem Kaloriengehalt von etwa 2150 Kcal/Tag (oder einer anderen Zahl, abhängig von Alter und Aktivität) zu etablieren und zu sehen, wie der Körper im Laufe der Zeit damit umgeht. Die starke familiäre Vorbelastung mit Typ-2-Diabetes (sofern vorhanden) bedeutet, dass wir uns an seinen/ihren seriellen Stoffwechseluntersuchungen orientieren müssen.”

    Wir überprüfen diese Laborwerte etwa alle vier Wochen, um zu sehen, ob sich der Stoffwechsel des Patienten mit der Wiederaufnahme der Nahrung normalisiert. Auf diese Weise können wir die hormonelle Wiederherstellung beurteilen und ungefähr erkennen, wann das Gehirn wirklich glaubt, dass „die Hungersnot vorbei ist“. Stoffwechsellaboruntersuchungen ermöglichen es, uns an der Biologie des Patienten zu orientieren – aber zweifellos machen sie eine ohnehin schon komplizierte Bestimmung noch komplizierter. Ich denke, dafür sind die Ärzte da. Die Laborwerte (aber nicht das Gewicht) werden mit unseren Patienten geteilt. Wir teilen alles mit den Eltern.

    Kürzlich habe ich einige Kommentare von besorgten Müttern gelesen, die sagten, dass ihre Ärzte das Zielgewicht ihres Kindes zu niedrig angesetzt hätten und ihnen nicht glaubten, wenn sie sagten, dass das Gewicht ihres Kindes steigen müsse, damit es sich psychisch vollständig erholen könne. Erleben wir das in der Kartini Clinic?

    Nun, die Reaktionen der Eltern, die wir in der Regel erhalten, wenn wir Gewichtsziele festlegen und darauf hinarbeiten, lassen sich grob in drei Kategorien einteilen:

    Antwort Nr. 1: „Sie sind der Arzt, ich vertraue auf Ihre Zielsetzung“

    Antwort Nr. 2: „Ich verstehe nicht, warum Sie ihr Zielgewicht so hoch angesetzt haben. Ich glaube nicht, dass sie so viel wiegen muss“ (dies wird fast immer über ein Mädchen gesagt)

    Antwort Nr. 3: „Ich glaube nicht, dass er/sie bei dem von Ihnen festgelegten Zielgewicht optimal funktionieren kann; es ist zu niedrig. Ich denke, sie/er braucht noch ein paar Pfunde mehr, um ihre/seine gute Laune und Energie wiederzuerlangen“.

    Was können Sie zur elterlichen Antwort Nr. 1 sagen?
    „Danke für Ihr Vertrauen“, denke ich.

    Antwort Nr. 2 ist häufiger als Antwort Nr. 3 und ist frustrierender.

    Wir versuchen, Ziele auf der Grundlage der Biologie zu setzen, nicht auf der Grundlage von Hoffnungen, Überzeugungen, kosmetischen Vorurteilen oder sozialen Normen. Wichtig ist nicht, was Julie denkt, dass ein 14-jähriges kaukasisches Mädchen zum Beispiel wiegen sollte, sondern was das Gehirn und der Körper dieses Mädchens tun.

    Da wir alle im Meer dieser Kultur schwimmen, die Schlankheit über alles stellt, erhalten wir verzerrte Botschaften über Schönheit und „Norm“. Und seien wir ehrlich: Wir lieben unsere Kinder sehr, identifizieren uns mit ihnen und leben sogar stellvertretend durch sie. Wir schwelgen im Glanz ihrer guten Noten, ihrer Englischpreise, ihrer sportlichen Erfolge, ihrer Vollstipendien und … ihres Aussehens. Wenn sie dünn sind, fühlen wir uns tugendhaft – als ob wir sie richtig erzogen hätten. Wenn sie übergewichtig sind, werden wir getadelt und – was noch wichtiger ist – wir geben uns selbst die Schuld. Daher sind einige Eltern nicht erfreut, wenn ich ein Zielgewicht festlege, von dem sie glauben, dass es ihre Tochter aus dem „schlanken“ Bereich herausführt.

    Anhand der Wachstumsdaten ihres Kindes, des Pubertätsstadiums und der Stoffwechseluntersuchungen versuchen wir den Eltern zu zeigen, wie wir zu ihrem Zielgewicht gekommen sind. Auf die häufige Bemerkung, dass „sie noch nie so viel gewogen hat“, versuchen wir zu erwidern, dass sie auch älter ist als je zuvor und dass eine 14-jährige nicht so viel wiegen sollte wie mit 13 und eine 17-jährige nicht so viel wie mit 15. Wachstum bedeutet Gewichtszunahme. Oft können diese kosmetisch begründeten Bedenken jedoch nicht durch Fakten ausgeräumt werden.

    Und es gibt noch eine weitere starke Überzeugung, die manche Eltern vor „zu viel Gewichtszunahme“ zurückschrecken lässt – die Überzeugung, dass ihr Kind verzweifelt, depressiver und „psychisch schlechter“ wird, wenn es „zu viel“ zunimmt. Es gibt auch einige Behandler, die diesen Glauben teilen und Ziele für die Gewichtszunahme setzen, die „ihre Patienten akzeptieren können“. Der Trugschluss dieses Arguments besteht darin, dass wir nicht über das durchschnittliche Kind oder den durchschnittlichen Jugendlichen sprechen, sondern über das Kind mit Anorexia nervosa.

    Es gibt buchstäblich kein noch so niedriges Gewicht, das eine Essstörung besänftigen kann. Wenn Sie es auf 60kg einstellen, will die Essstörung 57,5kg. Wenn Sie 57,5kg erreichen, sehnt sich die Essstörung nach 55kg, usw. Jeder, der Essstörungen behandelt oder einen Angehörigen mit einer Essstörung hat, weiß das. Dennoch ist das Leid des Kindes so schwer zu ertragen, dass es fatal verlockend ist zu glauben, man könne es beschwichtigen, indem man niedrige Gewichtsziele setzt. Niedrige Gewichtsziele bedeuten langsames Wachstum, lineares Größenwachstum, suboptimales Gehirnwachstum und keine Rückkehr/Einleitung der Menstruation.

    Und dann ist da noch Reaktion Nr. 3. Ein unerfahrener Kliniker fühlt sich durch selbstbewusste Eltern bedroht.

    Die alte Medizin macht die Eltern zu passiven Empfängern der Weisheiten des Arztes (oder Therapeuten oder Ernährungsberaters). Die neue Medizin macht uns alle zu Mitstreitern auf unserem Weg zu optimaler Gesundheit. Wir wenden uns an den Arzt, um Ratschläge zu erhalten, die auf seiner Ausbildung und Erfahrung beruhen – seinem Fachwissen, wenn Sie so wollen. Aber die Eltern sind in der Regel die Experten, wenn es darum geht, ihr eigenes Kind als Person zu beurteilen. Es haben genug Mütter berichtet, dass ihr Kind erst dann wieder zu einem normalen, glücklichen psychologischen und sozialen Verhalten zurückfand, als es einige Pfunde über dem vom Team festgelegten Zielgewicht lag, um mich zumindest aufhorchen zu lassen.
    Wenn Sie daran interessiert sind, lesen Sie hier die Geschichte einer Mutter (Anm der Redaktion: Beitrag auf Englisch unter https://www.kartiniclinic.com/blog/post/coming-to-terms-with-my-daughters-genetically-programmed-body-size/).

    Dr. Moshtael und ich wissen aus unserer Erfahrung mit Stoffwechsellaboruntersuchungen in den letzten Jahren, dass es sehr schwer sein kann, das Gehirn davon zu überzeugen, dass „die Hungersnot vorbei ist“ und es seinen Würgegriff auf einige der Hormone, die die Stimmung beeinflussen können (Cortisol, Testosteron, Östradiol usw.), lockern kann. Die unterschiedliche Reaktion auf die Wiederaufnahme der Ernährung hängt wahrscheinlich damit zusammen, wie lange der Patient bereits erkrankt ist, wie alt er ist, wie schnell er sein Gewicht wieder aufbaut, in welchem pubertären Stadium die Krankheit ihn erwischt hat und … die Genetik. Die Beobachtung einiger Eltern, dass sich das Gewicht ihres Kindes erst dann vollständig normalisiert, wenn es etwas höher ist als die anfängliche Vermutung, sollte respektiert werden.

    Denn was ist wichtiger: Eine bestimmte Gewichtszahl oder dass das Lächeln zurückkommt?

    01.09.2016 – Julie O’Toole

    https://kartiniclinic.com/blog/post/setting-goal-weights/

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

  • Blick über den Tellerrand – Behandlung von Anorexie in Spanien

    Blick über den Tellerrand – Behandlung von Anorexie in Spanien

    Ich habe mir überlegt, dass es von Hilfe sein könnte, zu erklären, wie in unserer Klinik in Madrid die Therapie abläuft. Erstmal ist vielleicht interessant zu wissen, dass in Spanien verschiedene Behandlungsansätze nebeneinander existieren, nicht in allen Kliniken verläuft die Behandlung gleich.


    In wichtigen Unikliniken in Madrid, Barcelona, Valencia u.a. dominiert seit vielen Jahren ein integraler Behandlungsansatz in der Behandlung von Essstörungen, in dem der Familie, insbesondere den Eltern ab Tag 1 der Behandlung eine wichtige Rolle zukommt. Sie werden von Beginn an zu Co-Therapeuten ausgebildet.

    Unsere Klinik in Madrid behandelt ihre Patienten und Patientinnen seit den 90er Jahren nach einem integralen und interdisziplinären Ansatz, der sich aus verschiedenen medizinischen, psychologischen, familiären und sozialen Interventionen zusammensetzt (vgl. Morandé, Graell, Blanco (2014): Trastornos de la Conducta Alimentaria y Obesidad. Un enfoque integral. Editorial Médica Panamericana).

    Es wird nicht nach Ursachen geforscht, sondern in der Anfangsphase der Behandlung steht eine Gewichtsstabilisierung nach dem Grundsatz Essen ist Medizin im Mittelpunkt, ohne eine nennenswerte psychologische Behandlung in der WR-Phase (weight restauration).

    Wenn Eltern entdecken, dass mit ihrem Kind in Bezug auf das Essverhalten etwas nicht stimmt, dann ist der erste Weg zum Kinderarzt.

    In vielen Fällen ist es der Kinderarzt, der das Krankenhaus empfiehlt oder eine Organisation, z.B. Adaner. Man bekommt, je nach Zustand des Kindes, entweder über die Warteliste oder über die Notaufnahme einen Platz.

    Je nach Schwere des Falls werden Patienten und Patientinnen entweder stationär oder in das Home Treatment-Programm aufgenommen, tagesklinisch oder ambulant behandelt. Interessant dabei ist, dass ein und dieselbe Klinik alle vier Settings parallel anbietet.

    Stationäre Aufnahmen sind, wie ich das beobachten konnte, immer so kurz wie möglich und so lang wie nötig. In unserem Fall waren es knapp 5 Wochen. Während des stationären Aufenthalts geht es v.a. um eine schnelle Gewichtswiederherstellung. Es gibt keine speziellen Therapien. Jüngere Kinder bis 12 Jahren bleiben normalerweise kürzer in stationärer Behandlung und kommen früher in die Tagesklinik, wo sie anfangs alle Mahlzeiten bekommen, aber abends nach Hause dürfen, übernachten und morgens wieder gebracht werden. Schwere Fälle gehen in Anschluss an die stationäre Aufnahme in die Tagesklinik.

    Während der ersten fünf Tage ist ein Elternteil 24 Stunden bei den Kindern auf dem Zimmer. Man schläft direkt neben dem Bett seines Kindes. In dieser Zeit ist Ruhen angesagt. Die Kinder bekommen einen weiten Schlafanzug bzw. Jogginganzug an und liegen bis auf die Mahlzeiten in ihrem Bett. Es darf kein Handy benutzt werden und die Kinder erhalten eine Art Tagebuch, in das die Therapeuten jeden Tag ein paar Fragen hineinschreiben. Das ist alles. Kein Lesen, kein Laufen, keine Aktivitäten. Nur ruhen, schreiben und Gespräche mit dem Elternteil.

    Normalerweise teilen sich die Kinder das Zimmer mit einer weiteren Person, die schon etwas länger auf der Station ist und alle Abläufe kennt. Es gibt einen gut strukturierten Tagesablauf, wie gesagt, anfänglich ruhen und essen.
    In den ersten Tagen erhalten die Kinder Schonkost. Es gibt fünf Mahlzeiten. Drei Hauptmahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten. Von Anfang an gibt es einen festen Essensplan, der sich wöchentlich wiederholt. Vegetarische Ernährung ist nicht erlaubt.

    Alle Kinder essen gemeinsam in einem Essensraum. Dabei läuft Musik und die Essenszeit ist bei Hauptmahlzeiten auf 45 Minuten begrenzt, bei Zwischenmahlzeiten auf 20 Minuten. Es muss alles gegessen werden, was auf dem Teller liegt, selbst Essig- und Öl aus dem Salat-Schüsselchen müssen ausgetrunken werden und beim Apfel darf nur der Stiel übrigbleiben.

    Wenn eine Mahlzeit nicht in der dafür vorgesehenen Zeit gegessen wird oder etwas auf dem Teller liegen bleibt, gibt es einen kalorienhaltigen Shake. Es gibt eine Zweiteilung der Station, einen Flur für die „leichteren“ Fälle und auf einem anderen Flur liegen die Kinder, die sondiert werden müssen.

    Nach fünf Tagen ist das Ruhen vorbei und die Kinder erhalten die Erlaubnis neben den Tagebucheinträgen etwas zu lesen, Musik zu hören, aber alles zeitlich begrenzt. Die Benutzung des Handys ist während der gesamten stationären Behandlung nicht erlaubt. Die Eltern haben tägliche Besuchszeiten, immer nachmittags. Man ruft mittags an und erfährt, wie der Besuch genau aussieht. Je nachdem wie der Tag gelaufen ist, wird mehr Bewegung erlaubt, anfangs sind das fünfminütige Spaziergänge durch die Krankenhausflure, das wird dann nach und nach gesteigert, bis man eine Stunde in den Park darf.

    Auch die Kalorienzufuhr wird allmählich hochgesetzt. Zusätzlich zum Essensplan gibt es nach ca. einer Woche morgens, mittags und abends auch noch kalorienhaltige Shakes. Die Anzahl der Shakes ist dann ein bisschen abhängig von der Gewichtszunahme. Jeden Morgen wird blind gewogen. Die Toiletten und Badezimmer sind nach dem Essen abgeschlossen.

    Nach ungefähr einer Woche gibt es weitere Aktivitäten anfänglich einmal täglich, später zweimal. Es wird viel mit den Händen gearbeitet und hauptsächlich gebastelt. Wahlweise werden Theateraufführungen oder Konzerte im klinikinternen Veranstaltungssaal besucht, die von ehrenamtlichen Gruppen aufgeführt werden. Im Verlauf der Zeit wird morgens an einigen Stunden der Schulunterricht in den Hauptfächern wieder aufgenommen und von Lehrpersonen begleitet. Am Samstagvormittag gibt es eine leichte sportliche Aktivität für diejenigen, deren Gesundheitszustand es zulässt.

    In der ersten Woche werden alle weiteren Untersuchungen durchgeführt, es geht zum Kardiologen, Kinderarzt, Endokrinologen etc.

    Parallel zum stationären Aufenthalt gibt es für die Eltern einmal wöchentlich eine Elterntherapiegruppe, in der man sich austauscht und auf die Zeit nach dem Klinikaufenthalt vorbereitet wird. Es werden Grundsätze der Behandlung erklärt sowie das Prinzip Essen ist Medizin, also alles, was man für die poststationäre Zeit wissen muss. Es wird beispielsweise erläutert, welche Probleme im Alltag auftreten können, z.B. worauf man beim Kleiderkauf achten soll, dass die alte toxische Kleidung in die Kleidersammlung gehört und entsorgt wird, bevor das Kind nach Hause kommt, wie der Handygebrauch geregelt wird und vieles mehr. Man lernt, wie man sich verhalten soll, wenn das Kind nicht essen möchte.

    Je nach Behandlungsverlauf kann das Kind dann ca. ab der dritten Woche einen Nachmittag mit der Familie verbringen. Man bekommt die Zwischenmahlzeit von der Klinik mit nach Hause. Zum Abendessen wird das Kind wieder in die Klinik gebracht. Bevor das Kind dann eine Nacht nach Hause darf, kommen die Eltern zu einigen Mahlzeiten, normalerweise dem Abendessen, in das Krankenhaus, um die Kinder beim Abendessen auf dem Zimmer zu begleiten. Das ist dann ein Wahnsinnserlebnis, wenn du siehst, wie dein Kind Pommes, Pizza, und Pudding isst und nichts liegen bleibt!!!!!

    Dann folgt auch bald der erste Wochenendaufenthalt. Man kocht den vom Krankenhaus vorgegebenen Essenplan und bekommt auch die Shakes mit, falls erforderlich. In der letzten Woche geht es auch stundenweise wieder in die richtige Schule, mittags wieder in die Klinik usw. bis zur Entlassung.

    Wenn das Kind entlassen wird, bekommen die Eltern von der Klinik einen sogenannten „Plan de Vida“, das ist ein „Alltagsplan“, der den Tag strukturiert und vorschreibt, wie lange beispielsweise spazieren gegangen werden darf, welche Aktivitäten unternommen werden dürfen. Der Essensplan vom Krankenhaus wird erstmal beibehalten und in der Anfangszeit wird das Essen von den Betreuungspersonen gewogen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wieviel Nahrung das Kind braucht, um kontinuierlich das Gewicht zu steigern. Es gilt weiterhin nach den Hauptmahlzeiten eine Stunde auszuruhen. In der ersten Zeit bekommen die Kinder je nach Gewichtszunahme neben den fünf Mahlzeiten, abends vor dem Schlafengehen eine Tasse Kakao oder ein Nahrungsergänzungsmittel, das in die Milch eingerührt wird und zur Nachmittagsmahlzeit zusätzlich Nüsse.

    Nun beginnt der ambulante Teil der Therapie. Dazu gehören Termine beim Psychiater, falls eine medikamentöse Behandlung fort- oder eingeführt werden muss, beim Kinderarzt, Endokrinologen und Gynäkologen. Einmal wöchentlich trifft sich eine über den Zeitraum eines Jahres in der Regel gleichbleibende Gruppe verschiedener Eltern mit dem behandelnden Psychologen für 2 Stunden, um den Verlauf der Woche, auftretende Probleme oder auch Erfolge zu besprechen. Im Anschluss daran findet die Kinder- bzw. Jugendtherapiegruppe statt.

    Die Aufgabe der Eltern zuhause ist es anfänglich nur dafür zu sorgen, dass die Kinder essen und ihren Plan einhalten. Klappt es mit dem Essen nicht, d.h. wird die Medizin verweigert, fährt man in die Klinik, es gibt dort eine 24-stündige Psychiatrische Notaufnahme. Es gibt ein Gespräch mit dem diensthabenden Arzt und je nachdem, welche Menge nicht gegessen wurde, gibt es ein, zwei oder drei Shakes.

    Je nach Gewichtszunahme wird in der wöchentlichen Therapie entschieden, welche Aktivitäten im Laufe der Zeit ausgeführt werden dürfen. Die Kinder fragen dazu den Therapeuten, d.h. die Initiative geht von den Kindern aus. Das alles ist in der Anfangszeit sehr erleichternd, da sich die Eltern ausschließlich auf die Ernährung ihrer Kinder konzentrieren müssen und es zuhause keine Diskussionen gibt, wieviel Bewegung und Sport wann und zu welchem Zeitpunkt, da man das mit dem Therapeuten in der Elterngruppe zwar bespricht, die Entscheidung dann aber vom Therapeuten mitgeteilt wird.

    In der Elterntherapie wird man im Laufe der Zeit weiter zum Co-Therapeuten ausgebildet, Man tauscht sich unter Anleitung eines Therapeuten mit anderen Eltern aus, hört einander zu und erhält immer wieder Denkanstöße, Literaturempfehlungen und wird in der Phase begleitet, in der es darum geht den Essenplan abzubauen. Das geschieht normalerweise so, dass nach einiger Zeit, das Kind wählt ein „freies Essen“ zu haben, d.h. die Eltern kochen an einem Mittag oder Abend eine Mahlzeit, die aus Vorspeise, Hauptspeise, Nachtisch und Brot besteht, aber nicht auf dem Plan steht. Das Essen wird dann nicht gewogen. Die Eltern entscheiden, was gekocht wird. Das Kind darf nur entscheiden ob und wann es ein „freies Essen“ haben möchte.

    Das Ziel ist es den Plan im Laufe der Zeit langsam abzubauen und die Planmahlzeiten durch sogenannte freie Mahlzeiten zu ersetzen. Das sind dann zwei, drei, vier Mahlzeiten, ein ganzes Wochenende und irgendwann ist der Plan weg. Manchmal, wenn die Gewichtszunahme nicht so verläuft, wie erwartet und das normale Essen nicht gut klappt, wird für einige Zeit wieder auf den Plan zurückgegriffen. Das Gleiche gilt für die Zusatzpräparate wie Shakes. Es kann sein, wenn die Gewichtszunahme stagniert, dass weitere Shakes gegeben werden.

    Nach ca. 8-12 Monaten geht es von der Gruppentherapie in die Einzeltherapie, manchmal auch früher, anfangs wöchentlich, dann zweiwöchentlich und so weiter, immer abhängig vom Krankheitsverlauf. Alle weiteren somatischen Untersuchungen finden weiterhin in der Klinik statt.

    Nach diesem Zeitraum hat man eigentlich so viel gelernt, dass man als Eltern gut allein klarkommt. Ich bin sehr dankbar dafür, dass unsere Tochter hier so kompetent, konsequent und liebevoll behandelt wurde, inzwischen die Essstörung hinter sich gelassen hat und ein selbstbestimmtes Leben führt. Heilung ist möglich!