Kategorie: Blog

  • Mit AN sprechen

    Mit AN sprechen

    Wir lehren die Eltern, die Krankheit zu „externalisieren“, das heißt, ihr Kind von der Krankheit zu trennen, um den Eltern zu helfen, zu verstehen, dass ihr Kind sich diesen Zustand nicht ausgesucht hat. Die an Anorexia nervosa (AN) leidende Person ist nicht mehr daran schuld als ihre Eltern oder als eine Person, die Diabetes hat.

    Wenn ihr Kind Sie anschreit, weil es sich dick fühlt, seine Geschwister beim Essen zum Weinen bringt und ihnen die Tür vor der Nase zuschlägt, wenn es essen soll, ist es fast unmöglich, das Kind von der Krankheit zu trennen. In dem Moment scheint es naheliegend zu sein, sich zu fragen: „Warum tut sie sich das an? Versteht sie nicht, wie sehr das ihrer Gesundheit schadet? Kann nicht jemand, den sie respektiert, ihr einfach sagen, wie ungesund das ist und sie dazu bringen, damit aufzuhören?“

    Nun, zunächst mal: ihr Kind „macht“ das nicht, es geschieht mit ihm. Da das durch AN am meisten zerstörte Organ das Gehirn ist, bewirken diese Schädigungen beim Kind krasse, für die Eltern unerklärliche Verhaltensänderungen. Normalerweise gewissenhafte, liebevolle und intelligente Kinder können sich auf eine Art und Weise verhalten, die ihrer Persönlichkeit und Erziehung völlig fremd zu sein scheint. Es ist nicht anders als bei einigen Formen der Demenz, wo ein ehemals bewunderter und liebevoller Großelternteil misstrauisch, verletzend und enthemmt wird. Im Gegensatz zu den meisten Formen der Demenz, die einfach nur ertragen werden müssen, kann die AN der Kindheit glücklicherweise behandelt werden. Mit Erfolg.

    Indem wir die Krankheit externalisieren, über sie sprechen, als hätte sie ein Eigenleben abseits unseres Kindes, ihr einen Spitznamen geben, der uns daran erinnert, dass sie unser Kind bewohnt, aber nicht unser Kind ist, können wir uns weigern, dem Opfer, also unserem Kind, die Schuld zu geben.

    Alles schön und gut, aber wie können wir dieses Wissen anwenden und mit AN sprechen?

    „Das kann ich nicht essen, Mama, weil da Laktose drin ist und ich glaube, deshalb habe ich Bauchschmerzen“, sagt ein Kind, das früher gerne Milchshakes und Käsebrote gegessen hat, und „das kann ich auch nicht essen, weil ich wegen meiner Kopfschmerzen kein Gluten mehr esse“, und am nächsten Tag: „Ich habe beschlossen, jetzt Veganerin zu werden, Papa, weil wir nicht das Recht haben, den Tieren das Leben und ihre Produkte wegzunehmen.“ Und am Abend: „Ich sollte drei Stunden vor dem Schlafengehen nichts mehr essen“.

    Zähneknirschend und eine gewisse Panik niederkämpfend, reagieren die Eltern, wie sie es gelernt haben: „Das ist nur deine Essstörung, die da spricht, Schatz. Du bist nicht laktoseintolerant, wir haben dich testen lassen, und es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass du glutenintolerant bist.“

    „Das ist nur das Gerede deiner Essstörung“, „Es tut mir leid, aber wir werden nicht mehr zulassen, dass ED unsere Abendessen kaputt macht“, „Ich glaube, du wirst gerade von deiner Essstörung manipuliert“, und zum anderen Elternteil oder Großelternteil: „Reg dich nicht auf, Schatz, das ist nur ihr Essstörungsgerede.“

    Es ist nur ihre Essstörung, die da spricht.

    Verärgert antwortet das Kind: „Nein, ist es nicht! Ich bin’s! Ich spreche!“

    Ich wünschte, ich hätte einen Euro für jedes Mal, wenn ein Teenager mir gesagt hat, dass er sich nicht ernstgenommen und herabgesetzt fühlt, wenn man ihm sagt, dass seine inneren Gedanken und Sorgen „nur die Essstörung sind, die spricht.“ Aber was soll man als Elternteil tun? Ihnen die Schuld für die irrationalen, oft egoistischen und grausamen Aussagen geben, die sie machen? Verlangen, dass sie komplett aufhören zu reden, wenn sie nicht etwas Nettes über das für sie zubereitete Essen sagen können? Alle wissen lassen, dass ihr Kind die Entscheidung getroffen hat, sich auf eine Art und Weise zu verhalten, die unfair und verletzend gegenüber ihren Eltern und Geschwistern ist?

    Es ist schwer, AN zu widersprechen. AN ist irrational, laut und oft bösartig. AN ist nicht zugänglich für Logik und leises Überzeugen. AN ist streitlustig und grausam.

    Gibt es Hoffung?

    Ich muss an einen jungen Menschen mit schrecklicher Flugangst denken, der in einem Flugzeug in 10.000 Meter Höhe über dem Pazifischen Ozean eine Panikattacke und einen Nervenzusammenbruch erlebt hatte. Was kann man da tun? Wir wissen, dass diese Angst irrational ist, aber für den jungen Menschen ist sie sehr real.

    Bedeutet das jetzt, dass Sie nicht mehr vernünftig und rational mit ihrem Kind sprechen sollen? Nein, es bedeutet lediglich, dass ihr ruhiger, tröstender Tonfall stärker sein wird als das, was Sie tatsächlich sagen, dass Sie es festhalten müssen, wenn Sie es schütteln wollen, ihre beruhigenden Kommentare immer und immer wieder wiederholen, es in seine Hände atmen lassen, seine Hände halten und es beruhigen, bis es sich entspannen kann oder eingeschlafen ist.
     
    Gib niemals auf. AN wird es mit Sicherheit nicht tun.

    JULIE O’TOOLE, Kartini-Clinic Blog, 15.12.2016

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

    https://­kartiniclinic.­com/­blog/­post/­talking-­back-­to-­ed

  • Leseprobe „FBT überleben“ von Maria Ganci. Nützliche Tipps für Eltern!

    Leseprobe „FBT überleben“ von Maria Ganci. Nützliche Tipps für Eltern!

    Tipps, die viele Eltern nützlich finden, wenn sie ihr Kind aufbauend ernähren

    • Es ist am besten, abwechslungsreiche und auch angstbesetzte Nahrungsmittel gleich zu Beginn der aufbauenden Ernährung einzubeziehen. Wenn Sie Angstnahrungsmittel erst später einführen, wird es so sein, als würden Sie von vorne beginnen.
    • Tappen Sie nicht in die Falle, dass „gesundes Essen“ Ihr Kind genesen lässt. Magersucht ist im Grunde die Angst vor Lebensmitteln, insbesondere vor hochkalorischen Lebensmitteln. Sie werden wissen, dass sich Ihr Kind erholt hat, wenn es alles ohne Angst essen kann. Ein gutes Zeichen der Genesung ist, wenn es alles essen kann, was es vor der Anorexie gegessen hat.
    • Gewöhnen Sie sich zu den Mahlzeiten nicht an, zu verhandeln, zu überzeugen, Vorträge zu halten oder Logik zu verwenden. Es ist wahrscheinlich, dass es nicht funktioniert, und es ist eine der Taktiken der Magersucht, Zeit während der aufbauenden Ernährung zu verschwenden. Halten Sie sich stattdessen an die direkte Aufforderung (immer und immer wieder), das Essen zu sich zu nehmen, das Sie Ihrem Kind zu den Mahlzeiten geben, da dies die Magersucht zermürbt.
    • Tappen Sie nicht in die Falle, Ihrem Kind etwas zu geben, von dem Sie denken, dass es dies isst. Dies kommt seiner Angst entgegen. Geben Sie ihm, was es braucht, um gesund zu werden.
    • Beziehen Sie Ihr Kind nicht in die Zubereitung, Planung, Kalorienzählung, das Einkaufen oder Entscheidungen in Bezug auf Lebensmittel ein, da sein aktueller Fokus auf der Reduzierung von Kalorien und der Ausklammerung von angstbesetzten Nahrungsmitteln liegt. Stellen Sie das Essen einfach vor Ihr Kind und unterstützen Sie es.
    • Stellen Sie sicher, dass Sie wissen, wie viel Ihr Kind essen muss, um an Gewicht zuzunehmen, und welche Lebensmittel eine gute Gewichtszunahme bewirken. Während Eltern normalerweise sehr gut wissen, was sie einem gesunden Kind geben sollen, müssen sie schnell lernen, wie viel sie einem hungernden Kind geben müssen.
    • Erwarten Sie nicht, dass Ihr Kind Entscheidungen darüber treffen kann, was es essen soll. Sein Denken ist zu kompromittiert, um dies zu tun, und es wird sich schuldig fühlen, egal wie es sich entscheidet. Es befindet sich in einer Situation, in der es nur verlieren kann und es wird erleichtert sein, wenn jemand die Entscheidungen trifft.
    • Versuchen Sie, nicht über eine gesunde Ernährung zu sprechen, sondern reden Sie über normalisiertes Essen. Normalisiertes Essen ist das, was durchschnittliche gesunde Jugendliche tun – vielfältig, regelmäßig, flexibel, mit Genuss und ohne Angst essen.
    • Versuchen Sie, jegliches Magersuchtverhalten – z. B. Essen in kleine Stücke zerbrechen, mit einem Teelöffel essen usw. – zu den Mahlzeiten so schnell wie möglich zu stoppen, da diese Verhaltensweisen die Magersucht verstärken. Jedes Mal, wenn Sie Ihr Kind über seine Angstgrenze bringen, wird es für es leichter (wie bei einer Konfrontationstherapie).
    • Seien Sie auf Widerstand und einen Kampf gegen die Magersucht vorbereitet. Es wird einen Kampf geben, bis Ihr Kind die Botschaft versteht und glaubt, dass Sie stärker sind als die Magersucht und dass Sie nicht nachgeben, weil Sie nicht zulassen, dass ihm etwas passiert. Die Stärke des Kampfes variiert in jeder Familie in Abhängigkeit von der Stärke der Magersucht, der Persönlichkeit und den Merkmalen Ihres Kindes, vorbestehenden psychischen Problemen wie Angstzuständen und Zwangsstörungen, sowie etwaigen Familiendynamiken. Die Stärke Ihrer Beharrlichkeit muss der Schwere der Krankheit entsprechen, und Ihr Kind wird Ihre Stärke als beruhigend empfinden. Lernen Sie, der Magersucht entschlossen entgegenzutreten.
    • Lassen Sie Ihren Hund beim Essen nicht bei Ihrem Kind sitzen. Viele Haustiere haben die Mahlzeit erhalten, von der Sie dachten, Ihr Kind hätte sie gegessen.
    • Stellen Sie sicher, dass Sie als Eltern eine Einheit bilden und beide auf derselben Seite sind – bezüglich dessen, was Ihr Kind essen muss, dass das Essen aufgegessen werden muss, dass Sie nicht mit der Magersucht verhandeln werden und dass Sie sich gegenseitig unterstützen. Wenn die Magersucht bei einem der Elternteile eine Schwäche feststellt, wird diese ausgenutzt.
    • Seien Sie wachsam, indem Sie mit Ihrem Kind zusammensitzen und es beaufsichtigen, so dass es die gesamte von Ihnen bereitgestellte Mahlzeit zu sich nimmt. Ihr Kind kann Lebensmittel in Ärmeln, in Taschen, in Servietten und an vielen Orten verstecken, die Sie überraschen werden. Es wird alles tun, um das Essen zu vermeiden, wenn ihm die kleinste Chance gegeben wird.
    • Trotz aller Schwierigkeiten: Versuchen Sie alle Mahlzeiten so natürlich wie möglich zu gestalten, indem Sie Familiengespräche führen und für Ablenkung sorgen.

    Merke:

    ✓ Sei zuversichtlich
    ✓ Sei konsequent
    ✓ Zeige Mitgefühl
    ✓ Bleibe ruhig
    ✓ Sei kreativ

    Aus dem Vorwort

    Dieses Handbuch soll Eltern auf ihrem Weg zur Wiederherstellung der Gesundheit ihres Kindes unterstützen und helfen. Die meisten Eltern werden auf diesem Weg das Gefühl haben, bei stürmischem Wetter durch unbekannte Gewässer zu segeln, in der Hoffnung, ein weit entferntes Ziel zu erreichen. Die meisten Eltern beginnen ihre Reise mit minimalen Segelfähigkeiten und sind voller Zweifel, ob sie ihr Ziel jemals erreichen werden.

    Sie erhalten eine Karte namens familienbasierte Behandlung (FBT), die ihnen ebenfalls fremd ist und die scheinbar seltsame Erziehungspraktiken beschreibt. Diese widersprechen vielen festen Überzeugungen von Eltern, die sich vor der Krankheit ihres Kindes logisch und angenehm anfühlten und die ihren Zweck erfüllten.

    Ihnen wird gesagt, dass die Reise intensiv sein wird und sie sie schnell abschließen müssen, um ihrem Kind die besten Chancen zu geben, das Ziel sicher und bei guter Gesundheit zu erreichen.

    Die FBT-Reise ist in der Tat für die meisten Eltern schwierig, da ihr Kind die Reise nicht mit ihnen antreten möchte und verzweifelt versucht, ihre heldenhaften Bemühungen zu sabotieren.

    Die Eltern müssen ihr ganzes Vertrauen in die Behandlung und in ihre eigenen Fähigkeiten setzen, um ans Ziel zu gelangen. Die Reise ist anspruchsvoll und erfordert all ihre Energie und inneren Ressourcen. Je größer die Bereitschaft ist, sich an die FBT-Karte zu halten, ohne vom Kurs abzuweichen, desto größer ist ihre Chance, das Ziel zu erreichen.

    Die meisten Eltern beenden die Reise trotz aller Hindernisse und stürmischen Wetters auf dem Weg. Wenn sie ihr Ziel erreichen, sind sie dankbar, dass das gesunde Kind, das sie einmal kannten, zurückgekehrt ist. Ihr Leben kann jetzt zur Normalität zurückkehren. Alle Eltern sagen, dass diese Reise die schwierigste war, die sie jemals in ihrem Leben gemacht haben.

    Nur Eltern haben die Entschlossenheit und den Mut, diese Reise zu vollenden, denn es ist ihre Liebe und Bindung zu ihrem Kind, die ihnen die Ausdauer gibt, um erfolgreich zu sein.

    Der Text ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne Genehmigung des Verlages und der Autorin nicht andersweitig veröffentlicht werden. Die deutsche Übersetzung des Buches ist bei Amazon als Taschenbuch und eBook erhältlich: https://www.amazon.de­/­gp/­product/­B08WCGSKFZ

  • Kampf, Flucht, Erstarren – Akute Stress­reaktion bei der Genesung von Anorexia nervosa

    Kampf, Flucht, Erstarren – Akute Stress­reaktion bei der Genesung von Anorexia nervosa

    Als Reaktion auf akuten Stress oder Gefahr wird das sympathische Nervensystem des Körpers durch die plötzliche Ausschüttung von Hormonen aktiviert. Die Nebennieren wiederum schütten Hormone aus, darunter Adrenalin und Noradrenalin, die den Körper auf eine sofortige Aktion vorbereiten, um ein Raubtier abzuwehren („Kampf“) oder vor der Gefahr zu fliehen („Flucht“). Die „Kampf oder Flucht“-Reaktion umfasst physiologische Symptome, die den Kampf oder die Flucht erleichtern sollen (z. B. schneller Herzschlag, erhöhter Blutdruck, erhöhter Sauerstofffluss zu den Hauptmuskeln, was oft zu Zittern oder Muskelverspannungen führt) sowie eine Veränderung des psychologischen Zustands in Verbindung mit der Wahrnehmung der Bedrohung (Angst, Panik, Aggression, gewalttätige Impulse).

    Die dritte Komponente der akuten Stressreaktion ist das „Einfrieren“ oder die defensive Unbeweglichkeit. Diese Reaktion kann auftreten, wenn eine Gefahr als lebensbedrohlich und unausweichlich wahrgenommen wird. Denken Sie an ein Reh, das im Scheinwerferlicht erstarrt, oder an eine Kakerlake, die auf dem Rücken liegt und den Tod vortäuscht. Ein menschliches Opfer eines körperlichen Angriffs oder eines sexuellen Übergriffs wird eher still und schlaff, anstatt sich zu wehren. Die Erstarrungsreaktion kann dem Opfer in einigen Fällen das Überleben ermöglichen, und in anderen Fällen kann die damit einhergehende Betäubung dem Opfer in den letzten Momenten seines Lebens Schmerzen ersparen.

    Vor Tausenden von Jahren, in der Umwelt unserer Vorfahren, waren wir täglich mit Bedrohungen für unser Überleben konfrontiert: Säbelzahntiger, Mammuts, Kälte, Hunger, kriegerische Stämme. Die akute Stressreaktion war für unser Überleben unerlässlich. In der heutigen Welt sind die meisten Auslöser für Ängste subtiler: öffentlich sprechen müssen, eine Prüfung schreiben, berufliche Unsicherheit, finanzielle Stressfaktoren. Aber unser Körper kennt den Unterschied nicht: Die physiologischen und psychologischen Reaktionen sind heute die gleichen wie vor zehntausenden von Jahren.

    Die Kampf-, Flucht- und Erstarrungsreaktionen werden sofort und ohne bewusste Entscheidung aktiviert. Denken Sie daran, dass sich diese Sofortreaktionen entwickelt haben, um uns vor Gefahren in Situationen zu schützen, in denen uns das Innehalten das Leben kosten könnte. Wir wählen nicht aus, was unser Körper als gefährlich wahrnimmt oder welcher Zweig der akuten Stressreaktion aktiviert wird.

    Die meisten Menschen, die an Anorexia nervosa leiden, haben extreme Ängste vor dem Essen, der Gewichtszunahme oder beidem. Menschen mit Anorexia nervosa, die noch nicht mit dem Genesungsprozess begonnen haben, sind in der Lage, ihre Ängste durch Vermeidung in beherrschbaren Grenzen zu halten: Vermeidung von angstbesetztem Essen, Vermeidung von Sättigungsgefühlen, Vermeidung von Gewichtszunahme, Vermeidung von Waagen, Vermeidung des Zorns der inneren magersüchtigen Stimme durch kompensatorische Verhaltensweisen.

    Die Genesung von Anorexia nervosa verlangt von den Betroffenen, sich diesen Ängsten täglich mehrfach zu stellen. Aus diesen Gründen sind die Körper von Menschen, die sich von Anorexia nervosa erholen, monatelang in einer nahezu konstanten akuten Stressreaktion gefangen. Aus diesem Grund fühlen sich Menschen, die sich von Anorexia nervosa erholen, während der Behandlung in der Regel viel schlechter, als sie sich während der akuten Krankheit gefühlt haben. Die „Kampf, Flucht, Erstarren“-Reaktion erklärt auch die meisten der extremen und verwirrenden Verhaltensweisen, die wir bei Menschen sehen, die sich von Anorexia nervosa erholen.

    Die „Kampf“-Reaktion richtet sich gegen die wahrgenommene Quelle der Bedrohung. Für eine Person mit Anorexia nervosa kann die Quelle der Bedrohung die Person sein, die ihr Essen serviert (z.B. ein Elternteil), ein Mensch, der eine Gewichtszunahme verlangt (z.B. ein Therapeut, Arzt oder Ernährungsberater), oder der eigene sich verändernde Körper der Person. Daher kommt es häufig vor, dass Menschen, die sich von einer Anorexia nervosa erholen, ihre Eltern körperlich oder verbal angreifen, auf ihre professionellen Helfer losgehen und ihre Wut auf ihren eigenen Körper richten, was sich in Selbsthass, Selbstverletzung oder Selbstmordversuchen äußert. Auch das Essen selbst ist eine Quelle der Bedrohung. Die Kampfreaktion auf das Essen kann sich körperlich durch das Werfen von Essen, Tassen oder Tellern äußern, oder sie kann sich emotional als subjektives Gefühl des Hasses auf das Essen manifestieren.

    Die „Flucht“-Reaktion bei Anorexia nervosa beinhaltet die Flucht vor der wahrgenommenen Quelle der Bedrohung. Viele Menschen mit Anorexia nervosa rennen bei den Mahlzeiten oder Snacks vom Tisch weg, schließen sich in ihren Zimmern ein oder laufen stunden- oder tagelang von zu Hause weg, um nicht zu essen. Manche Menschen springen aus fahrenden Autos, verlassen Behandlungstermine vorzeitig oder laufen aus Behandlungszentren weg. In einer subtileren Ausprägung der Fluchtreaktion tun viele Menschen mit Anorexia nervosa ihr Bestes, um die Bezugspersonen zu meiden, die am strengsten sind, wenn es um die Forderung nach vollständiger Ernährung geht, und wenden sich an Bezugspersonen, die nachsichtiger sind.

    Die „Erstarren“-Reaktion beinhaltet eine Form der Untätigkeit oder des inneren Abschaltens. Zum Beispiel zeigen viele Menschen eine Unfähigkeit oder offensichtliche Weigerung, über Essen, Gewicht oder Anorexia nervosa zu sprechen. Andere haben Schwierigkeiten beim Schlucken von Nahrung. Manche Menschen erstarren bei den Mahlzeiten geradezu und sind nicht in der Lage oder stundenlang nicht bereit, eine Gabel oder einen Löffel in die Hand zu nehmen. In einigen Fällen macht diese akute Nahrungsverweigerung ein Füttern oder Sonden-Ernährung notwendig. Manche Menschen mit Anorexia nervosa wirken zu den Mahlzeiten oder zu anderen Zeiten, in denen die Stimme der Magersucht besonders stark ist, dissoziiert, „eingefroren“ oder „weggetreten“. Es kommt häufig vor, dass sich Patienten mit Anorexia nervosa während der Therapietermine abkapseln, den Blickkontakt vermeiden und sich nicht auf ein Gespräch mit ihren professionellen Helfern einlassen.

    Diese Kampf-, Flucht- und Erstarrungsverhaltensweisen sind extrem belastend für die Betroffenen und für die Angehörigen, die sie unterstützen. Wenn Sie ein Familienmitglied bei der Genesung von Anorexia nervosa unterstützen, sollten Sie wissen, dass diese geliebte Person es sich nicht ausgesucht hat, auf diese Weise zu handeln oder zu fühlen. Diese Verhaltensweisen sind extrem häufige und vorübergehende Reaktionen auf die starke Angst, die dadurch entsteht, dass man sich mehrmals am Tag seinen schlimmsten Ängsten stellen muss. Die Tatsache, dass die geliebte Person diese akuten Stressreaktionen zeigt, ist ein Beweis dafür, dass seine oder ihre Ängste herausgefordert werden. Wenn eine akute Stressreaktion nicht zu sehen ist, besteht die Chance, dass die Anorexia nervosa nicht ausreichend herausgefordert wird. Was zu einem langwierigen Krankheitsverlauf und einer Verzögerung der Genesung führen kann. Denken Sie daran, den Kurs beizubehalten, weiterhin eine vollwertige Ernährung, eine schnelle und vollständige Wiederherstellung des Gewichts und psychologische Unterstützung zu fordern, unabhängig von den akuten Stressreaktionen, die auftreten.

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
    https://blog.­drsarahravin.­com/­eating-disorders/­fight-flight-freeze-­the-acute-stress-­response-in-anorexia-­nervosa-recovery/

  • Das Aachener Modell ist HoT!

    Das Aachener Modell ist HoT!

    Frau Herpertz-Dahlmann ist Klinikleiterin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Universitätsklinik RWTH Aachen.

    2017 begann an der Universitätsklinik RWTH Aachen der Modellversuch „Home treatment bei adoleszenter Magersucht“ (HoT), der sich unter anderem an FBT orientiert. Der Modellversuch wurde von einer Pilotstudie begleitet. Home Treatments sind in vielen Ländern eine stationsersetzende Alternative zur Behandlung psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher, bei denen die Indikation für eine stationäre Behandlung vorliegt.

    Der Home Treatment-Ansatz ist eine Behandlungsmethode, die den Übergang von der Klinik nach Hause erleichtern soll und die den Patienten und ihren Betreuern (in der Regel die Eltern) mehr und konkretere Unterstützung bietet als bisherige therapeutische Ansätze. Das Ziel ist außerdem, die Reintegration des jungen Menschen mit Magersucht in den Alltag zu unterstützen.

    Das (aus unserer Sicht wenig überraschende) Ergebnis der Studie:

    • Die Behandlung zu Hause nach einem kurzen stationären Aufenthalt ist für jugendliche Patienten mit Anorexia nervosa machbar und sicher.
    • Die Mehrheit der Patienten konnte während einer 1-Jahres-Nachbeobachtung erfolgreich ein gesundes Körpergewicht halten.
    • Die Fähigkeiten der Eltern, mit der Essstörung ihres Kindes umzugehen, verbesserten sich signifikant.
    • Die Behandlungskosten liegen deutlich unter den Kosten einer klassischen vollstationären Behandlung.

    Aufbauend auf den ermutigenden Ergebnissen der Pilotstudie wurde das Aachener Modell als Behandlungsansatz an der RWTH Aachen etabliert:

    • Aufgenommen werden können Patienten zwischen 12 und 18 Jahren, die noch eigenständig essen, somatisch stabil sind, nicht mehr als zwei Klinikaufenthalte hinter sich haben und im Umkreis von einer (Auto-)Stunde rund um Aachen wohnen.
    • Die Familien müssen bereit sein, sich zu engagieren und mehrere Mahlzeiten täglich konsequent zu überwachen.
    • Das Home Treatment beginnt mit einem 8-wöchigen stationären Start, in dem die Patienten stabilisiert werden.
    • Eltern lernen bereits in der Klinik mit ihrem Kind zu essen und den Umgang mit für die Krankheit spezifischen Verhaltensweisen.
    • Im Anschluss daran geht es direkt nach Hause, mit engmaschiger ambulanter Unterstützung. Bis zu 4x in der Woche besucht ein Team aus Arzt, Krankenschwester, Ergotherapeuten und Ernährungsberater die Familie vor Ort, zuhause. Der Bedarf der einzelnen Kinder und Familien wird individuell ermittelt.

    Das große Ziel von Prof. Dr. Beate Herpertz-Dahlmann und ihrem Team in Aachen: die Übertragung dieses innovativen Behandlungskonzeptes in die Regelversorgung. Aus diesem Grund wurde unter der Leitung der Uniklinik Aachen ein weiteres großes Projekt mit flankierender Studie auf die Beine gestellt, das nun begonnen hat. Das Innovationsfondprojekt „HoT“.

    Das Konzept „Home Treatment“ wird an vier weiteren großen Kliniken in NRW durchgeführt und evaluiert, konkret sind das die Uniklinik Münster, die Uniklinik LVR Bochum/Hamm, die LVR Klinik Bonn und die LVR Klinik Viersen. Die Behandlungsteams der jeweiligen Kliniken werden durch die Uniklinik Aachen geschult. Um den Erfolg des Konzeptes zu beurteilen, werden unter anderem die Gewichtsstabilisierung, die Lebensqualität und die Rückfallquote untersucht und mit einer Kontrollgruppen verglichen, die an einer normalen Regelversorgung teilnimmt. Am Projekt beteiligt sind auch mehrere Krankenkassen, z.B. die Techniker Krankenkasse, die DAK und die AOK Rheinland/Hamburg.

    Das Forscherteam hat die Hoffnung, dass die gewonnenen Erkenntnisse die Behandlung und Prognose für erkrankte junge Menschen verbessern und zu strukturellen Veränderung und Verbesserungen der allgemeinen Gesundheitsversorgung bei Magersucht-Erkrankungen in Deutschland führen.

    Das bereits bestehehende Home Treatment-Programm in Aachen (und somit die weitere Verbreitung sinnvoller Behandlungskonzepte bei Magersucht im deutschsprachigen Raum) kann man mit einer Spende finanziell unterstützen. Wir bringen Therapie ins Kinderzimmer, so ist das Motto der Uniklinik Aachen: https://www.stiftung-universitaetsmedizin-aachen.de/projekte/detail/home-treatment/

    Quellen:

     
  • Wie es mir heute geht

    Wie es mir heute geht

    Damals hat meine Mutter mir, nach monatelangen wenig hilfreichen Klinikaufenthalten, zuhause mit FBT aus der Magersucht herausgeholfen. Ich kann essen, was ich will. Ich kann wieder lachen. Ich habe wieder ein ausgefülltes soziales Leben. Ich finde die richtige Balance im Leben. Ich kann mich annehmen, wie ich bin.

    Der Schritt ins Studium, also in die Selbstständigkeit, war ein sehr wichtiger für mich. Natürlich war er mit einer gewissen Spannung verbunden (von meiner Seite, aber auch vonseiten der Familie). Aber ich war mir sicher, dass ich es irgendwie schaffen würde. Mir tat der Abstand zu dem gewohnten Umfeld gut.

    In der neuen Großstadt, in der ich nun seit zwei Jahren wohne, weiß so gut wie niemand von meiner Vergangenheit, nur meine engsten Freunde. Nicht, weil ich es verstecken will, oder mich dafür schäme. Aber ich wollte mich davor schützen, ein „Magersuchts-Image“ erfüllen zu müssen. Wenn ich weiß, dass die Menschen, denen ich begegne, nichts von meiner Geschichte und Problematiken wissen, dann fühle ich mich viel freier, „normal“ zu sein.

    Natürlich hatte (und habe) ich immer noch gewisse Baustellen. Aber ich habe gemerkt, dass sich diese mit der Zeit ganz automatisch auflösen, ohne dass ich mich groß damit befassen muss. Meistens war es so, dass ich durch „normale Umstände“ zu gesunden Verhaltensweisen gezwungen wurde. Jetzt war es nicht mehr die Mama oder Therapeutin, die mir sagt, was ich machen/unterlassen soll. Sondern es hat sich einfach so „aus dem Leben“ ergeben. Einige Beispiele:

    • Letzten Sommer bin ich mit meinem Freund und einigen anderen Freunden auf Urlaub nach Kroatien gefahren. Badeurlaub – das bedeutete für mich, dass ich mir nach vielen Jahren mal wieder einen Bikini kaufen musste (schwierig!!), und dann im Urlaub mich und meinen Körper den anderen zeigen musste. Auch, wenn es herausfordernd war: Es war keine Frage für mich, dass ich das nicht tue. Ich wollte nicht auffallen, indem ich nicht schwimmen ging. Das wäre krankhaft gewesen. Deshalb habe ich mich in den Kampf gestürzt und gewonnen. Nachdem wir nun im Laufe des Jahres öfter schwimmen gegangen sind, bin mittlerweile ICH diejenige, die vorschlägt, zum Baden an den See zu gehen.
    • Aufgrund von Corona war ich „gezwungen“, sechs Wochen mit meiner Schwester zusammen zu leben. Eigentlich habe ich mich seit vier Jahren von ihr abgeschirmt, weil sie mir/der Krankheit ein Dorn im Auge war und ich mich immer mit ihr verglichen habe. Aber durch Corona konnte ich ihr nicht ausweichen. Anfangs war das wirklich schwierig. Doch nach einer Woche hat es bei mir „klick“ gemacht und wir haben in der Zeit eine neue Beziehung aufgebaut und uns wieder gefunden. Jetzt habe ich kein Problem mehr, mit meiner Schwester auf engem Raum und auf längere Zeit zusammen zu leben.
    • Lange Zeit fiel es mir schwer, zwischendurch eine Kleinigkeit zu essen. Dann aber habe ich angefangen zu realisieren, dass es nur von Vorteil ist, wenn ich z.B. vor meinem Klavierunterricht einen Schokoriegel esse. Dann habe ich viel mehr Kraft und Konzentration beim Spielen und bin mit meinem Ergebnis viel zufriedener. Seitdem ist der Schokoriegel zwischendurch eine Selbstverständlichkeit.

    Außerdem ist es die Anerkennung/Wertschätzung, die ich von meinem Freund erfahre, die sehr viel Positives in mir auslöst und dazu führt, dass ich mich selbst besser annehmen und lieben kann.

    Ich denke im Laufe der Zeit immer weniger an die Krankheit, weil mich das Leben rundherum ablenkt und auf andere Gedanken bringt. Ich liebe das Leben und meinen Alltag. Es ist schön, mich selbst – also die richtige Amelie – zu erleben und immer mehr aufblühen zu sehen. Die Krankheit bekommt immer weniger Stellenwert und Wichtigkeit.

    Mittlerweile verstehe ich, wie wichtig Essen ist, und dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob ich genug esse oder nicht.

     
  • Wie bringe ich mein Kind zum Essen?

    Wie bringe ich mein Kind zum Essen?

    Vielleicht hält Deinem Kind ein „innerer Tyrann“ eine Pistole an den Kopf und schikaniert es, um es einzuschüchtern. Solange es nicht isst, verschafft sich Dein Kind eine kurze Pause von der Panik und der Angst, die es fühlt.

    Als liebende Mutter oder als liebender Vater kannst Du es Deinem Kind ermöglichen, trotz seiner Angst zu essen.

    Wenn Du dich verurteilend verhälst, Deinem Kind Schuld an seinem Verhalten gibst, wenn Du panisch oder aggressiv bist, dann machst Du es Deinem Kind schwerer zu essen. Das vegetative Nervensystem Deines Kindes gerät immer mehr in den „Kampf-, Flucht- oder Totstell-Modus“. Das vegetative Nervensystem kann nicht bewußt gesteuert werden.

    Deine Hilfe besteht darin, die Verantwortung zu übernehmen und Dein Kind mit ruhiger, liebevoller Zuversicht zu unterstützen. Selbst während Dein Kind gegen Dich kämpft, gibt es einen Teil in ihm, der verzweifelt hungrig und schwach ist, der sich nach Essen sehnt, der Angst vor dem Zustand hat, in dem er sich gerade befindet, der verwirrt ist und der sich nach Wohlbefinden sehnt.

    Deshalb sind die Mahlzeiten in der Regel erfolgreicher, wenn die Eltern komplett die Verantwortung für das Essen übernehmen.

    Wenn Dein Kind an vermeidender/restriktiver Nahrungsaufnahme (ARFID) oder einer Autismus-Spektrum-Störung (ASD) leidet, dann ist wahrscheinlich nicht alles aus diesem Artikel anwendbar. Besprich das bitte mit Deinen Spezialisten.

    Benutze direkte Aufforderungen

    Der Verstand Deines Kindes ist voll von lärmenden Widersprüchen. Durchbrich die Verwirrung, indem Du klare, direkte Aufforderungen gibst, wie zum Beispiel

    • Fang mit den Nudeln an, mein Liebling.
    • Nimm jetzt Deine Gabel.
    • Iss weiter.
    • [Bewege den Teller auf Dein Kind zu, biete ihm eine Umarmung an, füttere es mit dem Löffel, setze Dich nah zu ihm.]
    • Mein Schatz, mach weiter mit den Nudeln.
    • Nimm noch einen Bissen, mein Schatz.
    • Und noch einen.
    • Ja, ich möchte, dass Du das jetzt nimmst.
    • Mach die Bissen jetzt größer.
    • Ich sehe, dass Du Dein Essen zermatschtst. Bitte mach das nicht. Iss jetzt weiter, Liebes.

    Biete auch Ablenkung an, oder vielleicht benötigt es Stille und Empathie. Aber wiederhole alle paar Minuten eine direkte Aufforderung, wenn Dein Kind nicht isst.

    Was kannst Du sonst noch sagen?

    Bis Du Deinen eigenen Stil gefunden hast, hier ein paar weitere Vorschläge, die oft helfen:

    • Vertraue mir.
    • Ich bin bei Dir. Ich bin auf Deiner Seite. Ich werde dir weiter helfen.
    • Es ist okay. Es ist sicher. Es ist völlig in Ordnung. Du schaffst das.
    • Ja, das ist es, was du brauchst.
    • Nur noch ein paar Bissen. Wenn dein Teller leer ist, dann können wir gehen und [lustige Aktivität]
    • Ich glaube/fühle/stelle mir vor, dass das sehr schwer für Dich ist. Das tut mir sehr leid. Nimm jetzt noch einen Bissen.
    • Ich kann mir gut vorstellen, wie schwer das jetzt ist. Das hast Du schon eine Weile nicht mehr gegessen. Nimm noch einen Bissen.
    • Es tut mir wirklich leid, dass Dein Bauch weh tut. Lass uns 2 Minuten lang entspannen/durchatmen [und dann weitermachen].
    • Konzentrier Dich auf einen Bissen nach dem anderen (wenn Dein Kind verhandeln will)

    Das hier funktioniert bei manchen, bei anderen nicht. Experimentiere!

    • Du brauchst das, damit Du Energie hast, um die Sachen zu machen, die Du gerne tust.
    • Sobald Du gegessen hast, machen wir [lustige Aktivität].
    • Denk daran, wie wichtig Dir die Reise im nächsten Monat ist!
    • Nicht-Essen ist nicht möglich. Mach weiter.
    • Ich vermute/fühle/ glaube, dass Du Dich [so und so] fühlst. Ist das so? Es tut mir sehr leid. Das ist normal in diesem Stadium. Es wird vorbeigehen. Das wird leicht und einfach werden. Und jetzt mach weiter mit den Nudel, Süsse.
    • Das Essen ist Deine Medizin (kann predigend und unsympathisch klingen)

    Die folgenden Punkte sind in der Regel nicht hilfreich, um während eines Essens darüber zu sprechen. Mach Dir keine Vorwürfe, wenn Du sie benutzt hast. Keiner von uns hat das gewußt, bis wir es gelernt haben.

    • Was willst Du essen?
    • Iss einfach, was Du schaffst/die Hälfte.
    • Willst Du noch mehr? (Wenn Dein Kind noch nicht genug zu Essen hatte, dann gib ihm mehr)
    • Es ist schwer, aber Du musst es essen! (Viel mehr unterstützend ist: „Es ist schwer und gleichzeitig musst Du es leider essen“)
    • Versuch es zu essen! (Dein Kind soll es nicht „versuchen“ zu essen, sondern es essen.)
    • Da sind nur x Kalorien drin und Dein Körper verbraucht y Kalorien nur zum Schlafen.
    • Es ist genau dasselbe wie beim letzten Mal.
    • Ich habe es gewogen/die Kalorien überprüft/keine Butter hinzugefügt.
    • Lass mich erklären, warum Kohlenhydrate so wichtig für Dich sind.
    • Aber Du bist nicht fett!
    • Du musst zunehmen!
    • Dein Bauch tut weh, weil Du nicht genug isst.
    • Andere werden fett, weil […] und das wird Dir nicht passieren.
    • Wenn Du nichts isst […] (Wechsele zu „Wenn Du gegessen hast…“)
    • Wenn Du nicht essen, dann [Horrorszenarien, die die Kampf-oder-Flucht-Reaktion erhöhen]
    • Du ruinierst unser Leben/Du bist egoistisch/Du versuchst es ja nicht einmal!
    • Iss einfach!!!!
    • Du bist verantwortlich, ich kann dich nicht zwingen zu essen! Es muss von dir kommen.
    • Mir ist das egal, ich gebe auf!
    • Ich hasse Deine Essstörung! Ich rede nicht mit der Essstörung! (Dann trennst Du die Essstörung nicht von Deinem Kind, Stichwort: Externalisierung)
    • Gut gemacht! (Lob während einer Mahlzeit kann bei Deinem Kind widersprüchliche Gefühle und Reue hervorrufen)

    Ablenkung

    Zwischen und während Deinen direkten Aufforderungen zum Essen: redet über lustige Dinge, schaut Fernsehen, spielt Spiele. Pausiere die Ablenkungsaktivitäten sofort, wenn Dein Kind aufhört zu essen. Mach erst weiter, wenn es wieder isst. Ablenkung funktioniert, weil sie die ängstlichen oder selbstzerstörerischen Gedanken Deines Kindes unterbricht.

    Wenn Dein Kind damit beschäftigt zu sein scheint, sich für den nächsten Bissen bereit zu machen, dann können ein oder zwei Minuten Stille oft helfen. Wenn nicht, dann gib weiter direkte Aufforderungen.

    Plane auch etwas Ablenkung vor und nach den Mahlzeiten ein, wenn Dein Kind (vorher) voller Angst oder (danach) voller Selbstvorwürfe ist.

    Güte und Freundlichkeit

    Güte und Freundlichkeit sind Deine besten Werkzeuge, um dem überdrehten Nervensystem Deines Kindes zu signalisieren, dass keine Gefahr besteht. Dass es aus seinem Kampf-, Flucht- oder Totstellzustand heraus kommen kann. Du machst es ihm ein wenig leichter, zu essen (obwohl es Deine Aufgabe ist, Deinem Kind auch dann beim Essen helfen, wenn es Angst hat).

    Das vegetative Nervensystem reagiert auf Berührungen, den Tonfall Deiner Stimme, Deine Körpersprache. Wenn Dein Kind es Dir erlaubt, dann lege einen Arm um es (Du musst vielleicht prüfen: „Darf ich deine Hand halten, Schatz?“).

    Benutze eine liebevolle Stimme und Körpersprache. Versuche, ruhig und selbstbewusst zu wirken (täusche es vor, bis Du es schaffst: Fake it until you make it!). Sage freundliche Dinge, die zeigen, dass Du auf der Seite Deines Kindes bist, und gib ihm keine Schuld.

    Mitfühlende Beharrlichkeit

    Du kannst freundlich und hartnäckig sein. Es ist nicht gut, sein Kind ohne die Nahrung, die es so sehr braucht, gehen zu lassen. Es ist nicht förderlich, Dein Kind in dieser Hölle zu lassen, weil Du sowohl Angst hast, durch sie hindurchzugehen, als auch aus ihr herauszukommen.

    Hör nicht auf, nur weil Dein Kind gegen Dich kämpft oder weil es weint und zittert. Benutze weiterhin alle Hilfsmittel, um einen weiteren Bissen zu erreichen. Dann noch einen weiteren. Eine Essstörung wird mit einem (schmerzhaften) Bissen nach dem anderen überwunden, trotz all der Angst.

    Menschen, die gesund geworden sind, haben später berichtet, dass sie damals trotz ihres Widerstandes insgeheim erleichtert waren, dass man sie zum Essen zwang, weil sie so schwach, hungrig und verängstigt waren.

    Verwende keine Logik

    In seinem Zustand der Angst und Vermeidung wird Dein Kind viele Fragen stellen und viele Argumente vorbringen. Es ist ganz normal, dass man sich da hineinziehen lässt und anfängt, viele Informationen und logische Gründe zu geben, warum es nun essen muss. Wenn Logik funktionieren würde, dann hätten unsere intelligenten Kinder keine Essstörung! Logische Argumente haben selten eine Auswirkungen auf ein Gehirn, das sich in einem Zustand kompletter Angst befindet.

    Dieses Video soll Dir das noch einmal verdeutlichen:

     

    Soll ich mit einfachen Mahlzeiten beginnen?

    Wenn dein Kind abgenommen hat, dann hat eine schnelle Gewichtszunahme jetzt die höchste Priorität. Wenn du langsam angefangen hast, dann steigere die Energiezufuhr schnell. Versuche, den Ernährungsbedarf durch eine schnelle Einbeziehung aller Nahrungsmittelkategorien zu decken, auch wenn Dein Kind Angst vor Fetten oder Kohlenhydraten hat. Sobald du mit dem Aufpäppeln einigermaßen zurechtkommst, werden sich deine Prioritäten auf die weitere Gewichtszunahme und auf die Erhöhung der Nahrungsvielfalt verlagern.

    Wenn es nicht funktioniert

    Das Aufpäppeln ist normalerweise am Anfang am schwierigsten, oder wenn man angstbesetzte Lebensmittel und Essen einführt. Einige junge Menschen geben nach einigen Tagen oder Wochen den Widerstand weitestgehend auf, es ist oft sogar eine versteckte Freude am Essen spürbar. Dein Kind stöhnt dann: „Muss ich das essen?“ und Du sagst einfach „Ja“ und es isst ohne weiteren Widerstand.

    Wenn Du innerhalb von ein paar Wochen Dein Kind nicht dazu bewegen kannst, genug für eine Gewichtszunahme zu essen (wenn es abgenommen hat), dann brauchst Du unverzüglich mehr professionelle Unterstützung. Es ist nicht Dein Versagen: Du hast noch nicht die richtige Unterstützung für die Art und Weise erhalten, wie Dein Kind von der Essstörung betroffen ist. Sei offen für einen kurzen Krankenhausaufenthalt, um Dein Kind wieder zum Essen zu bewegen. Übernimm dann so schnell wie möglich wieder die Verantwortung.

    Der Beitrag erschien in englischer Originalfassung am 18.03.2020 unter https://www.feast-ed.org/tips-for-helping-your-child-to-eat

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und von FEAST.

     
  • Pilotstudie zur Wirksamkeit von FBT an der Charité in Berlin

    Pilotstudie zur Wirksamkeit von FBT an der Charité in Berlin

    Es zeigt, dass in Deutschland sinnvolle und effektive Hilfe für junge Menschen mit einer Essstörung in greifbare Nähe rückt!

    Im Rahmen eines klinischen Forschungsprojektes, einer Pilotstudie zur Machbarkeit und Wirksamkeit von FBT, erhalten 15 Familien aus Berlin und dem Umland die Möglichkeit, nach einem zweitägigen Kurzaufenthalt in der Pädiatrie für ein medizinisches assessment, ein Home Treatment unter professioneller Betreuung durchführen zu können. Die wenigen Plätze sind leider nur für Berliner Familien vorgesehen und es müssen eine Reihe von Einschlusskriterien erfüllt sein. Aber dass es diese Studie gibt, gibt Anlass zur Hoffnung!

    In Deutschland ist üblich, dass bei einer Erkrankung an Magersucht und bestimmten, weiteren Kriterien (z.B. rapider Gewichtsverlust, gefährliches Untergewicht, fehlende Gewichtszunahme trotz ambulanter Behandlung, ausgeprägte Komorbiditäten) erst eine lange stationäre Behandlung erfolgt und sich dann (erneut) eine ambulante Behandlung anschließt.

    Häufig kommt es jedoch nach der stationären Therapie zu einem erneuten Gewichtsverlust, die „Rückfallquote“ bei Anorexie ist bekanntermaßen hoch. Möglicherweise ist dies durch die krankheitsbedingt fehlende Einsicht und Mitarbeit der jungen Patienten bedingt, möglicherweise ist dies auch der nur marginalen Einbeziehung der Eltern in der derzeitigen Standardbehandlung geschuldet.

    Die meisten Eltern sind komplett überfordert, wenn ihr Kind wieder nach Hause kommt, da sie keinerlei Strategien und Wissen darüber haben, wie sie ihrem Kind nun helfen können. Oft führt das zu Rückfällen, erneuten Klinikaufenthalten und wenig Chancen auf einen echten und dauerhaften Heilungsprozess.

    In der Studie werden langfristig Gewichtsverlauf und weitere Essstörungssymptome, sowie Behandlungszufriedenheit und -kosten dem derzeitigen deutschen Behandlungsstandard gegenübergestellt.

    „Durch das Projekt erhoffen wir uns eine signifikante Erweiterung und Verbesserung der Therapieoptionen und -erfolge für unsere jungen Patient*innen mit Magersucht.“
    (Dr. Verena Haas, Forschung/Ernährungstherapeutin Charité – Universitätsmedizin Berlin)

    Fünf erfahrene Therapeutinnen und Therapeuten erhalten aktuell eine FBT-Ausbildung durch die renommierten Spezialisten Prof. Daniel Le Grange (USA) und Dr. Roslyn Hopf (Deutschland).

    Prof. Le Grange ist international renommierter Wissenschaftler, der maßgeblich an der Entwicklung von FBT mitgewirkt hat und bereits viele Studienergebnisse zum Thema FBT veröffentlich hat.

    Er und sein Kollege Dr. James Lock sind Begründer des Training Institute for Child and Adolescent Eating Disorders, das in den USA die Ausbildung zum zertifizierten FBT-Therapeuten anbietet.

    Prof. Le Grange konnte für das Projekt auch als wissenschaftlicher Kooperationspartner gewonnen werden.

    „Als die Kollegen von der Berliner Charité Kontakt mit mir aufgenommen haben mit der Idee, eine Studie zu FBT in Deutschland durchzuführen, war ich sofort begeistert. Denn bislang wurde die Wirksamkeit von FBT noch nicht in einem zentraleuropäischen Land wissenschaftlich untersucht und belegt. Das ist ein wichtiger Schritt, bei dem ich das Berliner Team überaus gerne unterstütze!“
    (Prof. Daniel Le Grange)

    Als weitere Kooperationspartnerin und FBT Ausbilderin konnte Dr. Roslyn Hopf gewonnen werden. Sie erhielt ihre Ausbildung zur FBT Therapeutin bei Prof. Le Grange in Chicago und ist unseres Wissens nach aktuell die einzige zertifizierte FBT-Therapeutin in Deutschland.

    Sie forscht und publiziert schon seit langem zum Thema FBT und ist seit 10 Jahren als niedergelassene Psychotherapeutin im Frankfurter Raum tätig.

    „Ich freue mich sehr, dass die Charité in Berlin dieses Forschungsprojekt plant, und es bald mehr deutschsprachige FBT-Therapeuten geben wird. Das wird langfristig dazu führen, dass mehr deutsche Familien, deren Kinder eine Essstörung haben, eine alternative Behandlungsmethode in Betracht ziehen können.“
    (Dr. Roslyn Hopf)

    Alle Informationen zu diesem sehr begrüßenswerten Projekt findet man hier: