Kategorie: Ressourcen

  • Fortbildung für Ärztinnen & Ärzte: Wenn die Waage das Leben bestimmt (Mai 2023)

    Fortbildung für Ärztinnen & Ärzte: Wenn die Waage das Leben bestimmt (Mai 2023)

    In dieser Fortbildung diskutieren ausgewiesene ExpertInnen über die Ursachen und Auswirkungen der Anorexia nervosa auf den wachsenden Organismus, auch unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses der Corona-Pandemie.

    Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen wie z.B. die Anorexia nervosa zeigen eine ansteigende Prävalenz. Durch neue Erkenntnisse zur Ätiologie, Prävention und Diagnostik haben sich die Auffassung der Erkrankung und das Verständnis in den letzten Jahren verändert.

  • ANGI – Der Prozess (Teil 2)

    ANGI – Der Prozess (Teil 2)

    Zwischen Januar 2013 und Juli 2016 ist es uns gelungen, Blutproben und klinische Informationen von 13 363 Personen mit Anorexia nervosa und 9 342 Kontrollpersonen (Menschen ohne Essstörungen) in fünf Ländern auf der ganzen Welt zu erhalten. In diesem Beitrag, dem zweiten von vier, erklären wir, wie wir dieses ehrgeizige Ziel erreicht haben.

    Die ANGI-Teams

    USA. ANGI wurde von der UNC Chapel Hill aus koordiniert, unter der Leitung von Dr. Cynthia Bulik, Leiterin der Forschung, und Dr. Laura Thornton, stellvertretende Direktorin. Dank Dr. Thorntons Fähigkeit, ein internationales Konsortium zu leiten, wurde ANGI zu einem Erfolg. Dr. Patrick Sullivan aus den Abteilungen für Genetik und Psychiatrie war ein Co-Untersuchungsbeauftragter. Im Laufe der Studie wurden wir von zahlreichen Dozenten und Mitarbeitern unterstützt, darunter Hunna Watson, PhD, MBiostats (Erstautorin und Chefanalystin), Zeynep Yilmaz, PhD (Analystin), Jessica Baker, PhD, und Melissa Munn-Chernoff, PhD. Viele andere UNC-Fakultäten und -Mitarbeiter halfen bei der Arbeit mit.

    Schweden. ANGI-SE wurde von Prof. Mikael Landén als Hauptprüfer geleitet und von Dr. Anders Juréus koordiniert. Das große und engagierte schwedische ANGI-Team veranstaltete eine Feier zum Abschluss der Studie, um das Erreichen der Rekrutierungsziele zu feiern.

    Dänemark. Das Zentrum von ANGI-DK befand sich in Aarhus, Dänemark, unter der Leitung von Prof. Preben Bo Mortensen, der von Liselotte Petersen, PhD und Janne Tidselbak-Larsen unterstützt wurde.

    Australien. ANGI-AU wurde von Prof. Nick Martin geleitet und von Richard Parker koordiniert. Prof. Tracey Wade von der Universität Adelaide war ebenfalls beteiligt. Die Fachwelt der Essstörungen „down-under“ ist in der Australia and New Zealand Academy for Eating Disorders (ANZAED) zusammengeschlossen, die maßgeblich an der Rekrutierung in Australien und Neuseeland beteiligt war. Als das Interesse in Neuseeland wuchs, halfen Prof. Martin Kennedy und Dr. Jenny Jordan von der University of Otago, die Rekrutierung in Australasien voranzutreiben. Fachpersonal und Menschen mit „lived experience“ waren in beiden Ländern bereit, in den Medien über ANGI zu reden, um Menschen mit Anorexia nervosa für die Teilnahme bei der ANGI Studie zu gewinnen.

    Die Strategie

    Teilnehmer gewinnen. Da wir wussten, dass wir eine große Aufgabe zu bewältigen hatten, entwickelten wir eine mehrgleisige Rekrutierungsstrategie, die Forscher, Kliniker, Journalisten, Blogger, Selbsthilfegruppen, Familienmitglieder und Menschen mit Anorexieerfahrung einbezog, um ANGI bekannt zu machen. Dafür entwickelten wir eine Outreach-Strategie, die traditionelle Medien, soziale Medien, Blogs und andere Kanäle einschloss. Das australische Team engagierte die PR-Firma Viva! Communications, die eine breit angelegte traditionelle (TV, Radio, Print) und digitale (Online und Social) Berichterstattung zusammen mit den nationalen Medien für Fachkräfte im Gesundheitswesen und Verbraucher nutzte. In der Tat, Viva! die ANGI-Kampagne wurde vom Public Relations Institute of Australia mit dem National Golden Target Award ausgezeichnet. Jedes Mal, wenn die Kampagne anlief, gab es einen enormen Anstieg der Teilnehmerzahlen, wobei Hunderte von Personen die Website besuchten, um an der Umfrage teilzunehmen und sich für ANGI anzumelden. Bei jeder unserer Aktionen (in New South Wales, Westaustralien, Neuseeland) wurde medizinisches Fachpersonal und Menschen mit Anorexia nervosa engagiert, um den lokalen und nationalen Medien im ganzen Land zur Verfügung zu stehen, was eine nahezu sofortige Reaktion und die Verfügbarkeit von Personen für Interviews in Printmedien, Radio oder Fernsehen sicherstellte.

    Dänemark war einzigartig

    Unsere Arbeit in Dänemark unterschied sich von den anderen Standorten durch die erstaunliche nationale Ressource, die den Bluttropfen aus dem Fersenstich eines Neugeborenen speichert. In vielen Ländern wird bei der Geburt eines Babys mittels eines kleinen Stichs in die Ferse ein Bluttropfen entnommen [Phenylketonurie (PKU)-Test], um festzustellen, ob das Neugeborene das Enzym hat, das zur Verwertung von Phenylalanin benötigt wird. Phenylalanin ist eine Aminosäure, die für normales Wachstum und normale Entwicklung benötigt wird. Bei frühzeitiger Erkennung kann eine phenylalaninarme Diät die Folgen der PKU für die neurologische Entwicklung verhindern. In den meisten Ländern werden diese Blutproben nach Abschluss des Tests einfach weggeworfen, doch in Dänemark werden sie klugerweise unter kontrollierten Bedingungen gelagert, so dass GWAS (Anm.d.R.: GWAS = Genomweite Assoziationsstudien) noch Jahre und sogar Jahrzehnte später an ihnen durchgeführt werden können. Außerdem können wir dank der hervorragenden Gesundheitsregister des Landes jeden identifizieren, bei dem zu irgendeinem Zeitpunkt Anorexia nervosa diagnostiziert wurde. So konnten wir die Blutproben derjenigen entnehmen, bei denen Anorexia nervosa diagnostiziert wurde, zusammen mit den nach Geschlecht und Geburtsjahr identifizierten Kontrollpersonen, die nie an der Krankheit litten. Mit dieser Strategie hat Dänemark Proben von 5 019 Personen mit Anorexia nervosa beigesteuert und damit den größten Beitrag zur ANGI-Stichprobe geleistet.

    Das haben wir gelernt

    Nationale Gesetze. Wenn man eine internationale Studie wie ANGI durchführt, lernt man viel über internationale Gesetze. In einigen Ländern konnten wir alles online erledigen (Einverständniserklärungen, Screening, Rekrutierung), während in anderen Ländern ein telefonischer Kontakt mit dem Forschungspersonal zu einem bestimmten Zeitpunkt des Prozesses erforderlich war. Es steht außer Frage, dass die Rekrutierung reibungsloser abläuft, wenn alles online erledigt werden kann. Am besten ist es vielleicht, den Teilnehmern die Wahl zu geben. Einige Personen schätzen die Möglichkeit, ihre Geschichte jemandem zu erzählen, der sich wirklich für sie interessiert, während andere sich viel wohler fühlen, wenn sie alles digital erledigen können.

    Es den Teilnehmern leicht machen. Die Technologie der Genetik schreitet schnell voran. Als wir mit ANGI begannen, musste den Teilnehmern Blut abgenommen werden, was den Aufwand für sie erhöhte. Sie mussten zu einem bestimmten Ort fahren , um das Blut abnehmen und zur Genotypisierung einsenden zu lassen. Dies stellte eine zusätzliche Hürde dar, vor allem in den USA, wo die Möglichkeiten der Blutentnahme begrenzt sind. Die Abschlussraten stiegen, als wir ein mobiles Blutabnahme-Unternehmen anheuerten, das zur Blutentnahme für ANGI zu den Probanden nach Hause kam. In der nächsten Phase unserer Forschung werden die Dinge viel einfacher sein. Dank des technologischen Fortschritts können wir jetzt sicher sein, dass Speichelproben qualitativ hochwertige DNS liefern. Für die Teilnahme an unseren laufenden und nächsten Studien brauchen Sie also nur in ein Röhrchen zu spucken und es an uns zurückzuschicken!

    Viele schwerkranke Menschen sind von einer Behandlung weit entfernt. Eine der anfänglichen Befürchtungen bezüglich unserer Rekrutierung über die sozialen Medien war, dass wir Personen mit Anorexia nervosa anziehen würden, die viel weniger krank sind als die Personen, die wir aus den Behandlungszentren rekrutieren. Dies erwies sich als nicht zutreffend, was sehr besorgniserregend ist. Viele schwer kranke Menschen leben mit Anorexia nervosa mitten in unserer Gesellschaft, ohne dass sie an Behandlungseinrichtungen angebunden sind. Die Gründe dafür sind vermutlich vielfältig – fehlender Zugang zu medizinischer Versorgung, Versicherung, frühere Erfahrungen mit der Behandlung und fehlende Behandlungsoptionen für Menschen mit chronischen Krankheiten. Das hat uns die Augen dafür geöffnet, dass es in unserer Gesellschaft einen sehr ernstzunehmenden Bedarf gibt, und das wir dafür Sorge tragen müssen, dass Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten für alle Menschen im gesamten Schweregradspektrum zur Verfügung stehen.

    Der Wert engagierter Wissenschaft. Ich habe es schon früher gesagt, aber ANGI war das lohnendste Projekt, an dem ich in meiner Laufbahn je beteiligt war. Die Großzügigkeit von Menschen mit Anorexia nervosa und ihr aufrichtiger Wunsch, „etwas zurückzugeben“, haben mich persönlich berührt. So viele Teilnehmer gaben bereitwillig ihre Zeit (und ihr Blut!) in der Hoffnung, dass ihr Beitrag dazu beitragen würde, anderen das Leiden zu ersparen, das die Magersucht bei ihnen verursacht hatte. Ich bin mir nicht sicher, wie ich es am besten ausdrücken soll, nachdem ich jahrzehntelang in diesem Bereich gearbeitet habe, aber es gibt einen inneren Kern von Menschlichkeit, den ich in jeder Person, mit der ich in diesem Bereich gearbeitet habe, gesehen habe. Allzu oft konnte ich ihn erkennen, bevor sie ihn selbst wahrnehmen konnten. Er ist vielleicht Teil der ausgepägten zwischenmenschlichen Hochsensibilität, die sie überhaupt erst anfällig für die Entwicklung der Krankheit macht, aber wenn sie in eine gesunde Richtung kanalisiert wird, ist sieein Geschenk für die Welt.

    Die Einbeziehung von Patienten, Familienmitgliedern und Unterstützer im Dienste der Wissenschaft ist schwieriger, als sich im Elfenbeinturm zu verstecken, verleiht unserer Arbeit aber letztlich mehr Bedeutung. Dr. Hunna Watson, unsere leitende statistische Analystin, erklärte: „Diese Arbeit war auf einen weltweiten Einsatz von Wissenschaftlern und der gesamten Gemeinschaft angewiesen, um diese neuen Erkenntnisse in den Vordergrund zu stellen. Das ultimative Ziel ist es, die Ursachen von Anorexia nervosa zu erfassen, damit die verheerenden persönlichen und familiären Folgen dieser Krankheit eines Tages abgewendet werden können.“

    15.07.2019 – Cynthia Bulik, PhD, FAED

    https://sph.unc.edu/adv_profile/cynthia-bulik

    https://uncexchanges.org/2019/07/15/anorexia-nervosa-genetics-initiative-angi-part-2-the-process

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung ausserhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

  • Zielgewichte festlegen

    Zielgewichte festlegen

    Ich habe einige recht ausführliche Richtlinien für die Bestimmung des idealen Körpergewichts bei pädiatrischen Patienten und über das, was wir in der Kartini Clinic „Zustand statt Gewicht“ (state not weight) nennen, geschrieben. Heute verwenden wir eher den Begriff „Zielgewicht“ als „ideales Körpergewicht“, da „ideal“ so viel Ballast mit sich bringt.

    Professor Bryan Lask bat mich einmal, an einer Debatte in einer internationalen Fachzeitschrift teilzunehmen, in der es um die Frage ging, ob eine vollständige Wiederherstellung des Gewichts bei der Behandlung von Essstörungen notwendig sei oder nicht. Ich sollte den Standpunkt „Ja“ vertreten. Natürlich habe ich das getan. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich die vollständige Wiederherstellung des Gewichts als conditio sine qua non der Heilung betrachte. Im Klartext: Ohne sie kann man nicht gesund werden.

    Wenn es um Gewichtsverlust und Anorexia nervosa geht, folge ich meinen eigenen Richtlinien, indem ich die Informationen aus der Wachstumstabelle, die mittlere Größe der Eltern und das Pubertätsstadium (das ist wichtig) verwende und dann eine fundierte Schätzung des Zielgewichts vornehme. Aber es ist nur eine Schätzung. Dann legen wir einen Essensplan fest, mit dem wir im Wochendurchschnitt 0,2kg pro Tag zunehmen. Wenn wir dieses Ziel nicht annähernd erreichen, erhöhen wir die Kalorienmenge. Anschließend bestimmen wir die Grundwerte des Stoffwechsels des Patienten, z.B. (mindestens) Cortisol, LH, FSH, Östradiol, Testosteron, Glukose, Insulin, Leptin, Komplement 3, Gesamt-T3, TSH und freies T4, und passen unsere Schätzung nach Bedarf an.

    Wenn ich ein Kind mit Gewichtsverlust untersuche, setze ich ein Körpergewichtsziel wie oben beschrieben. Wenn ich den Patienten jedoch wegen einer übermäßigen Gewichtszunahme untersuche, schreibe ich stattdessen etwas wie folgt: „Bei diesem Kind ist es nicht ratsam, ein Körpergewichtsziel zu setzen, da die Ausgangswerte sehr hoch sind. Es ist wichtig, eine geordnete Ernährung mit einem Kaloriengehalt von etwa 2150 Kcal/Tag (oder einer anderen Zahl, abhängig von Alter und Aktivität) zu etablieren und zu sehen, wie der Körper im Laufe der Zeit damit umgeht. Die starke familiäre Vorbelastung mit Typ-2-Diabetes (sofern vorhanden) bedeutet, dass wir uns an seinen/ihren seriellen Stoffwechseluntersuchungen orientieren müssen.”

    Wir überprüfen diese Laborwerte etwa alle vier Wochen, um zu sehen, ob sich der Stoffwechsel des Patienten mit der Wiederaufnahme der Nahrung normalisiert. Auf diese Weise können wir die hormonelle Wiederherstellung beurteilen und ungefähr erkennen, wann das Gehirn wirklich glaubt, dass „die Hungersnot vorbei ist“. Stoffwechsellaboruntersuchungen ermöglichen es, uns an der Biologie des Patienten zu orientieren – aber zweifellos machen sie eine ohnehin schon komplizierte Bestimmung noch komplizierter. Ich denke, dafür sind die Ärzte da. Die Laborwerte (aber nicht das Gewicht) werden mit unseren Patienten geteilt. Wir teilen alles mit den Eltern.

    Kürzlich habe ich einige Kommentare von besorgten Müttern gelesen, die sagten, dass ihre Ärzte das Zielgewicht ihres Kindes zu niedrig angesetzt hätten und ihnen nicht glaubten, wenn sie sagten, dass das Gewicht ihres Kindes steigen müsse, damit es sich psychisch vollständig erholen könne. Erleben wir das in der Kartini Clinic?

    Nun, die Reaktionen der Eltern, die wir in der Regel erhalten, wenn wir Gewichtsziele festlegen und darauf hinarbeiten, lassen sich grob in drei Kategorien einteilen:

    Antwort Nr. 1: „Sie sind der Arzt, ich vertraue auf Ihre Zielsetzung“

    Antwort Nr. 2: „Ich verstehe nicht, warum Sie ihr Zielgewicht so hoch angesetzt haben. Ich glaube nicht, dass sie so viel wiegen muss“ (dies wird fast immer über ein Mädchen gesagt)

    Antwort Nr. 3: „Ich glaube nicht, dass er/sie bei dem von Ihnen festgelegten Zielgewicht optimal funktionieren kann; es ist zu niedrig. Ich denke, sie/er braucht noch ein paar Pfunde mehr, um ihre/seine gute Laune und Energie wiederzuerlangen“.

    Was können Sie zur elterlichen Antwort Nr. 1 sagen?
    „Danke für Ihr Vertrauen“, denke ich.

    Antwort Nr. 2 ist häufiger als Antwort Nr. 3 und ist frustrierender.

    Wir versuchen, Ziele auf der Grundlage der Biologie zu setzen, nicht auf der Grundlage von Hoffnungen, Überzeugungen, kosmetischen Vorurteilen oder sozialen Normen. Wichtig ist nicht, was Julie denkt, dass ein 14-jähriges kaukasisches Mädchen zum Beispiel wiegen sollte, sondern was das Gehirn und der Körper dieses Mädchens tun.

    Da wir alle im Meer dieser Kultur schwimmen, die Schlankheit über alles stellt, erhalten wir verzerrte Botschaften über Schönheit und „Norm“. Und seien wir ehrlich: Wir lieben unsere Kinder sehr, identifizieren uns mit ihnen und leben sogar stellvertretend durch sie. Wir schwelgen im Glanz ihrer guten Noten, ihrer Englischpreise, ihrer sportlichen Erfolge, ihrer Vollstipendien und … ihres Aussehens. Wenn sie dünn sind, fühlen wir uns tugendhaft – als ob wir sie richtig erzogen hätten. Wenn sie übergewichtig sind, werden wir getadelt und – was noch wichtiger ist – wir geben uns selbst die Schuld. Daher sind einige Eltern nicht erfreut, wenn ich ein Zielgewicht festlege, von dem sie glauben, dass es ihre Tochter aus dem „schlanken“ Bereich herausführt.

    Anhand der Wachstumsdaten ihres Kindes, des Pubertätsstadiums und der Stoffwechseluntersuchungen versuchen wir den Eltern zu zeigen, wie wir zu ihrem Zielgewicht gekommen sind. Auf die häufige Bemerkung, dass „sie noch nie so viel gewogen hat“, versuchen wir zu erwidern, dass sie auch älter ist als je zuvor und dass eine 14-jährige nicht so viel wiegen sollte wie mit 13 und eine 17-jährige nicht so viel wie mit 15. Wachstum bedeutet Gewichtszunahme. Oft können diese kosmetisch begründeten Bedenken jedoch nicht durch Fakten ausgeräumt werden.

    Und es gibt noch eine weitere starke Überzeugung, die manche Eltern vor „zu viel Gewichtszunahme“ zurückschrecken lässt – die Überzeugung, dass ihr Kind verzweifelt, depressiver und „psychisch schlechter“ wird, wenn es „zu viel“ zunimmt. Es gibt auch einige Behandler, die diesen Glauben teilen und Ziele für die Gewichtszunahme setzen, die „ihre Patienten akzeptieren können“. Der Trugschluss dieses Arguments besteht darin, dass wir nicht über das durchschnittliche Kind oder den durchschnittlichen Jugendlichen sprechen, sondern über das Kind mit Anorexia nervosa.

    Es gibt buchstäblich kein noch so niedriges Gewicht, das eine Essstörung besänftigen kann. Wenn Sie es auf 60kg einstellen, will die Essstörung 57,5kg. Wenn Sie 57,5kg erreichen, sehnt sich die Essstörung nach 55kg, usw. Jeder, der Essstörungen behandelt oder einen Angehörigen mit einer Essstörung hat, weiß das. Dennoch ist das Leid des Kindes so schwer zu ertragen, dass es fatal verlockend ist zu glauben, man könne es beschwichtigen, indem man niedrige Gewichtsziele setzt. Niedrige Gewichtsziele bedeuten langsames Wachstum, lineares Größenwachstum, suboptimales Gehirnwachstum und keine Rückkehr/Einleitung der Menstruation.

    Und dann ist da noch Reaktion Nr. 3. Ein unerfahrener Kliniker fühlt sich durch selbstbewusste Eltern bedroht.

    Die alte Medizin macht die Eltern zu passiven Empfängern der Weisheiten des Arztes (oder Therapeuten oder Ernährungsberaters). Die neue Medizin macht uns alle zu Mitstreitern auf unserem Weg zu optimaler Gesundheit. Wir wenden uns an den Arzt, um Ratschläge zu erhalten, die auf seiner Ausbildung und Erfahrung beruhen – seinem Fachwissen, wenn Sie so wollen. Aber die Eltern sind in der Regel die Experten, wenn es darum geht, ihr eigenes Kind als Person zu beurteilen. Es haben genug Mütter berichtet, dass ihr Kind erst dann wieder zu einem normalen, glücklichen psychologischen und sozialen Verhalten zurückfand, als es einige Pfunde über dem vom Team festgelegten Zielgewicht lag, um mich zumindest aufhorchen zu lassen.
    Wenn Sie daran interessiert sind, lesen Sie hier die Geschichte einer Mutter (Anm der Redaktion: Beitrag auf Englisch unter https://www.kartiniclinic.com/blog/post/coming-to-terms-with-my-daughters-genetically-programmed-body-size/).

    Dr. Moshtael und ich wissen aus unserer Erfahrung mit Stoffwechsellaboruntersuchungen in den letzten Jahren, dass es sehr schwer sein kann, das Gehirn davon zu überzeugen, dass „die Hungersnot vorbei ist“ und es seinen Würgegriff auf einige der Hormone, die die Stimmung beeinflussen können (Cortisol, Testosteron, Östradiol usw.), lockern kann. Die unterschiedliche Reaktion auf die Wiederaufnahme der Ernährung hängt wahrscheinlich damit zusammen, wie lange der Patient bereits erkrankt ist, wie alt er ist, wie schnell er sein Gewicht wieder aufbaut, in welchem pubertären Stadium die Krankheit ihn erwischt hat und … die Genetik. Die Beobachtung einiger Eltern, dass sich das Gewicht ihres Kindes erst dann vollständig normalisiert, wenn es etwas höher ist als die anfängliche Vermutung, sollte respektiert werden.

    Denn was ist wichtiger: Eine bestimmte Gewichtszahl oder dass das Lächeln zurückkommt?

    01.09.2016 – Julie O’Toole

    https://kartiniclinic.com/blog/post/setting-goal-weights/

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

  • Blick über den Tellerrand – Behandlung von Anorexie in Spanien

    Blick über den Tellerrand – Behandlung von Anorexie in Spanien

    Ich habe mir überlegt, dass es von Hilfe sein könnte, zu erklären, wie in unserer Klinik in Madrid die Therapie abläuft. Erstmal ist vielleicht interessant zu wissen, dass in Spanien verschiedene Behandlungsansätze nebeneinander existieren, nicht in allen Kliniken verläuft die Behandlung gleich.


    In wichtigen Unikliniken in Madrid, Barcelona, Valencia u.a. dominiert seit vielen Jahren ein integraler Behandlungsansatz in der Behandlung von Essstörungen, in dem der Familie, insbesondere den Eltern ab Tag 1 der Behandlung eine wichtige Rolle zukommt. Sie werden von Beginn an zu Co-Therapeuten ausgebildet.

    Unsere Klinik in Madrid behandelt ihre Patienten und Patientinnen seit den 90er Jahren nach einem integralen und interdisziplinären Ansatz, der sich aus verschiedenen medizinischen, psychologischen, familiären und sozialen Interventionen zusammensetzt (vgl. Morandé, Graell, Blanco (2014): Trastornos de la Conducta Alimentaria y Obesidad. Un enfoque integral. Editorial Médica Panamericana).

    Es wird nicht nach Ursachen geforscht, sondern in der Anfangsphase der Behandlung steht eine Gewichtsstabilisierung nach dem Grundsatz Essen ist Medizin im Mittelpunkt, ohne eine nennenswerte psychologische Behandlung in der WR-Phase (weight restauration).

    Wenn Eltern entdecken, dass mit ihrem Kind in Bezug auf das Essverhalten etwas nicht stimmt, dann ist der erste Weg zum Kinderarzt.

    In vielen Fällen ist es der Kinderarzt, der das Krankenhaus empfiehlt oder eine Organisation, z.B. Adaner. Man bekommt, je nach Zustand des Kindes, entweder über die Warteliste oder über die Notaufnahme einen Platz.

    Je nach Schwere des Falls werden Patienten und Patientinnen entweder stationär oder in das Home Treatment-Programm aufgenommen, tagesklinisch oder ambulant behandelt. Interessant dabei ist, dass ein und dieselbe Klinik alle vier Settings parallel anbietet.

    Stationäre Aufnahmen sind, wie ich das beobachten konnte, immer so kurz wie möglich und so lang wie nötig. In unserem Fall waren es knapp 5 Wochen. Während des stationären Aufenthalts geht es v.a. um eine schnelle Gewichtswiederherstellung. Es gibt keine speziellen Therapien. Jüngere Kinder bis 12 Jahren bleiben normalerweise kürzer in stationärer Behandlung und kommen früher in die Tagesklinik, wo sie anfangs alle Mahlzeiten bekommen, aber abends nach Hause dürfen, übernachten und morgens wieder gebracht werden. Schwere Fälle gehen in Anschluss an die stationäre Aufnahme in die Tagesklinik.

    Während der ersten fünf Tage ist ein Elternteil 24 Stunden bei den Kindern auf dem Zimmer. Man schläft direkt neben dem Bett seines Kindes. In dieser Zeit ist Ruhen angesagt. Die Kinder bekommen einen weiten Schlafanzug bzw. Jogginganzug an und liegen bis auf die Mahlzeiten in ihrem Bett. Es darf kein Handy benutzt werden und die Kinder erhalten eine Art Tagebuch, in das die Therapeuten jeden Tag ein paar Fragen hineinschreiben. Das ist alles. Kein Lesen, kein Laufen, keine Aktivitäten. Nur ruhen, schreiben und Gespräche mit dem Elternteil.

    Normalerweise teilen sich die Kinder das Zimmer mit einer weiteren Person, die schon etwas länger auf der Station ist und alle Abläufe kennt. Es gibt einen gut strukturierten Tagesablauf, wie gesagt, anfänglich ruhen und essen.
    In den ersten Tagen erhalten die Kinder Schonkost. Es gibt fünf Mahlzeiten. Drei Hauptmahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten. Von Anfang an gibt es einen festen Essensplan, der sich wöchentlich wiederholt. Vegetarische Ernährung ist nicht erlaubt.

    Alle Kinder essen gemeinsam in einem Essensraum. Dabei läuft Musik und die Essenszeit ist bei Hauptmahlzeiten auf 45 Minuten begrenzt, bei Zwischenmahlzeiten auf 20 Minuten. Es muss alles gegessen werden, was auf dem Teller liegt, selbst Essig- und Öl aus dem Salat-Schüsselchen müssen ausgetrunken werden und beim Apfel darf nur der Stiel übrigbleiben.

    Wenn eine Mahlzeit nicht in der dafür vorgesehenen Zeit gegessen wird oder etwas auf dem Teller liegen bleibt, gibt es einen kalorienhaltigen Shake. Es gibt eine Zweiteilung der Station, einen Flur für die „leichteren“ Fälle und auf einem anderen Flur liegen die Kinder, die sondiert werden müssen.

    Nach fünf Tagen ist das Ruhen vorbei und die Kinder erhalten die Erlaubnis neben den Tagebucheinträgen etwas zu lesen, Musik zu hören, aber alles zeitlich begrenzt. Die Benutzung des Handys ist während der gesamten stationären Behandlung nicht erlaubt. Die Eltern haben tägliche Besuchszeiten, immer nachmittags. Man ruft mittags an und erfährt, wie der Besuch genau aussieht. Je nachdem wie der Tag gelaufen ist, wird mehr Bewegung erlaubt, anfangs sind das fünfminütige Spaziergänge durch die Krankenhausflure, das wird dann nach und nach gesteigert, bis man eine Stunde in den Park darf.

    Auch die Kalorienzufuhr wird allmählich hochgesetzt. Zusätzlich zum Essensplan gibt es nach ca. einer Woche morgens, mittags und abends auch noch kalorienhaltige Shakes. Die Anzahl der Shakes ist dann ein bisschen abhängig von der Gewichtszunahme. Jeden Morgen wird blind gewogen. Die Toiletten und Badezimmer sind nach dem Essen abgeschlossen.

    Nach ungefähr einer Woche gibt es weitere Aktivitäten anfänglich einmal täglich, später zweimal. Es wird viel mit den Händen gearbeitet und hauptsächlich gebastelt. Wahlweise werden Theateraufführungen oder Konzerte im klinikinternen Veranstaltungssaal besucht, die von ehrenamtlichen Gruppen aufgeführt werden. Im Verlauf der Zeit wird morgens an einigen Stunden der Schulunterricht in den Hauptfächern wieder aufgenommen und von Lehrpersonen begleitet. Am Samstagvormittag gibt es eine leichte sportliche Aktivität für diejenigen, deren Gesundheitszustand es zulässt.

    In der ersten Woche werden alle weiteren Untersuchungen durchgeführt, es geht zum Kardiologen, Kinderarzt, Endokrinologen etc.

    Parallel zum stationären Aufenthalt gibt es für die Eltern einmal wöchentlich eine Elterntherapiegruppe, in der man sich austauscht und auf die Zeit nach dem Klinikaufenthalt vorbereitet wird. Es werden Grundsätze der Behandlung erklärt sowie das Prinzip Essen ist Medizin, also alles, was man für die poststationäre Zeit wissen muss. Es wird beispielsweise erläutert, welche Probleme im Alltag auftreten können, z.B. worauf man beim Kleiderkauf achten soll, dass die alte toxische Kleidung in die Kleidersammlung gehört und entsorgt wird, bevor das Kind nach Hause kommt, wie der Handygebrauch geregelt wird und vieles mehr. Man lernt, wie man sich verhalten soll, wenn das Kind nicht essen möchte.

    Je nach Behandlungsverlauf kann das Kind dann ca. ab der dritten Woche einen Nachmittag mit der Familie verbringen. Man bekommt die Zwischenmahlzeit von der Klinik mit nach Hause. Zum Abendessen wird das Kind wieder in die Klinik gebracht. Bevor das Kind dann eine Nacht nach Hause darf, kommen die Eltern zu einigen Mahlzeiten, normalerweise dem Abendessen, in das Krankenhaus, um die Kinder beim Abendessen auf dem Zimmer zu begleiten. Das ist dann ein Wahnsinnserlebnis, wenn du siehst, wie dein Kind Pommes, Pizza, und Pudding isst und nichts liegen bleibt!!!!!

    Dann folgt auch bald der erste Wochenendaufenthalt. Man kocht den vom Krankenhaus vorgegebenen Essenplan und bekommt auch die Shakes mit, falls erforderlich. In der letzten Woche geht es auch stundenweise wieder in die richtige Schule, mittags wieder in die Klinik usw. bis zur Entlassung.

    Wenn das Kind entlassen wird, bekommen die Eltern von der Klinik einen sogenannten „Plan de Vida“, das ist ein „Alltagsplan“, der den Tag strukturiert und vorschreibt, wie lange beispielsweise spazieren gegangen werden darf, welche Aktivitäten unternommen werden dürfen. Der Essensplan vom Krankenhaus wird erstmal beibehalten und in der Anfangszeit wird das Essen von den Betreuungspersonen gewogen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wieviel Nahrung das Kind braucht, um kontinuierlich das Gewicht zu steigern. Es gilt weiterhin nach den Hauptmahlzeiten eine Stunde auszuruhen. In der ersten Zeit bekommen die Kinder je nach Gewichtszunahme neben den fünf Mahlzeiten, abends vor dem Schlafengehen eine Tasse Kakao oder ein Nahrungsergänzungsmittel, das in die Milch eingerührt wird und zur Nachmittagsmahlzeit zusätzlich Nüsse.

    Nun beginnt der ambulante Teil der Therapie. Dazu gehören Termine beim Psychiater, falls eine medikamentöse Behandlung fort- oder eingeführt werden muss, beim Kinderarzt, Endokrinologen und Gynäkologen. Einmal wöchentlich trifft sich eine über den Zeitraum eines Jahres in der Regel gleichbleibende Gruppe verschiedener Eltern mit dem behandelnden Psychologen für 2 Stunden, um den Verlauf der Woche, auftretende Probleme oder auch Erfolge zu besprechen. Im Anschluss daran findet die Kinder- bzw. Jugendtherapiegruppe statt.

    Die Aufgabe der Eltern zuhause ist es anfänglich nur dafür zu sorgen, dass die Kinder essen und ihren Plan einhalten. Klappt es mit dem Essen nicht, d.h. wird die Medizin verweigert, fährt man in die Klinik, es gibt dort eine 24-stündige Psychiatrische Notaufnahme. Es gibt ein Gespräch mit dem diensthabenden Arzt und je nachdem, welche Menge nicht gegessen wurde, gibt es ein, zwei oder drei Shakes.

    Je nach Gewichtszunahme wird in der wöchentlichen Therapie entschieden, welche Aktivitäten im Laufe der Zeit ausgeführt werden dürfen. Die Kinder fragen dazu den Therapeuten, d.h. die Initiative geht von den Kindern aus. Das alles ist in der Anfangszeit sehr erleichternd, da sich die Eltern ausschließlich auf die Ernährung ihrer Kinder konzentrieren müssen und es zuhause keine Diskussionen gibt, wieviel Bewegung und Sport wann und zu welchem Zeitpunkt, da man das mit dem Therapeuten in der Elterngruppe zwar bespricht, die Entscheidung dann aber vom Therapeuten mitgeteilt wird.

    In der Elterntherapie wird man im Laufe der Zeit weiter zum Co-Therapeuten ausgebildet, Man tauscht sich unter Anleitung eines Therapeuten mit anderen Eltern aus, hört einander zu und erhält immer wieder Denkanstöße, Literaturempfehlungen und wird in der Phase begleitet, in der es darum geht den Essenplan abzubauen. Das geschieht normalerweise so, dass nach einiger Zeit, das Kind wählt ein „freies Essen“ zu haben, d.h. die Eltern kochen an einem Mittag oder Abend eine Mahlzeit, die aus Vorspeise, Hauptspeise, Nachtisch und Brot besteht, aber nicht auf dem Plan steht. Das Essen wird dann nicht gewogen. Die Eltern entscheiden, was gekocht wird. Das Kind darf nur entscheiden ob und wann es ein „freies Essen“ haben möchte.

    Das Ziel ist es den Plan im Laufe der Zeit langsam abzubauen und die Planmahlzeiten durch sogenannte freie Mahlzeiten zu ersetzen. Das sind dann zwei, drei, vier Mahlzeiten, ein ganzes Wochenende und irgendwann ist der Plan weg. Manchmal, wenn die Gewichtszunahme nicht so verläuft, wie erwartet und das normale Essen nicht gut klappt, wird für einige Zeit wieder auf den Plan zurückgegriffen. Das Gleiche gilt für die Zusatzpräparate wie Shakes. Es kann sein, wenn die Gewichtszunahme stagniert, dass weitere Shakes gegeben werden.

    Nach ca. 8-12 Monaten geht es von der Gruppentherapie in die Einzeltherapie, manchmal auch früher, anfangs wöchentlich, dann zweiwöchentlich und so weiter, immer abhängig vom Krankheitsverlauf. Alle weiteren somatischen Untersuchungen finden weiterhin in der Klinik statt.

    Nach diesem Zeitraum hat man eigentlich so viel gelernt, dass man als Eltern gut allein klarkommt. Ich bin sehr dankbar dafür, dass unsere Tochter hier so kompetent, konsequent und liebevoll behandelt wurde, inzwischen die Essstörung hinter sich gelassen hat und ein selbstbestimmtes Leben führt. Heilung ist möglich!

  • ANGI – Die Ergebnisse (Teil 1)

    ANGI – Die Ergebnisse (Teil 1)

    Wir freuen uns, berichten zu können, dass die Arbeit der „Anorexia Nervosa Genetics Initiative“ Früchte getragen hat! Unser Artikel „Genome-wide Association Study Identifies Eight Risk Loci and Implicates Metabo-Psychiatric Origins for Anorexia Nervosa“ wurde am 15. Juli 2019 in der Fachzeitschrift Nature Genetics veröffentlicht. Soweit wir wissen, ist dies das erste Mal, dass eine empirische Arbeit über Essstörungen in dieser renommierten Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. Unsere Ergebnisse sind faszinierend und ermutigen uns dazu, unsere Konzeption bezüglich Anorexia nervosa zu überdenken.

    ANGI ist eine Initiative der Klarman Family Foundation. Unsere Arbeit begann im Januar 2013, an den vier ANGI-Standorten (University of North Carolina at Chapel Hill; Karolinska Institutet, Stockholm, Schweden; Aarhus University, Aarhus, Dänemark; und Berghofer Queensland Institute for Medical Research, mit Unterstützung der University of Otago in Christchurch, Neuseeland) sammelten wir DNA-Proben von 13 363 Personen, die irgendwann in ihrem Leben an Anorexia nervosa erkrankt waren, sowie von Kontrollpersonen, welche hinsichtlich ihrer Abstammung sowie geografischer Herkunft der Gruppe der Erkrankten entsprachen. In Teil 2 dieser Blogserie erfahren Sie mehr darüber, wie ANGI dank globaler Zusammenarbeit erfolgreich wurde!

    Wie in einem früheren Beitrag auf “Exchanges” (Blog of the UNC Center of Excellence for Eating Disorders) beschrieben, ist ANGI als genomweite Assoziationsstudie (GWAS) konzipiert. GWAS gehören zu den explorativen Wissenschaften, d. h. man muss keine vorherigen Vermutungen darüber anstellen, wonach man im Genom sucht, sondern man lässt das Genom für sich selbst sprechen. Bei GWAS wird das gesamte Genom auf über eine Million genetischer Marker untersucht und die Genome von Tausenden, Zehntausenden und sogar Hunderttausenden von Fällen (bei ANGI sind das Menschen mit Anorexia nervosa) mit den Genomen von ebenso vielen Kontrollpersonen verglichen. Obwohl es ein gewaltiges Unterfangen ist, so große Stichproben von Personen zu sammeln, sind GWAS die bevorzugte Methode zur Untersuchung der genetischen Grundlagen psychiatrischer Störungen.

    Zu den Ergebnissen: Wir haben alle ANGI-Proben mit anderen Proben kombiniert, welche in der Arbeitsgruppe für Essstörungen des Psychiatric Genomics Consortium verfügbar waren. Kurz gesagt, haben wir eine genomweite Assoziationsstudie (GWAS) durchgeführt, in der wir das gesamte Genom von 16 992 Personen mit Anorexia nervosa und 55 525 Kontrollpersonen aus 17 Ländern in den Vereinigten Staaten, Australasien und Europa verglichen haben.

    Die erste bemerkenswerte Erkenntnis war, dass wir acht Regionen im Genom identifiziert haben, welche signifikant mit Anorexia nervosa assoziiert sind – und zwar auf den Chromosomen (nächstgelegenes Gen) 1 (PTB2), 2 (ASB3, ERLEC1), 3 (FOXP1 und NSUN3), 5 (CHD10), 10 (MGMT) und 11 (CADM1). Dies ist zwar aufregend, aber erst der Anfang, denn wir gehen davon aus, dass Hunderte von Genen mit dem Risiko für Anorexia nervosa in Verbindung gebracht werden können.

    Es zeigt gleichzeitig auch, wie wichtig die Stichprobengröße für die Entdeckung von Genen ist, da unsere frühere Studie mit einer viel kleineren Stichprobe nur einen Bereich des Genoms identifizierte. Wenn wir die Fortschritte bei anderen psychiatrischen Erkrankungen betrachten, glauben wir, dass wir einen Wendepunkt erreicht haben, d. h., dass sich die Entdeckung von Genen ab diesem Zeitpunkt beschleunigen wird, wenn wir in Zukunft die Stichprobengröße erhöhen.

    Die vielleicht revolutionärsten Ergebnisse dieser Studie liegen nicht in der Entdeckung von Genen an sich, sondern in dem Muster der genetischen Korrelationen, die wir mit anderen Eigenschaften und Störungen beobachtet haben. Genetische Korrelationen (d. h., die Überlappung von Genen, die die Ausprägung von zwei Merkmale beinflussen) zeigen Zusammenhänge zwischen Merkmalen auf. Aus unseren Ergebnissen lässt sich folgendes ableiten:

    • Die genetische Grundlage der Anorexia nervosa überschneidet sich mit anderen psychiatrischen Störungen wie Zwangsstörungen, Depressionen, Angstzuständen und Schizophrenie.
    • Genetische Faktoren, die mit Anorexia nervosa assoziiert sind, beeinflussen auch die körperliche Aktivität, was die Tendenz von Menschen mit Anorexia nervosa zu erhöhter Aktivität erklären könnte.
    • Interessanterweise überschneiden sich die genetischen Grundlagen der Anorexia nervosa mit Stoffwechsel- (einschließlich glykämischer), Lipid- (Fette) und anthropometrischen (Körpermaße) Eigenschaften. Die Studie zeigt zudem, dass dies nicht auf genetische Effekte zurückzuführen ist, welche den BMI beeinflussen.

    Dieses Korrelationsmuster hat uns zu der Schlussfolgerung geführt, dass Anorexia nervosa am besten als „metabopsychiatrische Störung“ verstanden werden kann. Somit wird es zukünftig wichtig sein, sowohl metabolische als auch psychologische Risikofaktoren zu berücksichtigen, wenn neue Wege zur Behandlung dieser potenziell tödlichen Krankheit erforscht werden.

    Für viele von uns ist dies eine Bestätigung dessen, was wir schon seit Jahrzehnten vermutet haben. Viele der verwirrenden Verhaltensweisen, welche mit Anorexia nervosa in Verbindung gebracht werden, wurden entweder als psychologische Phänomene oder als Nebenprodukte des Hungerns abgetan. Wenn wir eine magersüchtige Person mit sehr niedrigem Körpergewicht beim Joggen beobachten, gehen wir davon aus, dass sie von dem Wunsch getrieben wird, Gewicht zu verlieren. Auch wenn dies auf psychologischer Ebene geschieht, wissen wir heute, dass es auch einen genetischen Ursprung haben kann, da einige der Gene, welche das Risiko für Magersucht beeinflussen, auch mit hoher körperlicher Aktivität verbunden sind.

    Wenn wir sehen, wie jemand nach der Entlassung aus dem Krankenhaus auf tragische Weise an Gewicht verliert, schreiben wir dies in der Regel dem Drang nach Schlankheit oder sogar der Verleugnung der Krankheit zu. Dies mag zwar zutreffen, aber wir übersehen dabei möglicherweise die metabolische Komponente der Krankheit. Möglicherweise ist ein gestörter Stoffwechsel der Grund dafür, dass Menschen mit Anorexia nervosa überhaupt so viel Gewicht verlieren können, während es für die Mehrheit der Menschen auf der Welt so schwierig ist, Gewicht zu verlieren.

    Wir haben spekuliert, dass sich Hungern und Gewichtsverlust für Menschen, die genetisch für Anorexia nervosa gefährdet sind, anders anfühlen. Während diese Erfahrungen für die meisten Menschen zutiefst unangenehm sind, geben viele Menschen mit Magersucht an, dass Hungern und geringes Gewicht mit weniger Ängsten verbunden sind und sie sich körperlich besser fühlen. Manche Patienten berichten sogar, dass sie sich schlechter fühlen, wenn sie an Gewicht zunehmen. Möglicherweise können wir durch ein besseres Verständnis der metabolischen Aspekte der Krankheit wirksamere Interventionen entwickeln, welche von Patienten besser akzeptiert werden und eine dauerhafte Wirkung haben.

    Wir kennen bisher die konkreten Stoffwechselfaktoren noch nicht, aber unsere Ergebnisse ermutigen, sich mit dieser Frage zu befassen. Unsere Ergebnisse könnten ebenfalls erklären, wie wichtig eine angemessene Ernährung bei der Behandlung von Anorexia nervosa ist. Bei der familienbasierten Behandlung (FBT) von Jugendlichen mit Anorexie liegt der Schwerpunkt stark auf der Ernährung. Die stationäre Ernährungsumstellung ist oft dann am wenigsten wirksam, wenn wir gezwungen sind, die Patienten zu entlassen (in der Regel, weil die Versicherung die weitere Kostenübernahme ablehnt), bevor sie ein gesundes Gewicht erreicht haben. Einer der Gründe hierfür ist möglicherweise, dass wir ihrem Stoffwechsel keine Gelegenheit geben, sich nach längerer Fehlregulation wieder zu erholen.

    Es wird oft gesagt, dass gute Wissenschaft mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet. Doch zumindest in diesem Fall sagen uns unsere Ergebnisse, welche Fragen wir als nächstes angehen sollten. Unsere Ergebnisse ermutigen uns nachdrücklich, unseren derzeitigen Schwerpunkt auf eine detailliertere Untersuchung der Stoffwechselfaktoren zu legen, in der Hoffnung, dass ein solcher Schwerpunkt die Erfolgsbilanz der Mediziner bei der Behandlung dieser tückischen Krankheit verbessern wird.

    ANGI ist ein wichtiger Anfang, aber es ist nur ein Anfang. Ob Sie es glauben oder nicht, unsere Stichprobengröße ist immer noch recht klein. Unsere Kollegen, die sich mit Depressionen befassen, haben bereits über 250 000 Teilnehmer, und die Genetiker, welche sich mit Größe und Gewicht befassen, haben über 750 000! Aber wir wissen jetzt, wie wir vorgehen müssen, und haben einen Plan für den Erfolg. Bleiben Sie dran für Teil 2 dieser Serie, in dem die Studie im Detail beschrieben wird, für Teil 3 dieser Serie für ein Interview mit Professor Patrick Sullivan über die nächsten Schritte und für Teil 4 für persönliche Überlegungen und darüber, was die ANGI-Ergebnisse für Patienten, Familien und Kliniker heute bedeuten.

    Vor allem möchten wir allen Menschen auf der ganzen Welt herzlich danken, die uns ihr Blut und ihre klinischen Daten zur Verfügung gestellt haben, um ANGI zu einem Erfolg zu machen. Wir haben gespürt, und wir hoffen, dass auch Sie das Gefühl haben, dass unser Bemühen um das Erreichen unserer wissenschaftlichen Ziele von einer Gemeinschaft getragen wird. Ohne Ihre Bereitschaft, mit uns zusammenzuarbeiten und Teil des ANGI-Teams zu werden, hätten wir dieses neue Verständnis von Anorexia nervosa niemals erreichen können. Vielen Dank, dass Sie uns auf dieser Entdeckungsreise begleitet haben.

    15.07.2019 Cynthia Bulik, PhD, FAED
    https://sph.unc.edu/adv_profile/cynthia-bulik
    https://uncexchanges.org/2019/07/15/anorexia-nervosa-genetics-initiative-angi-part-1-the-results
    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

  • Der familienbasierte Ansatz bei Wikipedia

    Der familienbasierte Ansatz bei Wikipedia

    Mehr zum familienbasierten Ansatz für Essstörungen bei Wikipedia lesen:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Maudsley-Familientherapie

  • Wie der Maudsley Ansatz nach Finnland kam – Ein Treffen mit Reita Nyberg

    Wie der Maudsley Ansatz nach Finnland kam – Ein Treffen mit Reita Nyberg

    Als der Bildschirm flackert und Reita erscheint bin ich sofort berührt. Eine ruhige Frau mittleren Alters, deren Augen blitzen, als sie beginnt zu erzählen. Die sich freut, zu hören, dass sich auch im deutschsprachigen Raum endlich etwas zum Guten bewegt.

    Reita Nyberg wurde aus einem traurigen Anlass zu einer Pionierin: eine ihrer Töchter erkrankte im Alter von 14 Jahren an Anorexia nervosa.

    Ihr Leben, und das ihrer ganzen Familie änderte sich quasi über Nacht. Die Essstörung wurde zu einer Krankheit der ganzen Familie. Sie selbst beschreibt sich in dieser Zeit als erschöpft, sie schaffte es aber, ihr eigenes Verhalten und die Art, wie sie mit ihrer Tochter sprach, zu ändern. Sie erzählt mir, wie es ihr damals ging: „Ich fühlte mich krank, das Familienleben war die Hölle – Niemand sagte mir, wie ich mein Kind unterstützen sollte.“. Schnell kommen wir uns im Gespräch nahe, uns ging es damals genauso, als die Essstörung drohte, das Leben meiner Tochter und unsere ganze Familie zu zerstören.

    Reita hat damals begonnen um ihre Tochter zu kämpfen. Sie erkannte schnell, dass die konventionellen Behandlungsansätze nicht überzeugend sind und keine guten Heilungschancen für ihr Kind bieten.

    Zuerst musste sie aber die gleiche Erfahrung machen, wie wir und viele andere Eltern hierzulande: gute Behandlungsansätze – nirgends zu finden, Ärzte und Kliniken, die nach evidenzbasierten Methoden schnell und erfolgreich vorgehen – nicht vorhanden. In Finnland sind den Statisken nach Essstörungen noch weiter verbreitet als bei uns.

    Reita ist Ärztin. Reita ist es gewohnt, dass Behandlungskonzepte und Medikation auf Grundlage moderner internationaler Forschungsergebnisse stattfinden. Reita ist Fachärztin für Gynäkologische Onkologie an der Universitätsklinik in Tampere, einer der größten Städte in Finnland. Sie war damals sehr verwundert, dass die Behandlung von Essstörungen eher auf Erfahrungswerten und veralteten psychotherapeutischen Konzepten beruhen, die die Schuld bei den Eltern, im speziellen bei den Müttern suchen.

    Sie begann mit ihrer medizinischen Routine selbst nachzuforschen und war mehr als verblüfft: sie stieß schnell auf den Maudsley-Ansatz und auf Autorinnen wie Janet Treasure und Harriet Brown. Sie lernte, dass es Wege gibt, seinem Kind das Nicht-Essen in aller Liebe und Konsequenz trotz der Krankheit unmöglich zu machen. Sie lernte, dass es Wege gibt aus der Magersucht und nicht nur Hilflosigkeit, Verzweiflung und viel zu oft auch Tod.

    Das Wunder geschah. Der Zustand von Reitas Tochter begann sich mit der schnellen Wiederherstellung des Gewichtes, der Grundlage aller familienbasierten Behandlungsansätze, zu stabilisieren und zu verbessern.

    Nachdem ihr Kind auf dem Weg zur Genesung war und das Leben ihrer Familie langsam wieder in normalen Bahnen lief, ließ Reita eines nicht mehr los: so viele junge Menschen in ihrem Land, die keine adäquate Behandlung erhalten, deren Eltern nicht erfahren, wie sie ihrem Kind gezielt helfen können.

    Ungläubig lausche ich ihr, was dann in den Jahren danach geschah. Reita und alle ihre Mitstreiter*innen haben es geschafft, dass familienbasierte Behandlungsansätze, im speziellen der New Maudsley Ansatz, bei Essstörungen in Finnland inzwischen allgemein bekannt sind und ihren Weg zu Eltern, Ärzten, Beratungsstellen, Selbsthilfeorganisationen, Kliniken gefunden haben. Keine ambulante Behandlung kann so intensiv sein, wie die Pflege von Angehörigen zu Hause rund um die Uhr. Deshalb sollte die Gesellschaft mehr Eltern von Menschen mit Essstörungen unterstützen, das wurde das Credo von Reita Nyberg.

    Im Jahr 2014 startete Reita zusammen mit einer anderen Mutter eine Facebook-Selbsthilfegruppe, in der sie und andere Eltern dabei helfen, ihrem Kind zu helfen. Zurzeit hat die Gruppe mehr als 870 Mitglieder. Gleichzeitig begann sie, in einem Blog über ihre Erfahrungen mit der Maudsley-Methode bei ihrer Tochter zu schreiben (https://maudsleyperheet.blogspot.com). Sie erkannte schnell, dass Eltern und Fachleute viele neue Fähigkeiten schnell und einfach erlernen müssen. Sie begann, Vorträge zu halten, Online-Kursmaterialien zu entwickeln und Hunderten von Eltern zu helfen.

    Schnell wurde alles professioneller. 2016 wurde sie Mitbegründerin eines Unternehmens namens LivingSkills Ltd. Im Jahr 2017 begann sie damit, Schulungen für Fachleute über Essstörungen und die Einbeziehung von Eltern und Familien in die Behandlung anzubieten. Gleichzeitig begann Reita mit der Entwicklung eines Schulungsprogramms für Eltern von essgestörten Kindern. Während der Pandemie hat LivingSkills die Live-Schulungen schnell auf Online-Kurse umgestellt. Diese Online-Kurse für Fachleute dauern etwa 3 Monate mit wöchentlichem Online-Coaching und werden von Experten geleitet. Für Eltern besteht das Kompetenztraining aus vier Webinaren, außerdem erhalten sie schriftliches Material und haben die Möglichkeit, Fragen zu stellen und Kommentare abzugeben. Die Kurskosten für Eltern werden inzwischen von gemeinnützigen Organisationen übernommen und sind allgemein anerkannt. Der Ansatz ist stark ressourcen- und motivationsorientiert und bindet den erkrankten jungen Menschen nach der Gewichtswiederherstellung und einer Hirnheilungsphase beim Übergang in ein „normales Leben“ stark ein. Das Konzept wurde über die Jahre auch für andere Krankheitsbilder weiterentwickelt.

    2017 wurde Reita dann Vorstandsmitglied der Eating Disorder Association of Finland (Vereinigung für Essstörungen in Finnland). Die Eating Disorder Association of Finland vertritt Menschen, die an Essstörungen leiden, sowie deren Angehörige und Freunde. Sie setzt sich seither dafür ein, das Wissen und das Verständnis über Essstörungen auf der Grundlage von Erfahrungen zu erweitern und die Behandlung und Rehabilitation von Patienten mit Essstörungen zu verbessern und voranzutreiben.

    Die Zeit ist leider viel zu schnell um, wir vereinbaren, in Kontakt zu bleiben und hier in unserem Blog in loser Folge interessante Neuigkeiten über den Stand der familienbasierten Behandlungsmethoden und des New Maudsley Approach in Finnland zu erfahren. Ebenso bekomme ich die Zusage, bald einen Einblick in die Eltern-Online-Kurse und andere Online-Tools zu bekommen, die ihre Firma LivingSkills in naher Zukunft auch in Deutschland für Eltern und Therapeuten anbieten will.

    Bis bald wieder, Reita 😉

  • Bundeskanzler Olaf Scholz ehrt das Elternnetzwerk Magersucht e.V.

    Bundeskanzler Olaf Scholz ehrt das Elternnetzwerk Magersucht e.V.

    Das Elternnetzwerk Magersucht e. V. gehört zu den sieben überzeugendsten sozialen Initiativen des aktuellen Wettbewerbsjahrgangs von startsocial und erhielt gestern den mit 5000 Euro dotierten Bundespreis. Der seit 2001 jährlich ausgerufene Wettbewerb unter dem Motto „Hilfe für Helfer“ dient der Förderung des ehrenamtlichen Engagements und steht unter der Schirmherrschaft des Bundeskanzlers Olaf Scholz.

    Basierend auf den Abschlussberichten der Stipendiaten wählte eine Jury die sieben herausragendsten Initiativen der 25 BundesauswahlTeilnehmer aus. Bewertet wurden dabei erzielte Fortschritte, Nachhaltigkeit, Wirksamkeit, Effizienz und Übertragbarkeit. „Der Verein leistet einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Heilungschancen von Kindern“, erklärte ProSiebenSat1-Vorstandsmitglied und Laudatorin Christine Scheffler. „Sie (die Eltern) können ihrem Kind helfen, noch bevor ein Therapieplatz zur Verfügung steht und genau hier setzt der Verein an“, sagte Scheffler.

    Das Elternnetzwerk Magersucht e. V. bietet Eltern von an Anorexia nervosa erkrankten Kindern und Jugendlichen Akuthilfe in Form von Elterncoaching an. Kern der Arbeit ist das ehrenamtliche Engagement von Eltern für Eltern sowie der Austausch mit Fachpersonen über Behandlungsansätze, die Eltern aktiv mit einbeziehen. 2020 gestartet ist das Elternnetzwerk seit März 2022 als gemeinnütziger Verein anerkannt, dessen Ziel es ist, die Heilungschancen von an Essstörungen erkrankten Kindern und Jugendlichen zu fördern und Eltern im deutschsprachigen Raum zu vernetzen. Mehr als 400 Familien konnte das Elternnetzwerk mit seiner Arbeit bereits erreichen

    Christine Scheffler, Vorstandsmitglied von ProSiebenSat.1 Media SE, überreicht einen startsocial-Preis an Stefanie Ehrhardt und Monika Franzen von Elternnetzwerk Magersucht.
    Foto: Gordon Welters/startsocial e.V.

    Die startsocial-Preisträger mit Bundeskanzler Olaf Scholz, Schirmherr von startsocial e.V. am 22. September 2022 in Berlin.
    Foto: Gordon Welters/startsocial e.V.

    Weitere Informationen zu startsocial e. V. und zur Preisverleihung:
    https://startsocial.de/ueber-uns
    https://startsocial.de/presse/die-startsocial-preistraeger-stehen-fest-bundeskanzler-ehrt-soziale-initiativen-fuer-herausragendes-engagement

    Presseanfragen an:
    presse@elternnetzwerk-magersucht.de

    Für interessierte Eltern:
    nachricht@elternnetzwerk-magersucht.de

  • Wie ihr eurer Kind anleitet, um von einer Essstörung vollständig zu genesen

    Wie ihr eurer Kind anleitet, um von einer Essstörung vollständig zu genesen

    Die jungen Leute fühlen sich insgeheim wie Versager. Die Mahlzeiten fallen ihnen immer noch schwer, sie haben immer noch zwanghafte Gedanken und fühlen sich immer noch schrecklich in ihrem Körper. Wenn die Behandlung abgeschlossen ist, bedeutet das dann, dass sie ihr Leben lang mit ihrer Essstörung zu kämpfen haben werden? Was fehlt, ist, dass ihnen nie beigebracht wurde, Vertrauen in „normale“ Verhaltensweisen zu gewinnen, und dass ihr Gehirn keine Zeit hatte, sich neu zu programmieren.

    Stellt Euch Phase 1 so vor, als hätte euer Kind ein gebrochenes Bein in Gips und würde an Krücken gehen. Bevor ihr von eurem Kind erwartet, dass es hüpft und rennt, gibt es eine zweite Phase mit Physiotherapie und sanften Spaziergängen.

    „FBT wird oft nur als Phase eins angesehen […] und das wäre eine Verkennung der Komplexität und der Wichtigkeit der Phasen zwei und drei und der Heranführung der Jugendlichen an einen Punkt, an dem sie nun viel weniger durch die Essstörung belastet sind und ihre eigene Stimme zu hören beginnen und gehört werden und Teil des Behandlungsprozesses sein sollten“
    Daniel Le Grange

    Phase 2 schlecht gemacht: zu viel Verantwortung zurückgeben, zu früh

    Phase 2 kann ernsthaft schief gehen, wenn jungen Menschen gesagt wird, dass sie jetzt ihre eigenen Entscheidungen in Bezug auf Essen oder Bewegung treffen können, obwohl sie eigentlich noch ziemlich verloren und noch nicht so weit sind, dies vernünftig zu tun. In der Zwischenzeit wurden die Eltern entmachtet, so dass die Eltern sich unfähig fühlen, etwas dagegen zu unternehmen, wenn das Kind wieder zu winzigen Mahlzeiten in sein Zimmer verschwindet oder wenn sich alles darauf konzentriert, unter einem bestimmten Gewicht zu bleiben.

    Einige Monate später sagen sie, ihr Kind sei „rückfällig“ geworden, obwohl die Behandlung in Wirklichkeit nie abgeschlossen wurde. Dies kann passieren, wenn Menschen wegen einer Essstörung aus einer stationären Behandlung entlassen werden.

    Stationäre Einrichtungen schließen die Behandlung nicht ab. Das muss in einer normalen häuslichen Umgebung geschehen, und höchstwahrscheinlich wird euer Kind noch eine Weile eure Unterstützung und Betreuung brauchen.

    Gewichtswiederherstellung ist nicht genug

    Die richtige Wiederherstellung des Gewichts ist für die Genesung notwendig. Aber es ist nicht ausreichend. Euer Kind braucht Phase 2.

    Eltern, informiert Euch über Phase 2

    Die Ärzte haben vielleicht keine andere Wahl, als euer Kind zu früh zu entlassen, denn viele haben Wartelisten mit sehr verzweifelten jungen Menschen. Oder sie glauben, ihr seid übermäßig ängstlich und sie müssten euch drängen, die Verantwortung für die Genesung eures Kindes abzugeben.

    Möglicherweise müsst ihr euch also selbst weiterbilden, entweder um es allein zu schaffen oder um eure Zusammenarbeit mit dem Arzt zu verstärken.


    Was ihr lernen könnt

    • wie ihr eurem Kind beibringen könnt, mit Essensportionen und vernünftiger Bewegung umzugehen.
    • wie ihr alle „nicht normalen“ Verhaltensweisen, einschließlich Fearfood (angstauslösende Lebensmittel) und beängstigende Situationen, im Auge behalten und daran arbeiten könnt.
    • wie man auf das zurückgreift, „was zuletzt funktioniert hat“.
    • wie man kleine Experimente durchführt, um herauszufinden, wie viel Autonomie euer Kind schon hat.
    • intuitives Essen zu verstehen und warum ihr nicht erwarten könnt, dass euer Kind einfach so damit anfängt.
    • wie man mit den Unsicherheiten dieser Phase umgeht, damit man am Ende klug loslassen und sein Leben weiterführen kann, aber auch jederzeit wieder einsteigen kann, wenn es nötig ist.


    Wo ihr lernen könnt

    Originaltitel: Phase 2 – how to guide your child to complete recovery from an eating disorder
    Originalfassung: https://anorexiafamily.com/phase-2-complete-eating-disorder-recovery
    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin

  • Auf eine vollständige Genesung hinarbeiten (Phase II)

    Auf eine vollständige Genesung hinarbeiten (Phase II)

    Wenn Essen und Gewichtszunahme gesichert sind, was ist dann noch zu tun? Wie führen wir unsere Kinder zu Normalität und Eigenständigkeit? Was ist zu viel, zu früh? Welche Sicherheitsvorkehrungen sind erforderlich, während wir experimentieren? Wir befassen uns mit den Themen Schule, Sport, Ferien, Wiedererlangung von „normalem“ Essverhalten, Verhaltensweisen, Überzeugungen und Körperbild, Vorbereitung auf das Studium, Rückfallprävention und vollständige Genesung.

    Schritte zur Unabhängigkeit und vollständigen Genesung

    Bisher haben wir uns mit der ersten Phase der Behandlung befasst, in der wir die Verantwortung für Mahlzeiten und alle Verhaltensweisen übernehmen, welche die Gesundheit unseres Kindes beeinträchtigen. Letztlich sollen unsere Kinder altersgemäß unabhängig werden und frei von Essstörungsgedanken sein. Dies erfordert Üben, Experimentieren, Beobachten und Korrigieren. Sowohl Körper als auch Geist brauchen Zeit zur Heilung und Festigung.

    Hat sich jemand das Bein gebrochenen, so kann und sollte er niemals sofort laufen, nachdem ihm der Gips abgenommen wurde. Genauso braucht es eine Zeit des Lernens, des Übens und der Festigung nach dem Refeeding. Hier sind einige Meilensteine auf dem Weg zur Genesung oder Gründe, warum dein Kind vielleicht nicht weiterkommt:

    • Sein Gewicht oder Fett-/Muskel-Verhältnis muss möglicherweise höher sein (seine persönlichen Bedürfnisse – nicht die BMI-Tabellen – sind entscheidend).
    • Wenn du Gewicht hochgefüttert hast, wird dein Kind gelernt haben, dass uneingeschränktes Essen zu einer Gewichtszunahme führt. Jetzt muss es noch die Erfahrung machen, dass sein Gewicht stabil bleibt, wenn es frei isst (und nicht durch Sport kompensiert).
    • Dein Kind muss die Erfahrung machen, dass es sicher (und angenehm ) ist, eine große Auswahl an normalen Lebensmitteln in normalen (oder geselligen) Mengen zu essen.
    • Es muss die Freude erfahren, die Bewegung dann bereitet, wenn sie von körperlicher Veränderung und Gewichtskontrolle losgelöst ist.
    • Der Stoffwechsel deines Kindes wird sich möglicherweise erst nach einer Weile wieder normalisieren. Daher wird dein Kind weiterhin ähnliche Mengen essen müssen wie zur Zeit, in der Gewichtszunahme das Ziel war. Tatsächlich kann es immer noch sehr hungrig sein und braucht nun die Erfahrung, dass es sicher ist, zu essen, wenn es hungrig ist.
    • Möglicherweise hat dein Kind für eine (lange) Zeit keine normalen Sättigungsgefühle, so dass es Unterstützung braucht, um ausreichende Mengen zu wählen. Andernfalls könnte es ungewollt Gewicht verlieren.
    • Möglicherweise muss dein Kind die Zwischenmahlzeit beibehalten, da eine lange Pause zwischen den Mahlzeiten die Essstörung wieder aktivieren kann.
    • Dein Kind braucht Zeit, um die Erfahrung zu machen, dass seine Körperform in Ordnung ist, dass es dadurch nicht definiert wird und dass es ein wunderbares Leben zu leben gibt jenseits einer Welt von Essensregeln und Körperfokussiertheit. Es braucht auch Zeit, um Weisheit und Widerstandsfähigkeit in einer Welt zu entwickeln, die von Gewicht und Diäten besessen ist.
    • Wenn dein Kind trotz alledem weiterhin unter Ängsten oder Depressionen leidet oder wenn es in seinem frühen Leben Traumata erlitten hat, könnte es jetzt von einer Psychotherapie profitieren.

    Du bist für die Unabhängigkeit deines Kindes verantwortlich

    Allzu oft wird die Behandlung kurz nach der Wiederaufnahme des Essens oder der Gewichtszunahme beendet. Die Therapeuten entlassen das Kind aus der Betreuung, als gäbe es nichts mehr zu tun. Die Eltern ziehen sich pflichtbewusst zurück. Die Jugendlichen verlassen ihr Zuhause. Wenn es dann im Leben dieses Menschen bergab geht, nennt man das „Rückfall“, obwohl die Behandlung in Wirklichkeit nie abgeschlossen wurde.

    Du solltest auch jetzt weiterhin das Sagen haben. Jedoch experimentierst du nun damit, deinem Kind Unabhängigkeit in kleinen Schritten zurückzugeben. Stell eine Liste all der „normalen“ Dinge zusammen, die durch die Krankheit aus der Spur geraten sind, und arbeite dich deinen Weg durch diese Liste. Du könntest dein Kind zum Beispiel bitten, zwischen zwei Gerichten zu wählen und sich so auf jenen Tag vorzubereiten, an dem im Restaurant wählt. Du könntest es seine Zwischenmahlzeiten selbst auswählen lassen. Wenn es zu einem Hauptgericht Erbsen gibt, könntest du dein Kind bitten, sich eine angemessene Portion davon zu nehmen, während du den Rest servierst. Du könntest dein Kind fragen, ob es Lust auf einen Nachschlag hat. Am Anfang wirst du dein Kind genau beobachten. Bewahre dir die Autorität, dein Kind anzuleiten und zu korrigieren. Fällt das Ergebnis negativ aus, wird so kein großer Schaden entstanden sein. Übernimm an dieser Stelle dann wieder Kontrolle und versuche es Tage oder Wochen später erneut. Gib deinem Kind nicht die Schuld, bewahre die Ruhe, es war nur ein Experiment.

    Für manche Kinder ist es nötig, dass die Eltern in bestimmten Bereichen lange Zeit die Kontrolle behalten. Wenn sie noch jung sind, sollte kein Druck entstehen, den Prozess zu beschleunigen. Und in der Tat zeigen manche Kinder wenig Verlangen, selbst über Lebensmittel oder Mahlzeiten zu entscheiden. Lass dich eher von den Bedürfnissen, Fähigkeiten und dem emotionalen Alter deines Kindes leiten als von seinem kalendarischen Alter. Gleichzeitig gibt es am anderen Ende des Spektrums auch Kinder, die mehr Freiheiten verlangen, als sie sicher bewältigen können.

    Geh besser nicht davon aus, dass dein Kind plötzlich mit jeder Situation klug umgehen kann. Geh auch nicht davon aus, dass es dir die Wahrheit sagen wird, wenn etwas misslingt. Schon frühzeitig sollte dein wissen, dass es seine Freiheit nicht missbrauchen kann, weil andere für dich mit aufpassen. Ich beschreibe hierzu zum Beispiel weiter unten, wie die Mahlzeiten in der Schule überwacht werden können. Später kannst du dann mehr Risiken eingehen (z. B. auswärtige Mahlzeiten mit Freunden erlauben) und gleichzeitig überwachen, dass sich Gewicht, Verhalten, Überzeugungen und Stimmung verbessern. Die Kontrolle durch dich sollte dabei so unauffällig und unaufdringlich sein, dass dein Kind stolz auf seine Autonomie und seine Fähigkeit sein kann, gut für sich selbst zu sorgen.

    Normalität üben

    Diese gesamte Behandlungsphase einschließlich der Festigung des Erlernten beruht auf den Prinzipien der Exposition (Kapitel 9). Verhaltensweisen werden routiniert und sicher, wenn sie wiederholt werden und das Gehirn sich umprogrammiert.

    Wenn dein Sohn oder deine Tochter bald bei dir auszieht, kannst du seine oder ihre Autonomieentwicklung beschleunigen, indem du dein Kind systematisch allem aussetzt, was es selbständig können muss. Wenn dein Kind bei diesen Schritten nicht mithalten kann, ist es letztendlich besser, wenn du es jetzt herausfindest und nicht erst, wenn dein Kind bereits ausgezogen ist. […]

    Zu früh oder zu schnell

    Vieles von dem, was ich beschrieben habe, fällt in die Phase II der FBT (Family-Based Treatment). Es ist schockierend, wie oft Kinder nach der Gewichtswiederherstellung aus der Behandlung entlassen werden, als gäbe es diese Phase überhaupt nicht.

    Ein weiteres häufiges Problem besteht darin, dass Therapeuten die Phase II überstürzen, ohne die Eltern zu konsultieren, und zu früh oder zu schnell auf die Unabhängigkeit des Kindes drängen. Laut des FBT-Manuals sollten Therapeuten die Eltern jedoch rasch dazu motivieren, die Kontrolle über das Essen wieder zu übernehmen, sobald das Kind wieder eine Diät beginnt oder Gewicht verliert. Im Prinzip seid ihr also im selben Team. Manchmal hat ein Therapeut nicht das komplette Bild. Wenn er dich nicht konsultiert, sieht er vielleicht nur ein kluges Kind, das sich gut präsentiert und sich darüber beklagt, dass seine Eltern zu bevormundend sind. Ich empfehle, den Therapeuten allein aufzusuchen und die Verhaltensweisen deines Kindes zu schildern.

    Was ist zu früh? Nach dem FBT-Manual kann Phase II nicht beginnen, bevor das Gewicht des Kindes ein Mindestmaß erreicht hat und die Eltern berichten, dass sie keine nennenswerten Probleme mit den Mahlzeiten mehr berichten und ein Gefühl der Erleichterung zeigen darüber, dass sie mit der Krankheit umgehen können. […]

    Wie mit der Schule umgehen?

    Die Schule spielt eine wichtige Rolle. Daher beschreibe ich im Folgenden die Zusammenarbeit zwischen Eltern, Ärzten und der Schule – und zwar von den ersten Tagen des Refeedings bis zur Genesung.

    Wirkt sich die Schule positiv auf die Stimmung deines Kindes aus?

    Oberste Priorität in der Anfangsphase der Behandlung haben Ernährung und Gesundheit. Wenn die Schule dem im Wege steht, sollte dein Kind auch nicht am Unterricht teilnehmen.

    Allerdings möchten wir, dass unsere Kinder so bald wie möglich am normalen Leben teilnehmen und Freundschaften pflegen, was auch Teil der Behandlung ist. In der Regel erfordert dies wiederum, dass sich die Schule an der Teamarbeit beteiligt. […]

    „Gesundheitsförderung“ in Schulen: Warum nur, warum?

    Ich werde versuchen, mich hierzu kurz zu fassen. Ich befürchte nämlich , dass sich dies sonst zu einer Schimpftirade auswächst.

    In den Schulen stehen in der Regel „Gesunde Ernährung“ und Sport auf dem Lehrplan. Lebensmittel werden als „gesund“ oder „Fast Food“, „gut“ oder „schlecht“ bezeichnet. Man kann nie mager genug essen, man kann nie zu viel Sport treiben. Schlankheit ist heilig, während ein dicker Körper ein sicheres Zeichen für Faulheit und schlechte Gesundheit ist. Die Schulen werden (Anmerkung: in Großbritannien) von der Regierung gezwungen, die Kinder zu wiegen, und bekommen den Eindruck, dass ein niedriges Gewicht am besten ist. Eltern erhalten Briefe, in denen ihnen mitgeteilt wird, dass ihr Kind „fettleibig“ sei und abnehmen solle, ausschließlich auf der Grundlage einer statistischen BMI-Berechnung. Kliniker und Eltern beklagen oft, dass Botschaften zur Gesundheitsförderung ein Hauptauslöser für die Essstörung eines Kindes seien.

    In der Schule wurde meiner Tochter gesagt, dass Süßigkeiten schlecht seien (sie erhielt sie jedoch als Belohnung für gute Leistungen). Sie musste ein Ernährungstagebuch führen, Nährwertkennzeichnungen lesen, Nahrungsfetteinheiten zählen und sich ein „ekliges“ Video über Fettabsaugung ansehen. Ich wette, du hast deine ganz eigenen Horrorgeschichten. […]

    Regel-basiertes oder intuitives Essen?

    Es ist wahrscheinlich, dass dein Kind nach Regeln essen muss – mindestens ein Jahr lang nachdem du ihm die Kontrolle übergeben hast . Während dieser Zeit sind weder seine Biologie noch sein Verstand in der Lage, intuitiv zu essen.

    Wir wissen, dass es ein Jahr dauern kann, bis sich die Hormone, welche den Appetit regulieren, nach einer Diät zur Gewichtsreduzierung stabilisieren (ein physiologischer Grund, warum Diäten generell nicht auf Dauer funktionieren). Außerdem braucht der Verstand deines Kindes Zeit und Übung, um Hunger- und Sättigungssignale zu erkennen und ihnen zu vertrauen. Während die Essstörung wütete, wusste das Gehirn nur, dass es die Signale des Körpers bekämpfen müsse. Deshalb sind Regeln für ausgewogenes, regelmäßiges und ausreichendes Essen anfangs unerlässlich und ganz allmählich wirst du sehen, welche Regeln du getrost weglassen oder lockern kannst . Im Idealfall werden die Regeln zu groben Richtlinien, und in einigen Jahren wird dein Kind vielleicht erkennen, dass seine Intuition ein verlässlicher Freund ist. Überstürz es hierbei nicht. Behandel es wie eine Reihe von kleinen, risikoarmen Experimenten. Wenn etwas schief geht, greif auf das zurück, was funktioniert hat, und warte eine Weile, bevor du es erneut versuchst. […]

    Die Denkweise deines Kindes verändern

    Wahrscheinlich weißt du inzwischen sehr genau, wieviel besser es unseren Kindern geht, wenn wir ihnen helfen, ihre Ängste zu überwinden und sie dazu bringen, „normal“ zu handeln. Wenn gesunde Verhaltensweisen immer und immer wieder wiederholt werden, verändern sich auch entsprechende Hirnstrukturen und diese Verhaltensweisen werden zur neuen Normalität

    Es ist wie eine immer tiefer werdende Spur im Schnee. Gleichzeitig erhalten Körper und Gehirn die Botschaft, dass die Zeit des Hungers (oder der unregelmäßigen Ernährung) vorbei ist, so dass die normalen Funktionen (wie Hunger- und Sättigungsgefühle) wieder in Gang kommen können. All dies braucht Zeit. Es ist selten, dass eine Essstörung verschwindet, sobald das Gewicht wiederhergestellt wurde. […]

    Rückfallprävention, Pläne und Verträge

    Als meine Tochter im Alter von 12 Jahren entlassen wurde, sprachen wir über Rückfallprävention. Da sie nie wieder an Magersucht erkranken wollte, nahm sie diese Vorsichtsmaßnahmen problemlos an. […]

    Sicherheitsvorkehrungen, wenn dein Kind das Nest verlässt – ist dein Kind bereit für einen Auszug?

    Ist der Genesungsprozess deines Kindes so stabil, dass es sein Zuhause sicher verlassen kann? Ist die Behandlung abgeschlossen? Wie läuft die Vorbereitung auf die Unabhängigkeit? Ist es seit, sagen wir, guten sechs Monaten symptomfrei?

    Wenn ja, ist es wahrscheinlich so weit, wie es jemals nur sein kann, und du kannst wirklich optimistisch sein. Wenn nicht, besteht die Gefahr, dass es bis Weihnachten wieder in deine Obhut muss und den Rest des Jahres verpasst. […]

    Originalfassung: https://anorexiafamily.com/anorexia-stages-recover
    Originaltitel: The work towards fill recovery: school, exercise, appetite, eplapse prevention and the rest Phase 2)
    This is a section from Chapter 10 of ‚Anorexia and other eating disorders – how to help your child eat well and be well‘
    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin