Kategorie: USA

  • Family Based Treatment (FBT) – Ein effektiver Ansatz zur Behandlung von Anorexie

    Family Based Treatment (FBT) – Ein effektiver Ansatz zur Behandlung von Anorexie

    FBT im deutschsprachigen Raum

    Familienbasierte Ansätze zur Behandlung von Anorexia nervosa werden in der S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von Essstörungen“ ausdrücklich erwähnt und als erste Wahl empfohlen. Sie spielen aber in der aktuellen klinischen Arbeit keine nennenswerte Rolle. Familienbasierte Therapieformen sind leider sogar in Fachkreisen kaum bekannt.

    S3-Leitlinien werden von offiziellen Kommissionen erstellt und geben Empfehlungen, wie Erkrankungen diagnostiziert und behandelt werden sollen und richten sich vor allem an Ärztinnen und Ärzte, aber auch an Pflegekräfte und andere Fachleute im Gesundheitswesen.

    Die Forschung an deutschen und europäischen Universitäten hat begonnen. Erste große Kliniken in Deutschland haben angefangen, familienbasierte Ansätze und Home Treatments als außerklinische Behandlungsform bei Essstörungen einzusetzen.

    Es gibt aktuell fast keine FBT-Therapeuten im deutschsprachigen Raum. Die Möglichkeit einer klassischen FBT-Therapie vor Ort und in deutscher Sprache ist also im Normalfall aktuell leider nicht gegeben.

    Zur Entstehung von FBT

    FBT wird auch Maudsley Methode (Maudsley approach) genannt, weil die Behandlungsmethode in den 1970er und frühen 80er Jahren ursprünglich am Maudsley-Hospital in London von Prof. Gerald Russel, Dr. Ivan Eisler und Dr. Christopher Dare entwickelt wurde.

    Sie erkannten auch als Erste die Bedeutung einer schnellen und effizienten Wiederherstellung des Gewichts als ersten Schritt zur Genesung. FBT und Maudsley werden in der Praxis als Synonym verwendet.

    In den USA wird die Methode von Prof. Daniel Le Grange und Dr. James Lock bis heute weiterentwickelt und erforscht.

    Mithilfe von FBT sind seit 30 Jahren weltweit unzählige Kindern gesundgeworden und Familien der Anorexie-Falle entkommen.

    Es handelt sich bei FBT um eine manualisierte Behandlung, die von geschulten Fachleuten durchgeführt wird. Sie kommt in erster Linie in ambulanten Einrichtungen zum Einsatz, obwohl es auch einige stationäre und teilstationäre Programme gibt, die FBT beinhalten.

    Das Manual liegt bisher leider nur in englischer Sprache vor.

    Stand der empirischen Forschung

    FBT ist in vielen vergleichenden Studien gut erforscht. Sie ist nachgewiesener Weise erfolgreicher als alle anderen bekannten Behandlungsmetoden bei Magersucht und Standardbehandlungsansatz in vielen angelsächsischen Ländern.

    In einer der größten randomisierten, kontrollierten Studie der Universitäten Chicago und Stanford mit 120 Jugendlichen hat man FBT mit konventioneller Einzeltherapie verglichen. FBT hat sich (mit großem Abstand) dabei als effektivste und effizienteste Behandlungsmethode gezeigt. Eine Übersicht der wichtigsten Forschungsergebnisse wollen wir hier in Kürze veröffentlichen. Leider liegen diese zum Großteil bisher nur in englischer Sprache vor.

    Altersspektrum für den Behandlungsansatz

    FBT ist als Behandlungsansatz bei Essstörungen für junge Menschen bis 18 Jahre entwickelt worden. Aber auch bei jungen Erwachsenen im Altersspektrum bis 25 Jahre wird die Methode in abgewandelter Form erfolgreich angewendet.

    Inzwischen gibt es auch eine nachgewiesenermaßen ebenfalls sehr erfolgreiche Variante zur Anwendung bei Bulimie (FBT-BN), sowie eine modifizierte Variante für junge Erwachsene bis 25 Jahre (FBT-tay, transition age youth) und ein Programm für Erwachsene: MANTRA (Maudsley Anorexia Treatment for Adults).

    „The New Maudsley Approach“ ist kein eigenständiger Behandlungsansatz oder eine neue Variante des ursprünglichen Maudsley Ansatzes. Er stellt zusätzliche Ressourcen für Eltern, Pflegekräfte und Ärzte als Ergänzung zu einer Behandlung bereit. Hauptziel ist es, Stress abzubauen und Familie und Pflegekräfte zu stärken. Besonderes Augenmerk erhalten hier erwachsene Patientinnen und Patienten, die an Bulimie erkrankt sind. Entwickelt wurde und wird die Methode am Maudsley Hospital unter der Führung von Prof. Janet Treasure.

    Das 3-Phasen-Konzept

    Nach dem Manual findet eine FBT-Behandlung in drei Phasen statt, die sich über einen Zeitraum von einem Jahr und circa 20 Sitzungen erstreckt. Die Sitzungen finden wenn möglich in Präsenz statt, es besteht aber auch die Möglichkeit, die Sitzungen als Videokonferenz zu gestalten.

    • In der ersten Phase, der sogenannten Refeeding-Phase, geht es vor allem um die Gewichtswiederherstellung. Die Eltern werden dabei unterstützt, die Gewichtszunahme ihres Kindes voranzutreiben.
    • Wenn ein gesundes Gewicht erreicht ist, sich der psychische Zustand des Patienten und die allgemeine Stimmung innerhalb der Familie signifikant verbessert hat, folgt die zweite Phase. Die altersgemäße Autonomie in allen Lebensbereichen wird wieder an den jungen Menschen zurückgegeben. Beim Essen selbst haben die Eltern noch kontrollierende und unterstützende Funktion, die über die Zeit abgebaut wird.
    • Erst in der dritten Phase werden therapeutische Probleme angegangen, sofern diese noch bestehen. Bei vielen Patienten verschwinden alle psychischen Auffälligkeiten, die mit der Anorexie-Erkrankung einhergegangen sind.

    Einbeziehung der Familie und die „Familien-Mahlzeit“

    FBT-Sitzungen beziehen in der Regel die gesamte Familie ein und umfassen mindestens eine „Familien-Mahlzeit“.

    Dies gibt dem Therapeuten die Möglichkeit, die Verhaltensweisen der verschiedenen Familienmitglieder während einer Mahlzeit zu beobachten und die Eltern zu coachen, ihrem Kind beim Essen zu helfen.

    Eltern sind die Lösung, nicht das Problem

    Generell bricht FBT mit der veralteten und inzwischen widerlegten These, dass die Gründe für die Essstörung in einer dysfunktionalen Familienstruktur zu finden seien.

    Ältere Theorien über Anorexie und Essstörungen (Hilde Bruch und andere) über Magersucht und Essstörungen haben die Entstehung der Krankheit auf familiäre Probleme und Störungen innerhalb der Familie zurückgeführt. Man ging davon aus, dass die Mütter die Hauptursache für die Essstörungen ihrer Kinder sind, wie dies lange auch bei Schizophrenie und Autismus angenommen wurde. Diese Annahmen sind nach dem heutigen Stand der Forschung (auch bei Schizophrenie und Autismus) nicht mehr haltbar und haben viel unnötiges Elend und Leid in die Welt gebracht.

    In modernen Therapieverfahren wie FBT werden Eltern als größte Ressource im Kampf gegen die Magersucht gesehen, da die häusliche Hilfe den Betroffenen ermöglicht, sich gegen diese übermächtige Krankheit zu wehren.

    Die Schuldfrage ist nicht relevant

    FBT fragt nicht nach der individuellen Genese der Erkrankung und stellt auch keine Schuldfrage. Für den Genesungsprozess ist dies nicht relevant.

    Neuere Forschungsergebnisse zeigen auch, dass biologische, genetische und neurologische Faktoren bei der Erkrankung eine viel größere Rolle spielen, als man sich das früher vorstellen konnte. Viele an Magersucht erkrankte Kinder kommen aus völlig normalen und glücklichen Familien, über die die Erkrankung wie eine Naturgewalt hereinbricht.

    Stationäre Behandlungen vermeiden

    Das frühzeitige Erkennen der Erkrankung und ein schneller Behandlungsbeginn sollen stationäre Aufenthalte verhindern oder so kurz wie möglich gestalten.

    Dafür werden Eltern geschult und befähigt, ihrem Kind aktiv helfen zu können, wieder ein gesundes Normalgewicht zu erlangen, dieses zu halten und nachhaltig gesunde Essgewohnheiten zu entwickeln.

    FBT ermöglicht in vielen Fällen eine Behandlung im vertrauten häuslichen Umfeld unter ambulanter medizinischer Aufsicht und mit therapeutischer Unterstützung der Eltern.

    Schnelle Gewichtswiederherstellung – weight restauration

    Eine schnelle Gewichtszunahme wirkt sich positiv auf den Genesungsprozess aus und verbessert das Behandlungsresultat langfristig positiv.

    Das Kind muss ein gesundes Gewicht wiedererlangen und darf nicht im Untergewicht bleiben.

    Externalisierung

    Eltern lernen, ihr Kind von der Krankheit zu trennen. Das sogenannte Externalisieren der Krankheit ist eine zentrale Komponente von FBT: Es bedeutet, dass der junge Mensch nicht für die Erkrankung verantwortlich gemacht werden darf.

    Die Erkenntnis und das Wissen darum, dass nicht das Kind verantwortlich für die Krankheit ist, sondern dass die Krankheit das Kind kontrolliert, hilft den meisten Eltern sehr schnell besser mit der Situation umgehen zu können.

    Psychische Gesundheit, Stärke und Einheit der Eltern erhalten

    Eltern werden befähigt, diese extrem belastende Zeit gut durchzustehen. Die Erhaltung der psychischen Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Eltern ist ein Grundpfeiler der Behandlung.

    Eltern lernen ebenfalls, gemeinsam gegen die Krankheit vorzugehen. Anorexie hat auch die Tendenz Beziehungen zu zerstören. Sowohl durch die extreme psychische Belastung, der das Familiengefüge ausgesetzt ist, als auch durch gegenseitige (oft sehr unterschwellige) Schuldzuweisungen. Anorexie spaltet, auch Beziehungen.

    Zeitweise Übernahme der Autonomie

    Es ist notwendig, dass die Eltern für eine begrenzte Zeit die komplette Autonomie über kritische Lebensbereiche wie Essen und Bewegung übernehmen.

    Das Kind isst nicht, weil es nicht will, sondern weil es nicht kann. Es hat sich diese Krankheit nicht ausgesucht. Die Krankheit hat sich das Kind ausgesucht.

    Es braucht jetzt keine zusätzlich übertragene Verantwortung für das eigene Essverhalten, die es in seinem jetzigen Zustand nicht bewältigen kann. Es benötigt keine psychotherapeutischen Gespräche über Kalorien, Nährwerte und Stoffwechsel. Es benötigt nicht die Suche nach Ursachen, die es in den allermeisten Fällen nicht gibt. Es benötigt praktische und handfeste intensive Hilfe.

    Quellen

  • ANGI – Persönliche Überlegungen und die Bedeutung der ANGI-Ergebnisse für Patienten, Familien und Kliniker heute (Teil 4)

    ANGI – Persönliche Überlegungen und die Bedeutung der ANGI-Ergebnisse für Patienten, Familien und Kliniker heute (Teil 4)

    Kürzlich fragte mich Dr. June Alexander in einem Interview, wie ich mich fühlte, als wir mit ANGI begannen, und wie ich mich heute angesichts der Ergebnisse fühle. Ich antwortete, dass ich vor sechs Jahren, als wir mit ANGI begannen, sowohl entmutigt als auch entschlossen war.

    Einige Leute bezweifelten, dass wir Blutproben von 13 000 Personen mit Anorexia nervosa gewinnen könnten, aber um ehrlich zu sein, habe ich nie daran gezweifelt, dass wir es schaffen würden. Meine Gewissheit kam daher, dass ich seit 1982 in diesem Bereich arbeitete!

    Nachdem ich mit Menschen mit Anorexia nervosa und ihren Familien auf drei Kontinenten und über vier Jahrzehnte hinweg gearbeitet hatte, hatte ich ein ziemlich gutes Gespür dafür, wie verzweifelt sie nach Antworten suchten und wie unzufrieden sie mit unserem derzeitigen Verständnis und unserer Behandlung dieser verheerenden Krankheit waren. Außerdem wusste ich in meinem Herzen, dass das Mitgefühl, das ich bei so vielen Patienten gesehen hatte (oft, bevor sie es bei sich selbst erkennen konnten), ihre Bereitschaft fördern würde, sich zu beteiligen und etwas zurückzugeben, in der Hoffnung, dass andere nicht das gleiche Leid ertragen müssen wie sie selbst.

    Meine Intuition erwies sich als richtig. Ich denke, dass in unseren nächsten Phasen, wenn wir unsere Stichprobengröße erweitern und mit der Rekrutierung für Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung beginnen, die Dinge noch besser laufen werden, da wir keine Blutproben mehr benötigen! Die Technologie hat sich in den letzten sechs Jahren so weiterentwickelt, dass wir mit einer einfachen Speichelprobe die gleichen Analysen durchführen können, für die wir bei ANGI Blut benötigten.

    Ein neuer Erklärungsrahmen.

    Unsere Ergebnisse und unsere Schlussfolgerung, dass Anorexia nervosa am besten als metabopsychiatrische Krankheit verstanden werden kann, sind für Patienten und Familien insofern von Bedeutung, als sie einen neuen Erklärungsrahmen für das Verständnis der Krankheit bieten.

    Seit meinen ersten Tagen in diesem Bereich haben die rein soziokulturellen Erklärungen für Anorexia nervosa einfach nicht gepasst. Sicher, eine Diät, um ein Schlankheitsideal zu erreichen, könnte in einigen Fällen den Prozess in Gang setzen, aber das erklärte nicht, warum nicht alle, die diesem Schlankheitsideal ausgesetzt waren, eine Magersucht entwickelten. Es erklärte auch nicht, warum Menschen mit Anorexia nervosa weit über das gesellschaftliche Ideal hinaus abnahmen, das auf der Titelseite eines Hochglanzmagazins abgebildet ist. Irgendetwas fehlte.

    So oft beschrieben Eltern diese unglaublichen Veränderungen bei ihren Kindern, die ihren Abstieg in die Magersucht kennzeichneten, und ihre Erleichterung während der Genesung, als wieder Anzeichen ihres Kindes sichtbar wurden, die dem Kind vor der Erkrankung glichen. Die Patienten schilderten, dass sie essen und gesund sein wollten, aber nicht in der Lage waren, eine undurchdringliche Barriere zu überwinden, die es ihnen erlaubte, zu essen und an Gewicht zuzunehmen. Man könnte sagen, dass ich in meiner Laufbahn nach einer Erklärung gesucht habe, die den verwirrendsten Aspekten der Anorexia nervosa gerecht wird und sie genau beschreibt.

    Einige der verwirrendsten Aspekte sind: Wie erreichen und halten Menschen mit dieser Krankheit eigentlich ein so niedriges Gewicht? Warum ist eine negative Energiebilanz (mehr Kalorien verbrauchen als sie zu sich nehmen) für die Krankheit förderlich? Warum nimmt ihr Körper selbst nach einer medizinisch überwachten Wiederherstellung des Gewichtes durch Ernährung so schnell ab? Warum scheint körperliche Aktivität stärker zu wirken als Essen? Warum durchlaufen sie während der Nahrungsaufnahme eine hypermetabolische Phase, in der sie Kalorien in einer Weise verbrennen, die unsere Gleichungen einfach nicht vorhersagen können?

    Es gibt so viele unbeantwortete Fragen. Im Nachhinein ist klar, dass alle direkt auf eine metabolische Komponente der Krankheit hinweisen.

    Ernährung – Die Bedeutung der Nahrungsaufnahme

    Unsere Ergebnisse sagen uns noch nichts über die Art der Stoffwechselkomponente, das ist ein wichtiges Thema, das noch erforscht werden muss. Sie bieten jedoch einige wichtige Anregungen für die Behandlung. So konzentrieren sich beispielsweise viele unserer Maßnahmen auf die Bedeutung der Wiederherstellung und Aufrechterhaltung eines gesunden Gewichts als Eckpfeiler der Genesung.

    Die familienbasierte Behandlung (FBT), das spezialisierte unterstützende klinische Management (SSCM), die kognitiv-behaviorale Therapie (CBT-E) und die klinischen Leitlinien konzentrieren sich alle auf die Bedeutung der Wiederherstellung des Gewichts und der Normalisierung des Essverhaltens. Doch aus dem einen oder anderen Grund könnten viele Behandlungen hinter diesen Zielen zurückbleiben, und erreichen nur eine teilweise Wiederherstellung des Gewichts und eine teilweise Normalisierung des Essverhaltens.

    Auch wenn dies spekulativ ist, werfen unsere Ergebnisse die Frage auf, ob diese partiellen Versuche unweigerlich zum Scheitern der Behandlung oder zu einem Rückfall führen, weil sie dem Stoffwechsel keine Gelegenheit geben, sich auszugleichen oder neu einzustellen.

    Wird ein Patient aufgrund fehlender Kostenübernahme durch die Krankenversicherung vorzeitig aus einem stationären Ernährungsprogramm entlassen, stehen die Chancen gut, dass er in naher Zukunft mit einem niedrigen Gewicht wieder auf der Station landet, was letztlich mehr Geld kostet und sowohl für den Patienten als auch für seine Familie mehr Leid bedeutet.

    Vermeiden einer negativen Energiebilanz

    In ähnlicher Weise habe ich Patienten und Familien immer nahegelegt, eine negative Energiebilanz zu vermeiden, auch nach einer langfristigen Genesung. Diese Empfehlung beruhte immer nur auf klinischen Beobachtungen. Zu oft hatte ich erlebt, dass jemand in einer stressigen Phase Mahlzeiten ausfallen ließ oder dass eine Auslandsreise den Essensplan durcheinander brachte, was (selbst nach Jahren der Genesung) zu einem regelrechten Rückfall führte.

    Nun, vielleicht liegt die Erklärung in unseren Ergebnissen. Vielleicht ist die negative Energiebilanz der Schalter, der den Stoffwechselprozess in Gang setzt, der den Abstieg in die Anorexia nervosa einleitet. Wenn überhaupt, dann bin ich angesichts unserer Ergebnisse jetzt zuversichtlicher, was diese Empfehlung angeht. Im Grunde genommen wird die Anorexia nervosa zu einem Teil Ihres gesundheitlichen Erbes. Das heißt nicht, dass man nicht wieder gesund werden kann, aber es bedeutet, dass man wachsam sein muss.

    Ich ziehe eine Analogie zu meiner eigenen Rückenverletzung. Drei Wirbel in meinem Rücken wurden 1978 gebrochen, als mich ein paar betrunkene Fans bei einem Notre-Dame-Footballspiel auf der Tribüne hochhoben, weiterreichten und mich dann fallen ließen. Diese Knochen sind vollständig verheilt, aber seitdem muss ich jeden Tag Übungen zur Stärkung des Rückens machen und auf Positionen oder Aktivitäten achten, die mich dem Risiko eines Rückfalls aussetzen könnten. Die Nervenkitzel suchende Person in mir hätte gerne Bungee-Jumping ausprobiert, aber das Risiko war zu hoch.

    Dieses Ereignis ist ein Teil meines gesundheitlichen Erbes, das ich respektieren muss. Wenn Sie eine Anorexia nervosa hatten, müssen Sie ebenfalls auf eine negative Energiebilanz achten und diese vermeiden, denn das Risiko ist einfach zu hoch.

    Was ist mit dem genetischen Risiko?

    Eine weitere Frage, die unsere Arbeit bei Menschen aufwirft, die an Anorexia nervosa erkrankt sind, ist die Frage, was dies für ihre nächste Generation bedeutet.

    Das Wichtigste ist, daran zu denken, dass Genetik kein Schicksal ist! Anorexia nervosa ist ein klassisches komplexes Merkmal, das von Hunderten, wenn nicht Tausenden von Genen mit geringer bis mittlerer Wirkung sowie von Umweltfaktoren beeinflusst wird. Tatsächlich kann man Ihr Risiko (und das Ihrer Nachkommen) als eine Kombination von vier Faktoren betrachten: genetische Risikofaktoren, genetische Schutzfaktoren, Umweltrisikofaktoren und Umweltfaktoren, die schützen. Um die Komplexität noch weiter zu erhöhen, können Sie epigenetische Faktoren hinzuziehen.

    In der Vergangenheit konnten wir nur umweltbedingte Risiko- und Schutzfaktoren identifizieren. Jetzt können wir diesem Mix die Fähigkeit hinzufügen, das genetische Risiko zumindest zu quantifizieren (und unsere Zuversicht, dies zu tun, wird mit zunehmendem Stichprobenumfang steigen). Die genetischen Schutzfaktoren haben wir immer noch nicht in den Griff bekommen. Es ist durchaus möglich, dass jemand mit einem hohen genetischen Risiko für Anorexia nervosa die Krankheit nie entwickelt, weil es genetische und/oder umweltbedingte Schutzfaktoren gibt. Ebenso kann jemand mit einem geringen genetischen Risiko für Anorexia nervosa die Krankheit entwickeln, weil die Umweltfaktoren übermäßig riskant sind. Weder Genetik noch Umwelt sind also Schicksal.

    Eltern, bei denen Essstörungen in der Vergangenheit aufgetreten sind und die sich fragen, welches Maß an Wachsamkeit angemessen ist, wenn sie beobachten, wie ihre Kinder die Altersstufen durchlaufen, in denen das Risiko für Essstörungen besteht, sollten einen genetischen Berater aufsuchen. In der Vergangenheit haben sich genetische Berater vor allem auf Krankheiten wie Huntington konzentriert, bei denen die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung eindeutig war. Heute sind sie im Umgang mit komplexeren Krankheiten wie Anorexia nervosa geschult und können Familien dabei helfen, das Risiko zu verstehen und einzuschätzen.

    Generell ermutigen wir Eltern, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Hypervigilanz und Blindheit gegenüber Anzeichen einer Essstörung anzustreben. Wenn Sie sich Sorgen um Ihr Kind machen, ist es am besten, einen Termin für eine Untersuchung zu vereinbaren und mit Ihrem Arzt über Ihre Bedenken zu sprechen und darüber, wie Sie diese am besten angehen können. Die Forschung auf diesem Gebiet ist sehr aktiv, und wir hoffen, in naher Zukunft weitere Hilfsmittel und Anleitungen für Eltern bereitstellen zu können.

    Wir möchten noch einmal allen Patienten, Familienmitgliedern, Klinikern, Befürwortern und Forschern danken, die an ANGI teilgenommen haben. Es war eine bemerkenswerte Reise, und wir freuen uns darauf, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, wenn wir unsere nächste Studie, die Eating Disorders Genetics Initiative (EDGI), auf den Weg bringen. Bleiben Sie dran!

    15.07.2019 – Cynthia Bulik, PhD, FAED

    https://sph.unc.edu/adv_profile/cynthia-bulik/

    https://uncexchanges.org/2019/07/15/personal-reflections-and-what-the-angi-results-mean-for-patients-families-and-clinicians-today-part-4/

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung ausserhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

  • ANGI – Die Zukunft der genetischen Forschung zu Essstörungen (Teil 3)

    ANGI – Die Zukunft der genetischen Forschung zu Essstörungen (Teil 3)

    In diesem Blog befassen wir uns mit der Frage, wie es weitergeht. Das Psychiatric Genomics Consortium (PGC) hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, für alle wichtigen psychiatrischen Störungen eine Stichprobengröße von 100.000 zu erreichen, und Anorexia nervosa ist da keine Ausnahme. Als Arbeitsgruppe für Essstörungen (Eating Disorder – ED) des PGC ist unsere Arbeit sogar noch umfangreicher, da wir für Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Binge-Eating-Disorder so große Stichprobengrößen ermitteln müssen. Darüber hinaus befinden sich die Mitglieder der PGC-ED im Anfangsstadium der Planung einer GWAS (Genomweite Assoziationsstudie) für die vermeidende/restriktive Nahrungsaufnahme (ARFID), und sobald wir das klinische Phänomen der atypischen Anorexia nervosa (alle Symptome der Anorexia nervosa, aber kein niedriges Körpergewicht) besser verstehen, werden wir auch die Genetik dieser Erkrankung untersuchen.

    Bei unserer Arbeit geht es jedoch nicht nur darum, große Proben zu sammeln und Loci (Anm.d.Red.: die physische Position eines Gens im Genom, der Genort) im Genom zu identifizieren, die mit verschiedenen Krankheitszuständen in Verbindung stehen. Die eigentliche Frage lautet: Wie kommt man von einer GWAS zur funktionellen Biologie und schließlich zur Umsetzung der Erkenntnisse in die Klinik? Um diese Frage zu beantworten, führte ich ein Interview mit Patrick Sullivan, MD, FRANZCP, dem Mitbegründer und Vorsitzenden des Koordinierungsausschusses des PGC. Ich möchte ganz offen sagen, dass Dr. Sullivan sowohl mein Mitarbeiter, als auch mein Ehemann ist (nicht in dieser Reihenfolge!).

    Dr. Bulik: „Wie Sie wissen, haben das PGC-ED und ANGI gerade eine Arbeit (an der Sie als Autor beteiligt sind) in Nature Genetics veröffentlicht, in der acht Loci identifiziert wurden, die signifikant mit Anorexia nervosa assoziiert sind, sowie eine faszinierende Reihe von genetischen Korrelationen, die auf metabopsychiatrische Ursachen hindeuten. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit/Studie?“

    Dr. Sullivan: „Im Großen und Ganzen – das Wichtigste ist, dass diese Methode (GWAS) funktioniert und uns helfen wird, diese Störung zu verstehen, deren Ursache wir mit anderen Methoden nicht ergründen konnten. Ärzte haben sich seit Generationen Gedanken über die Ätiologie der Anorexia nervosa gemacht, und hier haben wir die ersten klaren Erkenntnisse über die Ursache.“

    Dr. Bulik: „Wir hören immer, dass eine große Stichprobengröße für den Erfolg von GWAS entscheidend ist. Wo steht Anorexia nervosa im Vergleich zu den anderen psychiatrischen Störungen, die das PGC untersucht?“

    Dr. Sullivan: „Diese GWAS ist in der Mitte angesiedelt. Schizophrenie, bipolare Störungen und Major Depression liegen vor uns, aber die Arbeit in diesen Bereichen begann schon früher. Das PGC wurde im Jahr 2007 gegründet. ANGI begann erst 2013. Die Anorexia nervosa GWAS liegt irgendwo in der Mitte aller Störungen, die wir derzeit untersuchen.“

    Dr. Bulik: „Man hört Sie oft sagen, dass der Sinn von GWAS darin besteht, die Biologie aufzuklären. Was sagt uns diese Studie über die Biologie der Anorexia nervosa?“

    Dr. Sullivan: „Wir haben in dieser Studie interessante Hinweise gefunden. Wir konnten einige Zelltypen und biologische Wege vorläufig identifizieren, aber das Signal-Rausch-Verhältnis ist noch nicht gut genug. Bei Schizophrenie werden so viele Dinge unglaublich klar, wenn man eine ausreichend große Stichprobe hat. Dies ist ein großartiger Anfang, aber es gibt noch so viel mehr zu tun. Im Gegensatz zu Erkrankungen wie entzündlichen Darmerkrankungen oder Prostatakrebs waren wir bisher nicht in der Lage, eine Gewebeprobe zu entnehmen oder auch nur zu wissen, welches Gewebe wir bei Anorexia nervosa entnehmen sollten, um die Biologie zu untersuchen – ist es das Gehirn, ist es das Fettgewebe – wir wissen einfach nicht, wo der „Sitz“ der Anorexia nervosa ist. Die Arbeit in dieser Studie ist ein erster Schritt in diese Richtung, aber wir brauchen eine größere Stichprobe, um das herauszufinden.“

    Dr. Bulik: „Viele unserer Leser sind an der grundlegenden Frage interessiert: ‚Und jetzt?‘ Was bedeutet es, dass wir 8 Loci identifiziert haben, und was bringt uns das in Bezug auf das Verständnis und die Therapeutik?“

    Dr. Sullivan: „Ich habe zwei Antworten auf diese Frage. Erstens können wir auf der Grundlage von Arbeiten wie dieser den genetischen Risikoscore einer Person berechnen. Im Grunde sagt uns das, wie hoch das individuelle genetische Risiko für eine Krankheit wie Anorexia nervosa ist. Wir sind sehr daran interessiert, genetische Risikowerte in der Klinik anzuwenden, um zu sehen, ob wir zu Beginn der Krankheit vorhersagen können, wer ein Risiko für einen schlechten Ausgang hat. Wenn uns dies gelingt, können wir spezifische Strategien anwenden, um die Entwicklung eines chronischen oder schweren Verlaufs abzumildern. Dies ist ein wichtiger Bestandteil der personalisierten Medizin. Zweitens: Wenn unsere neurowissenschaftlichen Mitarbeiter mit einer größeren Stichprobengröße Zelltypen ausfindig machen und das Netzwerk oder die Netzwerke identifizieren können, die bei AN gestört oder dysfunktional sind, dann können wir mit klaren Zielpfaden das moderne kombinierte Hochdurchsatz-Wirkstoffscreening nutzen, um Therapeutika zu identifizieren oder zu entwickeln, die direkt auf die Biologie der Krankheit abzielen. Das ist besonders wichtig für Anorexia nervosa, weil es keine wirksamen Medikamente zur Behandlung der Krankheit gibt.

    Dr. Bulik: „Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und für Ihre Arbeit, mit der Sie das Gebiet der psychiatrischen Genetik voranbringen.“

    Dr. Sullivan: „Ich danke Ihnen!“

    15.07.2019 – Cynthia Bulik, PhD, FAED

    https://sph.unc.edu/adv_profile/cynthia-bulik

    https://uncexchanges.org/2019/07/15/the-future-of-genetic-research-on-eating-disorders-angi-part-3-an-interview-with-patrick-sullivan-md-franzcp/

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung ausserhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

  • ANGI – Der Prozess (Teil 2)

    ANGI – Der Prozess (Teil 2)

    Zwischen Januar 2013 und Juli 2016 ist es uns gelungen, Blutproben und klinische Informationen von 13 363 Personen mit Anorexia nervosa und 9 342 Kontrollpersonen (Menschen ohne Essstörungen) in fünf Ländern auf der ganzen Welt zu erhalten. In diesem Beitrag, dem zweiten von vier, erklären wir, wie wir dieses ehrgeizige Ziel erreicht haben.

    Die ANGI-Teams

    USA. ANGI wurde von der UNC Chapel Hill aus koordiniert, unter der Leitung von Dr. Cynthia Bulik, Leiterin der Forschung, und Dr. Laura Thornton, stellvertretende Direktorin. Dank Dr. Thorntons Fähigkeit, ein internationales Konsortium zu leiten, wurde ANGI zu einem Erfolg. Dr. Patrick Sullivan aus den Abteilungen für Genetik und Psychiatrie war ein Co-Untersuchungsbeauftragter. Im Laufe der Studie wurden wir von zahlreichen Dozenten und Mitarbeitern unterstützt, darunter Hunna Watson, PhD, MBiostats (Erstautorin und Chefanalystin), Zeynep Yilmaz, PhD (Analystin), Jessica Baker, PhD, und Melissa Munn-Chernoff, PhD. Viele andere UNC-Fakultäten und -Mitarbeiter halfen bei der Arbeit mit.

    Schweden. ANGI-SE wurde von Prof. Mikael Landén als Hauptprüfer geleitet und von Dr. Anders Juréus koordiniert. Das große und engagierte schwedische ANGI-Team veranstaltete eine Feier zum Abschluss der Studie, um das Erreichen der Rekrutierungsziele zu feiern.

    Dänemark. Das Zentrum von ANGI-DK befand sich in Aarhus, Dänemark, unter der Leitung von Prof. Preben Bo Mortensen, der von Liselotte Petersen, PhD und Janne Tidselbak-Larsen unterstützt wurde.

    Australien. ANGI-AU wurde von Prof. Nick Martin geleitet und von Richard Parker koordiniert. Prof. Tracey Wade von der Universität Adelaide war ebenfalls beteiligt. Die Fachwelt der Essstörungen „down-under“ ist in der Australia and New Zealand Academy for Eating Disorders (ANZAED) zusammengeschlossen, die maßgeblich an der Rekrutierung in Australien und Neuseeland beteiligt war. Als das Interesse in Neuseeland wuchs, halfen Prof. Martin Kennedy und Dr. Jenny Jordan von der University of Otago, die Rekrutierung in Australasien voranzutreiben. Fachpersonal und Menschen mit „lived experience“ waren in beiden Ländern bereit, in den Medien über ANGI zu reden, um Menschen mit Anorexia nervosa für die Teilnahme bei der ANGI Studie zu gewinnen.

    Die Strategie

    Teilnehmer gewinnen. Da wir wussten, dass wir eine große Aufgabe zu bewältigen hatten, entwickelten wir eine mehrgleisige Rekrutierungsstrategie, die Forscher, Kliniker, Journalisten, Blogger, Selbsthilfegruppen, Familienmitglieder und Menschen mit Anorexieerfahrung einbezog, um ANGI bekannt zu machen. Dafür entwickelten wir eine Outreach-Strategie, die traditionelle Medien, soziale Medien, Blogs und andere Kanäle einschloss. Das australische Team engagierte die PR-Firma Viva! Communications, die eine breit angelegte traditionelle (TV, Radio, Print) und digitale (Online und Social) Berichterstattung zusammen mit den nationalen Medien für Fachkräfte im Gesundheitswesen und Verbraucher nutzte. In der Tat, Viva! die ANGI-Kampagne wurde vom Public Relations Institute of Australia mit dem National Golden Target Award ausgezeichnet. Jedes Mal, wenn die Kampagne anlief, gab es einen enormen Anstieg der Teilnehmerzahlen, wobei Hunderte von Personen die Website besuchten, um an der Umfrage teilzunehmen und sich für ANGI anzumelden. Bei jeder unserer Aktionen (in New South Wales, Westaustralien, Neuseeland) wurde medizinisches Fachpersonal und Menschen mit Anorexia nervosa engagiert, um den lokalen und nationalen Medien im ganzen Land zur Verfügung zu stehen, was eine nahezu sofortige Reaktion und die Verfügbarkeit von Personen für Interviews in Printmedien, Radio oder Fernsehen sicherstellte.

    Dänemark war einzigartig

    Unsere Arbeit in Dänemark unterschied sich von den anderen Standorten durch die erstaunliche nationale Ressource, die den Bluttropfen aus dem Fersenstich eines Neugeborenen speichert. In vielen Ländern wird bei der Geburt eines Babys mittels eines kleinen Stichs in die Ferse ein Bluttropfen entnommen [Phenylketonurie (PKU)-Test], um festzustellen, ob das Neugeborene das Enzym hat, das zur Verwertung von Phenylalanin benötigt wird. Phenylalanin ist eine Aminosäure, die für normales Wachstum und normale Entwicklung benötigt wird. Bei frühzeitiger Erkennung kann eine phenylalaninarme Diät die Folgen der PKU für die neurologische Entwicklung verhindern. In den meisten Ländern werden diese Blutproben nach Abschluss des Tests einfach weggeworfen, doch in Dänemark werden sie klugerweise unter kontrollierten Bedingungen gelagert, so dass GWAS (Anm.d.R.: GWAS = Genomweite Assoziationsstudien) noch Jahre und sogar Jahrzehnte später an ihnen durchgeführt werden können. Außerdem können wir dank der hervorragenden Gesundheitsregister des Landes jeden identifizieren, bei dem zu irgendeinem Zeitpunkt Anorexia nervosa diagnostiziert wurde. So konnten wir die Blutproben derjenigen entnehmen, bei denen Anorexia nervosa diagnostiziert wurde, zusammen mit den nach Geschlecht und Geburtsjahr identifizierten Kontrollpersonen, die nie an der Krankheit litten. Mit dieser Strategie hat Dänemark Proben von 5 019 Personen mit Anorexia nervosa beigesteuert und damit den größten Beitrag zur ANGI-Stichprobe geleistet.

    Das haben wir gelernt

    Nationale Gesetze. Wenn man eine internationale Studie wie ANGI durchführt, lernt man viel über internationale Gesetze. In einigen Ländern konnten wir alles online erledigen (Einverständniserklärungen, Screening, Rekrutierung), während in anderen Ländern ein telefonischer Kontakt mit dem Forschungspersonal zu einem bestimmten Zeitpunkt des Prozesses erforderlich war. Es steht außer Frage, dass die Rekrutierung reibungsloser abläuft, wenn alles online erledigt werden kann. Am besten ist es vielleicht, den Teilnehmern die Wahl zu geben. Einige Personen schätzen die Möglichkeit, ihre Geschichte jemandem zu erzählen, der sich wirklich für sie interessiert, während andere sich viel wohler fühlen, wenn sie alles digital erledigen können.

    Es den Teilnehmern leicht machen. Die Technologie der Genetik schreitet schnell voran. Als wir mit ANGI begannen, musste den Teilnehmern Blut abgenommen werden, was den Aufwand für sie erhöhte. Sie mussten zu einem bestimmten Ort fahren , um das Blut abnehmen und zur Genotypisierung einsenden zu lassen. Dies stellte eine zusätzliche Hürde dar, vor allem in den USA, wo die Möglichkeiten der Blutentnahme begrenzt sind. Die Abschlussraten stiegen, als wir ein mobiles Blutabnahme-Unternehmen anheuerten, das zur Blutentnahme für ANGI zu den Probanden nach Hause kam. In der nächsten Phase unserer Forschung werden die Dinge viel einfacher sein. Dank des technologischen Fortschritts können wir jetzt sicher sein, dass Speichelproben qualitativ hochwertige DNS liefern. Für die Teilnahme an unseren laufenden und nächsten Studien brauchen Sie also nur in ein Röhrchen zu spucken und es an uns zurückzuschicken!

    Viele schwerkranke Menschen sind von einer Behandlung weit entfernt. Eine der anfänglichen Befürchtungen bezüglich unserer Rekrutierung über die sozialen Medien war, dass wir Personen mit Anorexia nervosa anziehen würden, die viel weniger krank sind als die Personen, die wir aus den Behandlungszentren rekrutieren. Dies erwies sich als nicht zutreffend, was sehr besorgniserregend ist. Viele schwer kranke Menschen leben mit Anorexia nervosa mitten in unserer Gesellschaft, ohne dass sie an Behandlungseinrichtungen angebunden sind. Die Gründe dafür sind vermutlich vielfältig – fehlender Zugang zu medizinischer Versorgung, Versicherung, frühere Erfahrungen mit der Behandlung und fehlende Behandlungsoptionen für Menschen mit chronischen Krankheiten. Das hat uns die Augen dafür geöffnet, dass es in unserer Gesellschaft einen sehr ernstzunehmenden Bedarf gibt, und das wir dafür Sorge tragen müssen, dass Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten für alle Menschen im gesamten Schweregradspektrum zur Verfügung stehen.

    Der Wert engagierter Wissenschaft. Ich habe es schon früher gesagt, aber ANGI war das lohnendste Projekt, an dem ich in meiner Laufbahn je beteiligt war. Die Großzügigkeit von Menschen mit Anorexia nervosa und ihr aufrichtiger Wunsch, „etwas zurückzugeben“, haben mich persönlich berührt. So viele Teilnehmer gaben bereitwillig ihre Zeit (und ihr Blut!) in der Hoffnung, dass ihr Beitrag dazu beitragen würde, anderen das Leiden zu ersparen, das die Magersucht bei ihnen verursacht hatte. Ich bin mir nicht sicher, wie ich es am besten ausdrücken soll, nachdem ich jahrzehntelang in diesem Bereich gearbeitet habe, aber es gibt einen inneren Kern von Menschlichkeit, den ich in jeder Person, mit der ich in diesem Bereich gearbeitet habe, gesehen habe. Allzu oft konnte ich ihn erkennen, bevor sie ihn selbst wahrnehmen konnten. Er ist vielleicht Teil der ausgepägten zwischenmenschlichen Hochsensibilität, die sie überhaupt erst anfällig für die Entwicklung der Krankheit macht, aber wenn sie in eine gesunde Richtung kanalisiert wird, ist sieein Geschenk für die Welt.

    Die Einbeziehung von Patienten, Familienmitgliedern und Unterstützer im Dienste der Wissenschaft ist schwieriger, als sich im Elfenbeinturm zu verstecken, verleiht unserer Arbeit aber letztlich mehr Bedeutung. Dr. Hunna Watson, unsere leitende statistische Analystin, erklärte: „Diese Arbeit war auf einen weltweiten Einsatz von Wissenschaftlern und der gesamten Gemeinschaft angewiesen, um diese neuen Erkenntnisse in den Vordergrund zu stellen. Das ultimative Ziel ist es, die Ursachen von Anorexia nervosa zu erfassen, damit die verheerenden persönlichen und familiären Folgen dieser Krankheit eines Tages abgewendet werden können.“

    15.07.2019 – Cynthia Bulik, PhD, FAED

    https://sph.unc.edu/adv_profile/cynthia-bulik

    https://uncexchanges.org/2019/07/15/anorexia-nervosa-genetics-initiative-angi-part-2-the-process

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung ausserhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

  • Zielgewichte festlegen

    Zielgewichte festlegen

    Ich habe einige recht ausführliche Richtlinien für die Bestimmung des idealen Körpergewichts bei pädiatrischen Patienten und über das, was wir in der Kartini Clinic „Zustand statt Gewicht“ (state not weight) nennen, geschrieben. Heute verwenden wir eher den Begriff „Zielgewicht“ als „ideales Körpergewicht“, da „ideal“ so viel Ballast mit sich bringt.

    Professor Bryan Lask bat mich einmal, an einer Debatte in einer internationalen Fachzeitschrift teilzunehmen, in der es um die Frage ging, ob eine vollständige Wiederherstellung des Gewichts bei der Behandlung von Essstörungen notwendig sei oder nicht. Ich sollte den Standpunkt „Ja“ vertreten. Natürlich habe ich das getan. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich die vollständige Wiederherstellung des Gewichts als conditio sine qua non der Heilung betrachte. Im Klartext: Ohne sie kann man nicht gesund werden.

    Wenn es um Gewichtsverlust und Anorexia nervosa geht, folge ich meinen eigenen Richtlinien, indem ich die Informationen aus der Wachstumstabelle, die mittlere Größe der Eltern und das Pubertätsstadium (das ist wichtig) verwende und dann eine fundierte Schätzung des Zielgewichts vornehme. Aber es ist nur eine Schätzung. Dann legen wir einen Essensplan fest, mit dem wir im Wochendurchschnitt 0,2kg pro Tag zunehmen. Wenn wir dieses Ziel nicht annähernd erreichen, erhöhen wir die Kalorienmenge. Anschließend bestimmen wir die Grundwerte des Stoffwechsels des Patienten, z.B. (mindestens) Cortisol, LH, FSH, Östradiol, Testosteron, Glukose, Insulin, Leptin, Komplement 3, Gesamt-T3, TSH und freies T4, und passen unsere Schätzung nach Bedarf an.

    Wenn ich ein Kind mit Gewichtsverlust untersuche, setze ich ein Körpergewichtsziel wie oben beschrieben. Wenn ich den Patienten jedoch wegen einer übermäßigen Gewichtszunahme untersuche, schreibe ich stattdessen etwas wie folgt: „Bei diesem Kind ist es nicht ratsam, ein Körpergewichtsziel zu setzen, da die Ausgangswerte sehr hoch sind. Es ist wichtig, eine geordnete Ernährung mit einem Kaloriengehalt von etwa 2150 Kcal/Tag (oder einer anderen Zahl, abhängig von Alter und Aktivität) zu etablieren und zu sehen, wie der Körper im Laufe der Zeit damit umgeht. Die starke familiäre Vorbelastung mit Typ-2-Diabetes (sofern vorhanden) bedeutet, dass wir uns an seinen/ihren seriellen Stoffwechseluntersuchungen orientieren müssen.”

    Wir überprüfen diese Laborwerte etwa alle vier Wochen, um zu sehen, ob sich der Stoffwechsel des Patienten mit der Wiederaufnahme der Nahrung normalisiert. Auf diese Weise können wir die hormonelle Wiederherstellung beurteilen und ungefähr erkennen, wann das Gehirn wirklich glaubt, dass „die Hungersnot vorbei ist“. Stoffwechsellaboruntersuchungen ermöglichen es, uns an der Biologie des Patienten zu orientieren – aber zweifellos machen sie eine ohnehin schon komplizierte Bestimmung noch komplizierter. Ich denke, dafür sind die Ärzte da. Die Laborwerte (aber nicht das Gewicht) werden mit unseren Patienten geteilt. Wir teilen alles mit den Eltern.

    Kürzlich habe ich einige Kommentare von besorgten Müttern gelesen, die sagten, dass ihre Ärzte das Zielgewicht ihres Kindes zu niedrig angesetzt hätten und ihnen nicht glaubten, wenn sie sagten, dass das Gewicht ihres Kindes steigen müsse, damit es sich psychisch vollständig erholen könne. Erleben wir das in der Kartini Clinic?

    Nun, die Reaktionen der Eltern, die wir in der Regel erhalten, wenn wir Gewichtsziele festlegen und darauf hinarbeiten, lassen sich grob in drei Kategorien einteilen:

    Antwort Nr. 1: „Sie sind der Arzt, ich vertraue auf Ihre Zielsetzung“

    Antwort Nr. 2: „Ich verstehe nicht, warum Sie ihr Zielgewicht so hoch angesetzt haben. Ich glaube nicht, dass sie so viel wiegen muss“ (dies wird fast immer über ein Mädchen gesagt)

    Antwort Nr. 3: „Ich glaube nicht, dass er/sie bei dem von Ihnen festgelegten Zielgewicht optimal funktionieren kann; es ist zu niedrig. Ich denke, sie/er braucht noch ein paar Pfunde mehr, um ihre/seine gute Laune und Energie wiederzuerlangen“.

    Was können Sie zur elterlichen Antwort Nr. 1 sagen?
    „Danke für Ihr Vertrauen“, denke ich.

    Antwort Nr. 2 ist häufiger als Antwort Nr. 3 und ist frustrierender.

    Wir versuchen, Ziele auf der Grundlage der Biologie zu setzen, nicht auf der Grundlage von Hoffnungen, Überzeugungen, kosmetischen Vorurteilen oder sozialen Normen. Wichtig ist nicht, was Julie denkt, dass ein 14-jähriges kaukasisches Mädchen zum Beispiel wiegen sollte, sondern was das Gehirn und der Körper dieses Mädchens tun.

    Da wir alle im Meer dieser Kultur schwimmen, die Schlankheit über alles stellt, erhalten wir verzerrte Botschaften über Schönheit und „Norm“. Und seien wir ehrlich: Wir lieben unsere Kinder sehr, identifizieren uns mit ihnen und leben sogar stellvertretend durch sie. Wir schwelgen im Glanz ihrer guten Noten, ihrer Englischpreise, ihrer sportlichen Erfolge, ihrer Vollstipendien und … ihres Aussehens. Wenn sie dünn sind, fühlen wir uns tugendhaft – als ob wir sie richtig erzogen hätten. Wenn sie übergewichtig sind, werden wir getadelt und – was noch wichtiger ist – wir geben uns selbst die Schuld. Daher sind einige Eltern nicht erfreut, wenn ich ein Zielgewicht festlege, von dem sie glauben, dass es ihre Tochter aus dem „schlanken“ Bereich herausführt.

    Anhand der Wachstumsdaten ihres Kindes, des Pubertätsstadiums und der Stoffwechseluntersuchungen versuchen wir den Eltern zu zeigen, wie wir zu ihrem Zielgewicht gekommen sind. Auf die häufige Bemerkung, dass „sie noch nie so viel gewogen hat“, versuchen wir zu erwidern, dass sie auch älter ist als je zuvor und dass eine 14-jährige nicht so viel wiegen sollte wie mit 13 und eine 17-jährige nicht so viel wie mit 15. Wachstum bedeutet Gewichtszunahme. Oft können diese kosmetisch begründeten Bedenken jedoch nicht durch Fakten ausgeräumt werden.

    Und es gibt noch eine weitere starke Überzeugung, die manche Eltern vor „zu viel Gewichtszunahme“ zurückschrecken lässt – die Überzeugung, dass ihr Kind verzweifelt, depressiver und „psychisch schlechter“ wird, wenn es „zu viel“ zunimmt. Es gibt auch einige Behandler, die diesen Glauben teilen und Ziele für die Gewichtszunahme setzen, die „ihre Patienten akzeptieren können“. Der Trugschluss dieses Arguments besteht darin, dass wir nicht über das durchschnittliche Kind oder den durchschnittlichen Jugendlichen sprechen, sondern über das Kind mit Anorexia nervosa.

    Es gibt buchstäblich kein noch so niedriges Gewicht, das eine Essstörung besänftigen kann. Wenn Sie es auf 60kg einstellen, will die Essstörung 57,5kg. Wenn Sie 57,5kg erreichen, sehnt sich die Essstörung nach 55kg, usw. Jeder, der Essstörungen behandelt oder einen Angehörigen mit einer Essstörung hat, weiß das. Dennoch ist das Leid des Kindes so schwer zu ertragen, dass es fatal verlockend ist zu glauben, man könne es beschwichtigen, indem man niedrige Gewichtsziele setzt. Niedrige Gewichtsziele bedeuten langsames Wachstum, lineares Größenwachstum, suboptimales Gehirnwachstum und keine Rückkehr/Einleitung der Menstruation.

    Und dann ist da noch Reaktion Nr. 3. Ein unerfahrener Kliniker fühlt sich durch selbstbewusste Eltern bedroht.

    Die alte Medizin macht die Eltern zu passiven Empfängern der Weisheiten des Arztes (oder Therapeuten oder Ernährungsberaters). Die neue Medizin macht uns alle zu Mitstreitern auf unserem Weg zu optimaler Gesundheit. Wir wenden uns an den Arzt, um Ratschläge zu erhalten, die auf seiner Ausbildung und Erfahrung beruhen – seinem Fachwissen, wenn Sie so wollen. Aber die Eltern sind in der Regel die Experten, wenn es darum geht, ihr eigenes Kind als Person zu beurteilen. Es haben genug Mütter berichtet, dass ihr Kind erst dann wieder zu einem normalen, glücklichen psychologischen und sozialen Verhalten zurückfand, als es einige Pfunde über dem vom Team festgelegten Zielgewicht lag, um mich zumindest aufhorchen zu lassen.
    Wenn Sie daran interessiert sind, lesen Sie hier die Geschichte einer Mutter (Anm der Redaktion: Beitrag auf Englisch unter https://www.kartiniclinic.com/blog/post/coming-to-terms-with-my-daughters-genetically-programmed-body-size/).

    Dr. Moshtael und ich wissen aus unserer Erfahrung mit Stoffwechsellaboruntersuchungen in den letzten Jahren, dass es sehr schwer sein kann, das Gehirn davon zu überzeugen, dass „die Hungersnot vorbei ist“ und es seinen Würgegriff auf einige der Hormone, die die Stimmung beeinflussen können (Cortisol, Testosteron, Östradiol usw.), lockern kann. Die unterschiedliche Reaktion auf die Wiederaufnahme der Ernährung hängt wahrscheinlich damit zusammen, wie lange der Patient bereits erkrankt ist, wie alt er ist, wie schnell er sein Gewicht wieder aufbaut, in welchem pubertären Stadium die Krankheit ihn erwischt hat und … die Genetik. Die Beobachtung einiger Eltern, dass sich das Gewicht ihres Kindes erst dann vollständig normalisiert, wenn es etwas höher ist als die anfängliche Vermutung, sollte respektiert werden.

    Denn was ist wichtiger: Eine bestimmte Gewichtszahl oder dass das Lächeln zurückkommt?

    01.09.2016 – Julie O’Toole

    https://kartiniclinic.com/blog/post/setting-goal-weights/

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

  • ANGI – Die Ergebnisse (Teil 1)

    ANGI – Die Ergebnisse (Teil 1)

    Wir freuen uns, berichten zu können, dass die Arbeit der „Anorexia Nervosa Genetics Initiative“ Früchte getragen hat! Unser Artikel „Genome-wide Association Study Identifies Eight Risk Loci and Implicates Metabo-Psychiatric Origins for Anorexia Nervosa“ wurde am 15. Juli 2019 in der Fachzeitschrift Nature Genetics veröffentlicht. Soweit wir wissen, ist dies das erste Mal, dass eine empirische Arbeit über Essstörungen in dieser renommierten Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. Unsere Ergebnisse sind faszinierend und ermutigen uns dazu, unsere Konzeption bezüglich Anorexia nervosa zu überdenken.

    ANGI ist eine Initiative der Klarman Family Foundation. Unsere Arbeit begann im Januar 2013, an den vier ANGI-Standorten (University of North Carolina at Chapel Hill; Karolinska Institutet, Stockholm, Schweden; Aarhus University, Aarhus, Dänemark; und Berghofer Queensland Institute for Medical Research, mit Unterstützung der University of Otago in Christchurch, Neuseeland) sammelten wir DNA-Proben von 13 363 Personen, die irgendwann in ihrem Leben an Anorexia nervosa erkrankt waren, sowie von Kontrollpersonen, welche hinsichtlich ihrer Abstammung sowie geografischer Herkunft der Gruppe der Erkrankten entsprachen. In Teil 2 dieser Blogserie erfahren Sie mehr darüber, wie ANGI dank globaler Zusammenarbeit erfolgreich wurde!

    Wie in einem früheren Beitrag auf “Exchanges” (Blog of the UNC Center of Excellence for Eating Disorders) beschrieben, ist ANGI als genomweite Assoziationsstudie (GWAS) konzipiert. GWAS gehören zu den explorativen Wissenschaften, d. h. man muss keine vorherigen Vermutungen darüber anstellen, wonach man im Genom sucht, sondern man lässt das Genom für sich selbst sprechen. Bei GWAS wird das gesamte Genom auf über eine Million genetischer Marker untersucht und die Genome von Tausenden, Zehntausenden und sogar Hunderttausenden von Fällen (bei ANGI sind das Menschen mit Anorexia nervosa) mit den Genomen von ebenso vielen Kontrollpersonen verglichen. Obwohl es ein gewaltiges Unterfangen ist, so große Stichproben von Personen zu sammeln, sind GWAS die bevorzugte Methode zur Untersuchung der genetischen Grundlagen psychiatrischer Störungen.

    Zu den Ergebnissen: Wir haben alle ANGI-Proben mit anderen Proben kombiniert, welche in der Arbeitsgruppe für Essstörungen des Psychiatric Genomics Consortium verfügbar waren. Kurz gesagt, haben wir eine genomweite Assoziationsstudie (GWAS) durchgeführt, in der wir das gesamte Genom von 16 992 Personen mit Anorexia nervosa und 55 525 Kontrollpersonen aus 17 Ländern in den Vereinigten Staaten, Australasien und Europa verglichen haben.

    Die erste bemerkenswerte Erkenntnis war, dass wir acht Regionen im Genom identifiziert haben, welche signifikant mit Anorexia nervosa assoziiert sind – und zwar auf den Chromosomen (nächstgelegenes Gen) 1 (PTB2), 2 (ASB3, ERLEC1), 3 (FOXP1 und NSUN3), 5 (CHD10), 10 (MGMT) und 11 (CADM1). Dies ist zwar aufregend, aber erst der Anfang, denn wir gehen davon aus, dass Hunderte von Genen mit dem Risiko für Anorexia nervosa in Verbindung gebracht werden können.

    Es zeigt gleichzeitig auch, wie wichtig die Stichprobengröße für die Entdeckung von Genen ist, da unsere frühere Studie mit einer viel kleineren Stichprobe nur einen Bereich des Genoms identifizierte. Wenn wir die Fortschritte bei anderen psychiatrischen Erkrankungen betrachten, glauben wir, dass wir einen Wendepunkt erreicht haben, d. h., dass sich die Entdeckung von Genen ab diesem Zeitpunkt beschleunigen wird, wenn wir in Zukunft die Stichprobengröße erhöhen.

    Die vielleicht revolutionärsten Ergebnisse dieser Studie liegen nicht in der Entdeckung von Genen an sich, sondern in dem Muster der genetischen Korrelationen, die wir mit anderen Eigenschaften und Störungen beobachtet haben. Genetische Korrelationen (d. h., die Überlappung von Genen, die die Ausprägung von zwei Merkmale beinflussen) zeigen Zusammenhänge zwischen Merkmalen auf. Aus unseren Ergebnissen lässt sich folgendes ableiten:

    • Die genetische Grundlage der Anorexia nervosa überschneidet sich mit anderen psychiatrischen Störungen wie Zwangsstörungen, Depressionen, Angstzuständen und Schizophrenie.
    • Genetische Faktoren, die mit Anorexia nervosa assoziiert sind, beeinflussen auch die körperliche Aktivität, was die Tendenz von Menschen mit Anorexia nervosa zu erhöhter Aktivität erklären könnte.
    • Interessanterweise überschneiden sich die genetischen Grundlagen der Anorexia nervosa mit Stoffwechsel- (einschließlich glykämischer), Lipid- (Fette) und anthropometrischen (Körpermaße) Eigenschaften. Die Studie zeigt zudem, dass dies nicht auf genetische Effekte zurückzuführen ist, welche den BMI beeinflussen.

    Dieses Korrelationsmuster hat uns zu der Schlussfolgerung geführt, dass Anorexia nervosa am besten als „metabopsychiatrische Störung“ verstanden werden kann. Somit wird es zukünftig wichtig sein, sowohl metabolische als auch psychologische Risikofaktoren zu berücksichtigen, wenn neue Wege zur Behandlung dieser potenziell tödlichen Krankheit erforscht werden.

    Für viele von uns ist dies eine Bestätigung dessen, was wir schon seit Jahrzehnten vermutet haben. Viele der verwirrenden Verhaltensweisen, welche mit Anorexia nervosa in Verbindung gebracht werden, wurden entweder als psychologische Phänomene oder als Nebenprodukte des Hungerns abgetan. Wenn wir eine magersüchtige Person mit sehr niedrigem Körpergewicht beim Joggen beobachten, gehen wir davon aus, dass sie von dem Wunsch getrieben wird, Gewicht zu verlieren. Auch wenn dies auf psychologischer Ebene geschieht, wissen wir heute, dass es auch einen genetischen Ursprung haben kann, da einige der Gene, welche das Risiko für Magersucht beeinflussen, auch mit hoher körperlicher Aktivität verbunden sind.

    Wenn wir sehen, wie jemand nach der Entlassung aus dem Krankenhaus auf tragische Weise an Gewicht verliert, schreiben wir dies in der Regel dem Drang nach Schlankheit oder sogar der Verleugnung der Krankheit zu. Dies mag zwar zutreffen, aber wir übersehen dabei möglicherweise die metabolische Komponente der Krankheit. Möglicherweise ist ein gestörter Stoffwechsel der Grund dafür, dass Menschen mit Anorexia nervosa überhaupt so viel Gewicht verlieren können, während es für die Mehrheit der Menschen auf der Welt so schwierig ist, Gewicht zu verlieren.

    Wir haben spekuliert, dass sich Hungern und Gewichtsverlust für Menschen, die genetisch für Anorexia nervosa gefährdet sind, anders anfühlen. Während diese Erfahrungen für die meisten Menschen zutiefst unangenehm sind, geben viele Menschen mit Magersucht an, dass Hungern und geringes Gewicht mit weniger Ängsten verbunden sind und sie sich körperlich besser fühlen. Manche Patienten berichten sogar, dass sie sich schlechter fühlen, wenn sie an Gewicht zunehmen. Möglicherweise können wir durch ein besseres Verständnis der metabolischen Aspekte der Krankheit wirksamere Interventionen entwickeln, welche von Patienten besser akzeptiert werden und eine dauerhafte Wirkung haben.

    Wir kennen bisher die konkreten Stoffwechselfaktoren noch nicht, aber unsere Ergebnisse ermutigen, sich mit dieser Frage zu befassen. Unsere Ergebnisse könnten ebenfalls erklären, wie wichtig eine angemessene Ernährung bei der Behandlung von Anorexia nervosa ist. Bei der familienbasierten Behandlung (FBT) von Jugendlichen mit Anorexie liegt der Schwerpunkt stark auf der Ernährung. Die stationäre Ernährungsumstellung ist oft dann am wenigsten wirksam, wenn wir gezwungen sind, die Patienten zu entlassen (in der Regel, weil die Versicherung die weitere Kostenübernahme ablehnt), bevor sie ein gesundes Gewicht erreicht haben. Einer der Gründe hierfür ist möglicherweise, dass wir ihrem Stoffwechsel keine Gelegenheit geben, sich nach längerer Fehlregulation wieder zu erholen.

    Es wird oft gesagt, dass gute Wissenschaft mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet. Doch zumindest in diesem Fall sagen uns unsere Ergebnisse, welche Fragen wir als nächstes angehen sollten. Unsere Ergebnisse ermutigen uns nachdrücklich, unseren derzeitigen Schwerpunkt auf eine detailliertere Untersuchung der Stoffwechselfaktoren zu legen, in der Hoffnung, dass ein solcher Schwerpunkt die Erfolgsbilanz der Mediziner bei der Behandlung dieser tückischen Krankheit verbessern wird.

    ANGI ist ein wichtiger Anfang, aber es ist nur ein Anfang. Ob Sie es glauben oder nicht, unsere Stichprobengröße ist immer noch recht klein. Unsere Kollegen, die sich mit Depressionen befassen, haben bereits über 250 000 Teilnehmer, und die Genetiker, welche sich mit Größe und Gewicht befassen, haben über 750 000! Aber wir wissen jetzt, wie wir vorgehen müssen, und haben einen Plan für den Erfolg. Bleiben Sie dran für Teil 2 dieser Serie, in dem die Studie im Detail beschrieben wird, für Teil 3 dieser Serie für ein Interview mit Professor Patrick Sullivan über die nächsten Schritte und für Teil 4 für persönliche Überlegungen und darüber, was die ANGI-Ergebnisse für Patienten, Familien und Kliniker heute bedeuten.

    Vor allem möchten wir allen Menschen auf der ganzen Welt herzlich danken, die uns ihr Blut und ihre klinischen Daten zur Verfügung gestellt haben, um ANGI zu einem Erfolg zu machen. Wir haben gespürt, und wir hoffen, dass auch Sie das Gefühl haben, dass unser Bemühen um das Erreichen unserer wissenschaftlichen Ziele von einer Gemeinschaft getragen wird. Ohne Ihre Bereitschaft, mit uns zusammenzuarbeiten und Teil des ANGI-Teams zu werden, hätten wir dieses neue Verständnis von Anorexia nervosa niemals erreichen können. Vielen Dank, dass Sie uns auf dieser Entdeckungsreise begleitet haben.

    15.07.2019 Cynthia Bulik, PhD, FAED
    https://sph.unc.edu/adv_profile/cynthia-bulik
    https://uncexchanges.org/2019/07/15/anorexia-nervosa-genetics-initiative-angi-part-1-the-results
    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

  • FEAST (Families Empowered And Supporting Treatment for Eating Disorders)

    FEAST (Families Empowered And Supporting Treatment for Eating Disorders)

    Du findest FEAST im Internet unter: https://www.feast-ed.org

    Hier drei grundlegende Broschüren mit vielen wertvollen Informationen und Tipps, die ins Deutsche übersetzt wurden:

  • Internationales Eltern-Forum: Around The Dinner Table

    Internationales Eltern-Forum: Around The Dinner Table

    Das Forum wird von Ehrenamtlichen sehr professionell moderiert. Keine Hemmungen, wenn Dein Englisch nicht das Beste ist. Alle Forenteilnehmer und die Moderatoren werden versuchen einfache Sätze zu bilden und die Sprachbarriere für Dich so gering wie möglich zu halten!

    In der Regel erhälst Du schon innerhalb weniger Stunden erste Antworten. ATDT, wie das Forum kurz genannt wird, ist ein Schatz an Hintergrundinformationen, Erfahrungsberichten, gegenseitiger Unterstützung und Motivation.

    Es finden sich hunderte ganz konkrete Tipps zur richtigen Umsetzung von Maudsley- und FBT-Prinzipien im Alltag und am Esstisch. Viele Familien nennen diesen Austausch, der rund um die Uhr verfügbar ist, ihren „Lebensretter“. Du findest das Around The Dinner Table Forum hier: https://www.aroundthedinnertable.org

  • Die Rolle der Motivation bei der Behandlung von Magersucht

    Die Rolle der Motivation bei der Behandlung von Magersucht

    Da Anosognosie (die Unfähigkeit, eine Erkrankung der eigenen Person wahrzunehmen) ein Hauptsymptom von Anorexia nervosa (AN) ist, haben die meisten Patienten während ihrer Erkrankung wenig oder gar keine Einsicht oder Motivation.

    Wenn nun eine Person sich selbst nicht als krank wahrnimmt, wird sie auch nicht motiviert sein, wieder gesund zu werden. Wenn eine Person sich selbst als überlegen wahrnimmt, während sie unterernährt, abgemagert und hyperaktiv ist, wird sie wiederum einen hohen Antrieb haben, ihre AN aufrechtzuerhalten.

    Glücklicherweise ist Motivation nicht notwendig, um mit der Genesung von AN zu beginnen. Bei der Familienbasierten Behandlung (FBT) wird Motivation von den Patienten in Phase I (Refeeding und Gewichtswiederherstellung) weder erwartet noch verlangt. Solange die Eltern hoch motiviert sind, ihr Kind wieder gesund zu machen (was bei den meisten Eltern sicherlich der Fall ist), ist eine Motivation des Patienten nicht erforderlich.

    Es gibt zwei Arten von Motivation:

    Extrinsische Motivation ist der Antrieb, eine Tätigkeit auszuführen, um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen. Extrinsische Motivation kommt von außerhalb des Individuums. So ist ein Oberstufenschüler beispielsweise motiviert, zu lernen, um gute Noten zu erzielen und zum Studium zugelassen zu werden.

    Intrinsische Motivation ist ein innerer Antrieb, eine Tätigkeit aus persönlichen Gründen auszuführen, welche auf dem Interesse oder der Freude an der Aufgabe selbst beruht. Intrinsische Motivation besteht auch dann, wenn es keine äußere Belohnung gibt. Beispielsweise verbringt eine junge Künstlerin, die leidenschaftlich gerne malt, viele Stunden im Atelier und vertieft sich in ihre Kunst.

    In der Erziehung wird oft schon früh auf extrinsische Motivation gesetzt, um die intrinsische Motivation zu entwickeln. Ein Kleinkind wird motiviert, auf die Toilette zu gehen, indem es zur Belohnung einen Sternaufkleber auf seiner Karte bekommt; ein Vorschulkind wird motiviert, die Regeln der Eltern zu befolgen, um eine Bestrafung zu vermeiden; ein Teenager wird motiviert, zur verabredeten Zeit zu Hause zu sein, um keinen Hausarrest zu bekommen.

    Das oberste Ziel der Erziehung ist natürlich, dass die Kinder zu unabhängigen Erwachsenen heranwachsen, die nicht mehr auf extrinsische Motivation angewiesen sind, um in der Gesellschaft zu bestehen. Schließlich fühlt sich das Kind intrinsisch motiviert, die Toilette zu benutzen, weil es unangenehm ist, in einer schmutzigen Unterhose zu sitzen; es ist freundlich zu seinen Freunden und Geschwistern, weil es moralisch richtig ist und es gute Beziehungen zu ihnen pflegen will; es kommt zu einer angemessenen Zeit nach Hause, damit es gut schlafen kann und am nächsten Tag fit ist.

    In ähnlicher Weise besteht ein langfristiges Ziel der Behandlung von Anorexia nervosa darin, dass die Patientin oder der Patient intrinsisch motiviert ist, gesund zu bleiben und sich zu erholen. Doch während wir darauf warten, dass sich eine intrinsische Motivation entwickelt, ist es völlig in Ordnung und in vielen Fällen sogar absolut notwendig, externe Motivationen zu schaffen, um die Person auf dem Weg zur Genesung vorwärts zu bringen.

    Patienten mit Anorexia nervosa haben in der akuten Krankheitsphase oft keine oder nur eine geringe intrinsische Motivation zur Genesung. Vielmehr sind die meisten Patienten getrieben, ihr Essverhalten fortzusetzen, weil sie durch starke biologische, psychologische und soziale Kräfte dazu gezwungen werden. Aus diesem Grund ist es oft unabdingbar, extrinsische Motivationen zu nutzen, um die Patienten dazu zu bringen, genesungsorientiertes Verhalten an den Tag zu legen, z.B. Mahlzeiten zu essen, Gewicht zuzunehmen, sich nicht zu übergeben und die Termine mit dem Behandlungsteam wahrzunehmen.

    AN-Patienten sind oft gehorsame, regelkonforme Menschen, die es allen recht machen wollen. Wir können diese Eigenschaften positiv nutzen, um die Genesung zu fördern. Häufig berichten Patienten, dass sie essen und zunehmen, um ihre Eltern glücklich zu machen oder um ihren Ärzten zu gefallen. Noch häufiger kommt es vor, dass Patienten sich an die Ernährungsumstellung halten und ihr Idealgewicht beibehalten, um einen Krankenhausaufenthalt zu vermeiden oder den Sport, den sie lieben, weiter betreiben zu können.

    Eltern haben oft Sorgen, dass ihr Kind, wenn es sich selbst überlassen bliebe, sicher zu wenig essen, zu viel Sport treiben, wieder mit dem Erbrechen beginnen und ein weiteres Mal einen Rückschlag erleiden würde. Diese Sorge ist durchaus berechtigt. Genau deshalb brauchen die Patienten lange Zeit nach der Diagnose sehr viel Unterstützung und Überwachung. Im Übrigen besteht dieser Bedarf nach einem hohen Maß an Unterstützung und Überwachung noch viel, viel, viel länger, als es die meisten Behandlungsprogramme vorsehen oder die meisten Versicherungen bezahlen. Einer der Gründe, warum die Patienten so lange viel Unterstützung benötigen, ist, dass eine intrinsische Motivation für die meisten Patienten weder realistisch noch möglich ist, bis sie in der Genesung weiter fortgeschritten sind.

    Während akut erkrankten Patienten oft die Motivation zur Genesung fehlt, sind viele Patienten, die ihr Gewicht wiederhergestellt haben und in ihrer psychologischen Genesung weiter fortgeschritten sind, sehr motiviert, gesund zu bleiben. Meiner Meinung nach gibt es mehrere Gründe für diesen Motivationswandel:

    1. Die Fähigkeit, klarer zu denken, dank eines gut ernährten Gehirns und Körpers.
    2. Reife. Die Patienten werden mit fortschreitender Genesung älter und reifer, und dank eines besser entwickelten präfrontalen Kortex‘ können sie vorausschauend denken, Pläne machen und ihre Absichten durchsetzen.
    3. Perspektive. Patienten in den späteren Phasen der Genesung sind oft durch die Hölle und zurück gegangen. Sie haben sich ihr Leben zurückerobert. Obwohl sie sich vielleicht nicht mehr an die akute Phase ihrer Krankheit erinnern können, wissen sie, dass diese schrecklich war und sie haben nicht die Absicht, dorthin zurückzukehren.
    4. Elterliche Intervention. Eltern, die ihre Kinder bei der Genesung von AN unterstützt haben, sind in der Regel äußerst motiviert, ihnen zu helfen, gesund zu bleiben. Vielleicht noch wichtiger ist, dass die Eltern sich befähigt fühlen, die in der Behandlung erlernten Hilfsmittel und Strategien einzusetzen, um ein Umfeld aufrechtzuerhalten, das der Genesung förderlich ist, und jedem Verhalten, das die Genesung gefährdet, ohne zu zögern Grenzen zu setzen.

    Motivation scheint die natürliche Folge von wiederhergestellter Gesundheit und verbesserter Einsicht zu sein. Sobald ein Jugendlicher oder junger Erwachsener nicht mehr durch die AN belastet ist, beginnt er zu erkennen, wie krank er einst war und wie sehr die AN sein Leben ruiniert hat. Mit der Rückkehr in die Schule, zum Sport, zu Hobbys und zu einem aktiven sozialen Leben beginnt er, sich ein lebenswertes Leben aufzubauen. Dieses neue Leben motiviert ihn, den Genesungsprozess aufrechtzuerhalten. Es hält ihn gleichzeitig davon ab, Verhaltensweisen an den Tag zu legen, die zu einem Rückfall führen könnten.

    Ich habe festgestellt, dass ältere Jugendliche und junge Erwachsene oft motiviert sind, gesund zu bleiben, um ihre Ziele zu erreichen. Sie wollen zum Beispiel Abitur machen, sie wollen im Ausland studieren, sie wollen heiraten und Kinder haben, sie wollen die Welt bereisen, sie wollen ein reiches und sinnvolles Leben führen, welches nicht von aufdringlichen Gedanken über Kohlenhydrate, Kalorien oder den Umfang ihrer Oberschenkel beherrscht wird.

    Wie kann man nun die Motivation von Menschen, die sich von AN erholen, steigern? Nun, intrinsische Motivation muss per Definition von innen heraus wachsen und gedeihen. Sie kann nicht von außen aufgezwungen werden. Es gibt jedoch einige Dinge, die Familienmitglieder und Ärzte tun können, um die Entwicklung einer intrinsischen Motivation zu fördern:

    Der Person helfen, ein erfülltes, reiches und sinnvolles Leben aufzubauen. Erinnern Sie die Person regelmäßig (nicht aufdringlich oder häufig) daran, dass ihr neues Leben ohne kontinuierliche Genesung nicht möglich wäre. Heben Sie die persönlichen Eigenschaften hervor, die der Person geholfen haben, ihre Genesung zu erreichen und aufrechtzuerhalten (z. B. „Du bist ein so starker, mutiger und engagierter Mensch, dass Du es geschafft hast, diese Krankheit zu überwinden“)

    Helfen Sie der Person, ihre Grundwerte zu erkennen und unterstützen Sie sie dabei, ein Leben zu führen, das mit diesen Werten übereinstimmt. Was ist das Wichtigste im Leben? Wie möchte er von seinen Angehörigen nach seinem Tod in Erinnerung behalten werden? Sofern die Person nicht akut an AN erkrankt ist, wird sie wahrscheinlich nicht sagen, dass es zu ihren Grundwerten gehört, schlank zu sein, übermäßig viel Sport zu treiben oder Zucker und Mehl zu vermeiden.

    Die Konzentration auf die Grundwerte und das Streben nach einem sinnvollen Leben sind starke Motivatoren und wirksame Gegenmittel gegen die anorektischen Gedanken, die Zeit zu Zeit auftauchen werden.

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
    https://blog.drsarahravin.com/­eating-disorders/­after-weight-restoration-­the-role-of-motivation

  • Gramm für Gramm zurück ins Leben (Harriet Brown)

    Gramm für Gramm zurück ins Leben (Harriet Brown)