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  • Phase II erfolgreich bewältigen

    Phase II erfolgreich bewältigen

    In Phase II geben die Eltern die Kontrolle über die Nahrungsaufnahme an ihr Kind zurück, wenn es wieder gesund genug und bereit zu sein scheint, selbständig zu essen. Phase III beinhaltet die Unterstützung des Heranwachsenden bei der Rückkehr zur normalen Entwicklung und beim Aufbau einer gesunden Identität.

    Die Wiederherstellung des Gewichts ist ein wesentlicher erster Schritt zur Überwindung von AN, aber es ist nur der erste Schritt. Genauso wichtig ist die Fähigkeit, sich richtig zu ernähren und ein gesundes Gewicht selbständig zu halten. Ohne die Fähigkeit, sich selbständig zu ernähren, sind die Möglichkeiten eingeschränkt und die Lebensqualität wird stark gemindert. Bei der Genesung von einer Essstörung geht es um mehr als nur die Wiederherstellung eines gesunden Körpers – es geht auch um die Wiederherstellung eines gesunden Geistes und eines erfüllten Lebens.

    Phase I ist meist die turbulenteste und anstrengendste Phase für die Familie und die quälendste für die Patientin, aber die Aufgabe, die es zu bewältigen gilt, ist sehr klar und eindeutig: mehr essen und Gewicht zulegen.

    Phase II hingegen ist viel unklarer. Eltern und Ärzte tun sich schwer damit, festzustellen, wann eine Patientin bereit ist, Phase II zu beginnen. Die Patientin selbst kann gemischte Signale aussenden – sie kann um die Freiheit betteln, in der Schulcafeteria zu mit ihren Freunden zu Mittag zu essen, ist aber eindeutig nicht in der Lage, auch nur einen einzigen Bissen Nahrung zu sich zu nehmen, der nicht „vorgeschrieben“ und „beaufsichtigt“ ist. Für Außenstehende scheint die Patientin normal zu sein – sie sieht gesund aus, sie verhält sich mehr oder weniger wie ein typischer Teenager (zumindest zwischen den Mahlzeiten), aber der Schein trügt: es gibt einen unverändert wütenden Kampf, der sich in ihrem Kopf abspielt. Immer noch von den magersüchtigen Gedanken und Zwängen gequält, fühlt sie sich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, in die Sicherheit des Hungerns zurückzukehren und dem Wunsch, sich kopfüber in das normale Leben zu stürzen, das sie vermisst hat.

    Zur Orientierung, wann dein Kind bereit ist, in Phase II einzutreten, empfehle ich folgende Richtwerte

    • Die Patientin hat ihr Gewicht seit mindestens mehreren Wochen wieder vollständig auf die historische Wachstumskurve gebracht (in Übereinstimmung mit vorhandenen ärztlichen Aufzeichnungen von Perzentilenwerten). Während das FBT-Handbuch (Locke & Le Grange, 2001) empfiehlt, Phase II zu beginnen, wenn der Patient 90 % seines idealen Körpergewichts erreicht hat, habe ich in der Praxis festgestellt, dass die große Mehrheit der Patienten nicht bereit ist, ihre Nahrungsaufnahme zu kontrollieren, bevor sie 100 % ihres idealen Körpergewichts erreicht haben. Meiner Erfahrung nach müssen viele Patienten ihr ideales Körpergewicht sogar einige Monate lang halten, bevor sie bereit sind, in Phase II einzutreten.
    • Der Stoffwechsel der Patientin hat sich soweit normalisiert, dass sie keine sehr hochkalorische Ernährung mehr benötigt. Es ist schon schwer genug für die Patientin, sich normal zu ernähren – machen Sie es ihr nicht noch schwerer, indem Sie von ihr erwarten, dass sie sehr kalorienreiche Mahlzeiten verzehrt.
    • Die Patientin zeigt keine essgestörten zwanghaften Verhaltensweisen mehr, wie z. B. Nahrungsrestriktion, Fressattacken mit/ohne Erbrechen, exzessives Sporttraining oder sonstige Versuche, Nahrung durch sich Übergeben, Abführmittel oder Verstecken wieder loszuwerden.
    • Die Patientin isst die gesamte Nahrung, die ihr die Eltern zur Verfügung stellen, in einer angemessenen Zeitspanne und ohne große Angst oder Widerstand. HINWEIS: Die Patientin wird zu diesem Zeitpunkt immer noch eine gewisse Angst vor dem Essen haben – das ist zu erwarten. Der Punkt ist, dass die Patientin in der Lage sein muss, diese Angst zu überwinden und zu essen, was sie braucht, ohne zu kämpfen.
    • Die Familie befindet sich nicht mehr im „Krisenmodus“. Die Eltern fühlen sich zuversichtlich, dass sie ihrem Kind helfen können, die Essstörung zu besiegen, und das Kind hat akzeptiert, dass seine Eltern die Verantwortung übernommen haben.
    • Die Patientin drückt ihre Bereitschaft aus, eine gewisse Kontrolle über ihr Essen zu übernehmen und vertraut darauf, dass sie sich angemessen ernähren kann. HINWEIS: Viele Patienten äußern den Wunsch, die Kontrolle über ihr Essen wiederzuerlangen, lange bevor sie tatsächlich dazu bereit sind. Dieser verfrühte Drang nach Unabhängigkeit kann teilweise durch einen normalen jugendlichen Freiheitsdrang motiviert sein, er kann aber auch motiviert sein durch den Wunsch der Essstörung, sich wieder einzuschränken und Gewicht zu verlieren. Daher ist es ein Fehler, die geäußerte Bereitschaft des Kindes als einziges Kriterium für den Eintritt in Phase II zu verwenden. Vielmehr solltest Du die geäußerte Bereitschaft des Kindes zusätzlich zu den vorherigen Kriterien betrachten.

    Im Folgenden stelle ich eine Reihe allgemeiner Prinzipien vor, die betroffenen Familien dabei helfen können, durch die unruhigen Gewässer der Phase II zu navigieren:

    Habe eine Vision

    Ich beginne Phase II gerne mit einer Vision, wie das Leben der Patientin am Ende von Phase II aussehen wird. Am Ende von Phase II muss die Patientin in der Lage sein, selbständig zu essen und dabei ihr Gewicht zu halten, und zwar auf altersgerechte Weise, im Rahmen ihrer Familie und ihres normalen Lebens.

    Alle Patienten, unabhängig von ihrem Alter, werden in Phase II auf die gleiche Art und Weise essen – mit den Eltern als Kontrolle darüber, was, wann und wie viel sie essen. Das Endziel der Phase II ist jedoch für einen 10-Jährigen anders als für einen 16-Jährigen oder einen 22-Jährigen. Ein guter Anhaltspunkt bei der Erstellung deiner Vision für Phase II ist es, das Ausmaß an Autonomie zu berücksichtigen, welche die Freunde des Patienten in Bezug auf ihr Essen haben.

    Zum Beispiel sollte eine Patientin im Grundschulalter am Ende von Phase II in der Lage sein, mit ihren Freunden in der Schulcafeteria zu Mittag zu essen, von einer Restaurantkarte zu bestellen, ihren eigenen Snack nach der Schule auszuwählen und ihn ohne Aufsicht zu essen. Sie sollte in der Lage sein, ein paar Mahlzeiten und Snacks bei Freunden einzunehmen, wenn sie bei ihnen übernachtet, oder den Tag ohne ihre Eltern auf einem Ausflug zu verbringen. Sie sollte immer noch weitestgehend jeden Tag zusammen mit ihrer Familie die Mahlzeiten einnehmen und das essen, was die Familie isst.

    Am Ende von Phase II sollte eine Patientin im Schulalter in der Lage sein, sich bei Bedarf ein einfaches Frühstück und Mittagessen zuzubereiten, sich beim Abendessen selbst angemessene Portionen zu servieren, gelegentlich eine Mahlzeit in Abwesenheit der Eltern einzunehmen (z. B. allein zu Abend zu essen, wenn die Eltern abends nicht da sind) und mit Freunden essen zu gehen. Regelmäßige Familienmahlzeiten sind für Teenager nach wie vor wichtig, damit die Eltern das Essverhalten ihres Kindes im Auge behalten können, auch wenn das Kind viele seiner Mahlzeiten und Snacks alleine zu sich nimmt.

    Ein junger erwachsener Patient, der sich auf ein unabhängiges Leben vorbereitet, sollte in der Lage sein, seinen Speiseplan zu planen, Lebensmittel einzukaufen, für sich selbst zu kochen und ohne elterliche Aufsicht zu essen.

    Mache kleine Schritte, gehe sehr langsam vor und akzeptiere, dass diese Phase lange dauern wird

    Meiner Erfahrung nach dauert Phase II in der Regel zwischen 3 und 12 Monaten, durchaus auch länger, abhängig von der Schwere der Erkrankung und anderen individuellen Unterschieden.

    Akzeptiere die Tatsache, dass Phase II ein inhärentes (= der Behandlung innewohnendes) Risiko darstellt

    Wie bei vielen Dingen im Leben, ist es mit einem gewissen Risiko verbunden einer genesenden Anorexiekranken mehr Kontrolle über ihre Nahrungsaufnahme zu geben. Es ist wahrscheinlich, dass die Patientin während der Phase II Kämpfe und Rückschläge erleben wird. Versuche, aus diesen Ausrutschern zu lernen und zu wachsen, und helfe deinem Kind, das Gleiche zu tun.

    Denke daran, dass du das Risiko bis zu einem gewissen Grad in den Griff bekommen kannst, indem du sicherstellst, dass die Patientin vor Beginn der Phase II wirklich bereit dafür ist, und indem du sie während dieser Phase genau beobachtest und sie bei Bedarf unterstützt. Ich vergleiche diesen Prozess damit, einem Baby beim Laufenlernen zu helfen. Man wartet, bis es sicher krabbeln kann. Natürlich wird es gelegentlich stolpern und hinfallen, aber es wird jedes Mal, wenn es sich wieder hochzieht, stärker werden. Und du kannst ihm eine weiche, mit Teppich ausgelegte Oberfläche zur Verfügung stellen, auf der es seine Schritte üben kann.


    Lasse die Patientin die Auswahl und Zubereitung ihrer Nahrung unter Aufsicht üben, bevor sie unbeaufsichtigt essen darf

    In der Regel beginne ich Phase II damit, dass ich die Patientin jeden Tag einen Snack unter Aufsicht der Eltern auswählen und zubereiten lasse. Die Eltern beobachten die Essensauswahl des Kindes und leiten es bei Bedarf sanft in die richtige Richtung.

    Nehmen wir zum Beispiel an, das Kind wählt Cracker mit Erdnussbutter und nimmt 4 Cracker mit einer dünnen Schicht Erdnussbutter. Du als Elternteil könntest dann sagen: „Das ist eine gute, ausgewogene Wahl, aber von der Menge her zu noch wenig. Bitte nimm noch zusätzlich 6 Cracker mit mehr Erdnussbutter dazu.“
    Normalerweise verlange ich von einer Patientin, dass sie mindestens eine Woche lang erfolgreich eine Mahlzeit/einen Snack unter Aufsicht zubereitet hat, bevor sie zur nächsten Mahlzeit/zum nächsten Snack übergeht.


    Sei systematisch

    In der Regel leite ich die Patienten an, Phase II zu durchlaufen, indem ich ihnen sukzessive die Kontrolle über eine Mahlzeit nach der anderen zurückgebe. Das heißt, eine Patientin darf erst die nächste Mahlzeit auf der Liste in Angriff nehmen, wenn sie die aktuelle Mahlzeit bzw. den Snack erfolgreich beherrscht.

    Zum Beispiel kann das Kind Phase II damit beginnen, dass es die Kontrolle über seinen Snack während der Schule übernimmt, während die Eltern die Kontrolle über alle anderen Mahlzeiten und Snacks behalten.

    Beurteile den Fortschritt regelmäßig

    Die Patientin sollte in dieser Phase wöchentlich gewogen werden, und die Familienmitglieder sollten ihren mentalen Zustand und ihr Verhalten täglich beobachten. Wenn sie ihr Gewicht im gesunden Bereich hält und ihre Stimmung und ihr Verhalten in Bezug auf das Essen gut sind, dann ist es an der Zeit, zu mehr Unabhängigkeit überzugehen.

    Wenn ihr Gewicht sinkt oder wenn sie eine Zunahme von essgestörtem Verhalten zeigt (auch ohne Gewichtsverlust), dann ist es an der Zeit, dass die Eltern wieder mehr Kontrolle über ihre Nahrungsaufnahme übernehmen.


    Übernimm wieder die Kontrolle, wenn es nötig sein sollte

    Fast jede Patientin hat in dieser Phase ein paar Rückschläge. Es liegt in der Verantwortung der Eltern, unter Anleitung des Arztes wieder mehr Kontrolle über das Essen der Patientin zu übernehmen, wenn sie nicht in der Lage war, das Essen selbst zu kontrollieren.

    Der Schritt zurück ist eine vorübergehende Maßnahme, um ihr zu helfen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen, und ihr wird die Verantwortung wieder übertragen, wenn sie die Bereitschaft dazu zeigt.


    Manche Patienten brauchen einen sanften Schubs, um vorwärts zu kommen

    Während viele Patienten bereitwillig und zügig die Kontrolle über ihre Nahrungsaufnahme zurückerlangen, bleiben einige übermäßig abhängig von ihren Eltern und haben große Schwierigkeiten, in Phase II vorwärts zu kommen. Dies Sinn, angesichts der Natur der einer Anorexie – von den Eltern gefüttert zu werden ist ein passiver Prozess, der keine Übernahme von Eigenverantwortung beinhaltet.

    Die „Essstörungs-Stimme“ verstummt nach einigen Monaten der des Refeedings, und die Patientin ist in der Lage, ohne allzu große Schuldgefühle gut zu essen, wenn sie „gezwungen“ wird. Das Zubereiten eigenen Essens, die Entscheidung, was man von einer Restaurant-Karte bestellt, oder die Entscheidung, ob man einen Snack zu sich nimmt, wenn niemand zuschaut – all das sind Akte des Widerstands gegen die „Essstörungs-Stimme“. Die Patienten werden mit Angst, Unentschlossenheit und Schuldgefühlen überflutet, wenn die Zeit kommt, diese Entscheidungen zu treffen. Es ist ein beängstigender Schritt für Eltern und Patienten gleichermaßen. Manche Patienten brauchen viel Ermutigung, um in ihrem Essen unabhängiger zu werden. Ich finde es oft hilfreich, den Patienten an die Vorteile zu erinnern, die es mit sich bringt, selbstständig essen zu können, wie z. B. mehr Zeit mit Freunden zu verbringen und andere Aktivitäten außerhalb des Hauses zu unternehmen. Einige jüngere Patienten sprechen gut auf konkrete, kurzfristige Belohnungen für das selbstständige Essen an. Zum Beispiel kann ein Sechstklässler, der eine Woche lang erfolgreich jeden Tag seinen Nachmittagssnack einnimmt, ohne Gewicht zu verlieren, mit einem Kinobesuch belohnt werden.


    Sei realistisch

    Viele Eltern beklagen sich darüber, dass ihr genesendes Kind nicht mehr aus einer Laune heraus Eis essen geht oder in die Küche stürmt, um sich ein paar Kekse zu holen, oder sich großzügig Nachschlag von seinen Lieblingsspeisen nimmt.

    Ich rate Eltern, dass es unrealistisch ist, von einer genesenden Anorexiekranken zu früh zu erwarten, dass sie frei oder spontan isst. Viele Menschen, die sich von AN erholt haben, sind irgendwann in der Lage, wieder intuitiv zu essen, aber erst, wenn es ihnen mindestens schon ein oder zwei Jahre lang gut geht.


    Zwinge Phase II nicht in einen äußeren Zeitrahmen

    Überstürze in dieser Phase nichts, nur damit die Patientin mit ihren Freunden zu Mittag essen kann, wenn das Schuljahr oder Semester beginnt. Der einzige Zeitrahmen, der zählt, ist das Genesungstempo der Patientin, ob er ihr (oder dir) gelegen kommen mag oder nicht.

    Die Genesung eines jeden Menschen schreitet in einem individuellen Tempo voran.


    Denke daran, dass das, was auch immer passiert, nur ein Feedback ist, kein Versagen

    Denke daran, dass die Patientin anfangs wahrscheinlich ziemlich zu kämpfen haben wird. Nach einer Anorexie-Erkrankung wieder zu lernen, wie man sich richtig ernährt, ist eine sehr schwierige Aufgabe. Wenn eine Patientin nicht in der Lage ist, eine Mahlzeit oder einen Snack zu sich zu nehmen, sagt das nichts über ihren Charakter oder ihre Bemühungen oder ihre Prognose für die Genesung aus.

    Es bedeutet einfach, dass sie für diesen Schritt noch nicht bereit ist. Erwarte, dass die Patientin Fehler macht, und hilf ihr, diese zu korrigieren, ohne sie zu tadeln oder zu verurteilen. Denke daran, dass sie das Beste tut, was ihr möglich ist.


    Behalte die Dinge im Blick

    So herausfordernd Phase II auch sein kann, verliere nicht aus den Augen, wie weit dein Kind gekommen ist. Es isst gut, hat ein gesundes Gewicht, ist medizinisch stabil und befindet sich in effektiver Behandlung.

    Ob dein Kind die Phase II schnell durchläuft oder ob es dafür über ein Jahr brauchen wird, spielt langfristig keine große Rolle. Denn es isst ausreichend, es ist körperlich gesund und befindet sich in deiner sicheren Obhut, und wird somit unabhängig von der Dauer der einzelnen Phasen zu guter Letzt wieder vollständig genesen.

    25.07.2012 Dr. Sarah Ravin
    https://blog.drsarahravin.com/eating-disorders/navigating-phase-ii

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

  • Der Übergang in die Selbständigkeit (in Zeiten von Corona)

    Der Übergang in die Selbständigkeit (in Zeiten von Corona)

    Der Zugang zur Behandlung ist schwieriger geworden. Social Distancing führt in den Behandlungszentren zu weniger Kapazitäten, und es bilden sich immer längere Wartelisten.

    Gleichzeitig hat die Pandemie ideale Bedingungen für Familien geschaffen, um eine familienbasierte Behandlung (FBT) für ihre Teenager mit Essstörungen zu beginnen. Da die Schulen für einen Großteil des Jahres geschlossen waren und die meisten Erwachsenen von zu Hause aus arbeiteten, war es noch nie bequemer, die Mahlzeiten ihrer Kinder mit Essstörung zu verwalten und zu beaufsichtigen. Vorbei sind die Zeiten, in denen Eltern zur Schule fuhren, um mit ihren Kindern im Auto zu essen.

    Allerdings gibt es einen Haken. Wie Katie Grubiak, RDN, mir im Frühjahr 2020 erklärte: „Die Pandemie war großartig für Phase 1 von FBT, aber nicht wirklich gut für Phase 2.“

    FBT ist eine strukturierte Behandlung, die von den Eltern zu Hause durchgeführt wird. In Phase 1 übernehmen die Eltern die volle Verantwortung für alle Essensentscheidungen und beaufsichtigen jede Mahlzeit sowie die Aktivitäten zwischen den Mahlzeiten – falls erforderlich -, um Over-exercising und Erbrechen zu verhindern. In Phase 2 wird die Kontrolle schrittweise und bewusst an die jungen Menschen zurückgegeben.

    Genau die Bedingungen, die Phase 1 von FBT während einer Pandemie so einfach zu handhaben gemacht haben, haben den Übergang zu Phase 2 fast unmöglich gemacht. Da sich alle gemeinsam zu Hause aufhalten, fühlt sich die Schaffung von Möglichkeiten, Kindern mehr Unabhängigkeit zu gewähren, sehr konstruiert an – ist es zum Beispiel ein normales Verhalten, seine Kind nach draußen zu schicken, um mit seinen Geschwistern zu Mittag zu essen, während man selbst drinnen isst?

    Darüber mache ich mir schon seit Monaten Sorgen. Eines der Dinge, die ich an FBT am meisten schätze, ist die Art und Weise, wie Kontrolle durch eine Reihe von geplanten Experimenten schrittweise an die jungen Menschen zurückgegeben wird. Die Familien, mit denen ich arbeite, entscheiden, wie sie zunehmend herausfordernde Situationen gestalten, um dem Kind eine immer größere Unabhängigkeit beim Essen zu ermöglichen. Die ersten Schritte sind klein: Vielleicht darf es sich seinen eigenen Snack aussuchen, seinen eigenen Teller mit elterlicher Korrektur portionieren oder eine Mahlzeit bei seinem Freund einnehmen (wobei die Eltern des Freundes später bestätigen, dass die Mahlzeit gegessen wurde). Spätere Schritte sind bedeutsamer: Dein Kind könnte in der Schule mit Gleichaltrigen zu Mittag essen, oder mit einem Freund einen Snack kaufen gehen, oder bei einem Freund übernachten und dort Abendessen und Frühstück essen.

    Dieses allmähliche Fortschreiten gibt uns die Möglichkeit zur Beobachtung und Selbstkorrektur. Wir können sogar die Kontrolle zurücknehmen, wenn der Schritt nicht reibungslos verläuft: Wenn dein Kind zum Beispiel Schwierigkeiten hat, bei seinem Freund zu essen, können wir mehr Sicherheitsvorkehrungen treffen, bevor wir diesen Schritt in ein paar Wochen erneut versuchen. Ich empfehle in der Regel, jeweils nur eine unabhängige Mahlzeit hinzuzufügen und zu sehen, wie es läuft. Wir können versuchen, das Mittagessen mit Freunden in der Schule zunächst nur an einem Tag pro Woche einzuführen, und das Kind beobachten und wiegen, bevor wir weitere Tage hinzufügen. Ich empfehle in der Regel eine einzige Übernachtung bei einem Freund, bevor ein längerer Aufenthalt ansteht. Und so weiter.

    Während der Pandemie waren jedoch die natürlichen Gelegenheiten für Eltern, am Aufbau der Selbständigkeit zu arbeiten, nicht vorhanden. Die meiste Zeit des letzten Jahres sind die Kinder nicht zur Schule gegangen, die meisten Restaurants waren geschlossen, und niemand war in der Lage, Freunde für eine längere Zeit zu besuchen. Sowohl für die Familien, die FBT abgeschlossen haben, aber aufgrund der Pandemie nicht alle Aspekte der Phase 2 formell durcharbeiten konnten, als auch für die Familien, die noch in Behandlung sind und versucht sind, die Dinge zu überstürzen, wenn jetzt durch Lockerungen der Auflagen in der Öffentlichkeit wieder mehr Möglichkeiten entstehen, gibt es eine Reihe von Dingen zu beachten.

    Erstens: Da die Beschränkungen durch die Pandemie gelockert werden, möchte ich dich ermutigen, die Aufsicht noch ein wenig länger aufrechtzuerhalten. Ich verstehe vollkommen, dass du erleichtert sein wirst, dein Kind aus dem Haus und zurück in der Schule zu haben, und du wirst so sehr darauf brennen, mit der Pandemie und der Essstörung abschließen zu können – wer würde das nicht? Allerdings wird sich anhaltende Wachsamkeit auf lange Sicht auszahlen. Gehe nicht davon aus, dass ein Kind mit einer Essstörung in der Lage sein wird, einen reibungslosen Übergang von der Einnahme aller Mahlzeiten unter den wachsamen Augen der Eltern zu Hause zur plötzlichen Einnahme des Mittagessens und anderer Mahlzeiten auf eigene Faust zu schaffen. Wenn es so einfach wäre, wären Behandlungen wie FBT nie entwickelt worden.

    Die üblichen Kriterien, die zu berücksichtigen sind, bevor man damit beginnt, dem jungen Menschen die Kontrolle zurückzugeben, sind, dass das Gewicht größtenteils wiederhergestellt ist, die Mahlzeiten reibungslos ablaufen, Erbrechen und Sport unter Kontrolle sind und die Eltern sich sicher genug fühlen, um wieder einzugreifen, wenn es mit den neuen Maßnahmen doch noch nicht wirklich funktioniert. Dies sollten die Mindestvoraussetzungen dafür sein, dass dein Kind in der Schule zu Mittag essen darf.

    Wenn die oben genannten Kriterien erfüllt sind, schlage ich vor, einen Schritt weiter zu gehen und mit deinem Kind darüber zu sprechen, wie es sich mit dem Mittagessen in der Schule fühlt und ob es sich bereit fühlt, allein zu essen. Frage, mit wem es zusammensitzen wird, ob seine Freunde zu Mittag essen (du kannst nicht davon ausgehen, dass sie das tun) und ob es genug Zeit hat, die für sein Mittagessen benötigten Lebensmittel zu essen.

    Ich empfehle in der Regel, mit einem zu Hause vorbereiteten Mittagessen zu beginnen, auch wenn es ein späteres Ziel ist, in der Schule ein Mittagessen kaufen zu können. Sprich mit deinem Kind darüber, wie ein „einfaches“ Mittagessen aussehen könnte. Vereinbare, dass es ein einziges Mittagessen alleine zu sich nehmen kann und sieh dann, wie es läuft, bevor du die Aufsicht über alle Mittagessen abgibst. Wiege dein Kind weiterhin wöchentlich, um sicherzustellen, dass das Gewicht gehalten wird. Sprecht miteinander und sieh, wie jeder Schritt läuft, bevor du den nächsten Schritt gehst.

    Wenn es weitere Lockerungen gibt, kannst du weitere Situationen identifizieren, in denen dein Kind das Essen mit allmählich abnehmender Aufsicht durch dich üben kann. Einige andere Situationen, in denen du planen kannst, deinem Kind zu erlauben, Unabhängigkeit zu üben:

    • Ein Imbiss bei einem Freund
    • Ein Besuch mit einem Freund in einem Café, um einen Snack zu bestellen, den sie gemeinsam essen
    • Ein Besuch mit einem Freund in einem Restaurant für eine Mahlzeit

    In dem Maße, wie du deinem Kind mehr Freiheiten gibst, wird es einer größeren Anzahl von Situationen ausgesetzt sein, in denen es die für die Genesung relevanten Fähigkeiten noch nicht geübt hat. Du kannst dabei helfen, indem du diese Situationen vorwegnimmst und mit deinem Kind simulierst, bevor dein Kind diese Situationen alleine oder mit Gleichaltrigen erlebt.

    Mein wichtigster Rat ist, es nicht zu überstürzen. Während du deinem Kind mehr Selbstständigkeit zugestehst, solltest du es weiterhin beobachten und beobachten. Auch wenn du vielleicht versucht bist, schnell loszulassen, vor allem, wenn deine Familie die Rückkehr zur Normalität herbeisehnt, möchte ich dich ermutigen, einen Schritt nach dem anderen zu tun.

    2021 Lauren Muhlheim, Psy.D., FAED, CEDS-S
    https://www.feast-ed.org­/transitioning-to-shy;independence-shy;pandemic-shy;style
    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und durch FEAST. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

  • Mit AN sprechen

    Mit AN sprechen

    Wir lehren die Eltern, die Krankheit zu „externalisieren“, das heißt, ihr Kind von der Krankheit zu trennen, um den Eltern zu helfen, zu verstehen, dass ihr Kind sich diesen Zustand nicht ausgesucht hat. Die an Anorexia nervosa (AN) leidende Person ist nicht mehr daran schuld als ihre Eltern oder als eine Person, die Diabetes hat.

    Wenn ihr Kind Sie anschreit, weil es sich dick fühlt, seine Geschwister beim Essen zum Weinen bringt und ihnen die Tür vor der Nase zuschlägt, wenn es essen soll, ist es fast unmöglich, das Kind von der Krankheit zu trennen. In dem Moment scheint es naheliegend zu sein, sich zu fragen: „Warum tut sie sich das an? Versteht sie nicht, wie sehr das ihrer Gesundheit schadet? Kann nicht jemand, den sie respektiert, ihr einfach sagen, wie ungesund das ist und sie dazu bringen, damit aufzuhören?“

    Nun, zunächst mal: ihr Kind „macht“ das nicht, es geschieht mit ihm. Da das durch AN am meisten zerstörte Organ das Gehirn ist, bewirken diese Schädigungen beim Kind krasse, für die Eltern unerklärliche Verhaltensänderungen. Normalerweise gewissenhafte, liebevolle und intelligente Kinder können sich auf eine Art und Weise verhalten, die ihrer Persönlichkeit und Erziehung völlig fremd zu sein scheint. Es ist nicht anders als bei einigen Formen der Demenz, wo ein ehemals bewunderter und liebevoller Großelternteil misstrauisch, verletzend und enthemmt wird. Im Gegensatz zu den meisten Formen der Demenz, die einfach nur ertragen werden müssen, kann die AN der Kindheit glücklicherweise behandelt werden. Mit Erfolg.

    Indem wir die Krankheit externalisieren, über sie sprechen, als hätte sie ein Eigenleben abseits unseres Kindes, ihr einen Spitznamen geben, der uns daran erinnert, dass sie unser Kind bewohnt, aber nicht unser Kind ist, können wir uns weigern, dem Opfer, also unserem Kind, die Schuld zu geben.

    Alles schön und gut, aber wie können wir dieses Wissen anwenden und mit AN sprechen?

    „Das kann ich nicht essen, Mama, weil da Laktose drin ist und ich glaube, deshalb habe ich Bauchschmerzen“, sagt ein Kind, das früher gerne Milchshakes und Käsebrote gegessen hat, und „das kann ich auch nicht essen, weil ich wegen meiner Kopfschmerzen kein Gluten mehr esse“, und am nächsten Tag: „Ich habe beschlossen, jetzt Veganerin zu werden, Papa, weil wir nicht das Recht haben, den Tieren das Leben und ihre Produkte wegzunehmen.“ Und am Abend: „Ich sollte drei Stunden vor dem Schlafengehen nichts mehr essen“.

    Zähneknirschend und eine gewisse Panik niederkämpfend, reagieren die Eltern, wie sie es gelernt haben: „Das ist nur deine Essstörung, die da spricht, Schatz. Du bist nicht laktoseintolerant, wir haben dich testen lassen, und es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass du glutenintolerant bist.“

    „Das ist nur das Gerede deiner Essstörung“, „Es tut mir leid, aber wir werden nicht mehr zulassen, dass ED unsere Abendessen kaputt macht“, „Ich glaube, du wirst gerade von deiner Essstörung manipuliert“, und zum anderen Elternteil oder Großelternteil: „Reg dich nicht auf, Schatz, das ist nur ihr Essstörungsgerede.“

    Es ist nur ihre Essstörung, die da spricht.

    Verärgert antwortet das Kind: „Nein, ist es nicht! Ich bin’s! Ich spreche!“

    Ich wünschte, ich hätte einen Euro für jedes Mal, wenn ein Teenager mir gesagt hat, dass er sich nicht ernstgenommen und herabgesetzt fühlt, wenn man ihm sagt, dass seine inneren Gedanken und Sorgen „nur die Essstörung sind, die spricht.“ Aber was soll man als Elternteil tun? Ihnen die Schuld für die irrationalen, oft egoistischen und grausamen Aussagen geben, die sie machen? Verlangen, dass sie komplett aufhören zu reden, wenn sie nicht etwas Nettes über das für sie zubereitete Essen sagen können? Alle wissen lassen, dass ihr Kind die Entscheidung getroffen hat, sich auf eine Art und Weise zu verhalten, die unfair und verletzend gegenüber ihren Eltern und Geschwistern ist?

    Es ist schwer, AN zu widersprechen. AN ist irrational, laut und oft bösartig. AN ist nicht zugänglich für Logik und leises Überzeugen. AN ist streitlustig und grausam.

    Gibt es Hoffung?

    Ich muss an einen jungen Menschen mit schrecklicher Flugangst denken, der in einem Flugzeug in 10.000 Meter Höhe über dem Pazifischen Ozean eine Panikattacke und einen Nervenzusammenbruch erlebt hatte. Was kann man da tun? Wir wissen, dass diese Angst irrational ist, aber für den jungen Menschen ist sie sehr real.

    Bedeutet das jetzt, dass Sie nicht mehr vernünftig und rational mit ihrem Kind sprechen sollen? Nein, es bedeutet lediglich, dass ihr ruhiger, tröstender Tonfall stärker sein wird als das, was Sie tatsächlich sagen, dass Sie es festhalten müssen, wenn Sie es schütteln wollen, ihre beruhigenden Kommentare immer und immer wieder wiederholen, es in seine Hände atmen lassen, seine Hände halten und es beruhigen, bis es sich entspannen kann oder eingeschlafen ist.
     
    Gib niemals auf. AN wird es mit Sicherheit nicht tun.

    JULIE O’TOOLE, Kartini-Clinic Blog, 15.12.2016

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.

    https://­kartiniclinic.­com/­blog/­post/­talking-­back-­to-­ed

  • Kampf, Flucht, Erstarren – Akute Stress­reaktion bei der Genesung von Anorexia nervosa

    Kampf, Flucht, Erstarren – Akute Stress­reaktion bei der Genesung von Anorexia nervosa

    Als Reaktion auf akuten Stress oder Gefahr wird das sympathische Nervensystem des Körpers durch die plötzliche Ausschüttung von Hormonen aktiviert. Die Nebennieren wiederum schütten Hormone aus, darunter Adrenalin und Noradrenalin, die den Körper auf eine sofortige Aktion vorbereiten, um ein Raubtier abzuwehren („Kampf“) oder vor der Gefahr zu fliehen („Flucht“). Die „Kampf oder Flucht“-Reaktion umfasst physiologische Symptome, die den Kampf oder die Flucht erleichtern sollen (z. B. schneller Herzschlag, erhöhter Blutdruck, erhöhter Sauerstofffluss zu den Hauptmuskeln, was oft zu Zittern oder Muskelverspannungen führt) sowie eine Veränderung des psychologischen Zustands in Verbindung mit der Wahrnehmung der Bedrohung (Angst, Panik, Aggression, gewalttätige Impulse).

    Die dritte Komponente der akuten Stressreaktion ist das „Einfrieren“ oder die defensive Unbeweglichkeit. Diese Reaktion kann auftreten, wenn eine Gefahr als lebensbedrohlich und unausweichlich wahrgenommen wird. Denken Sie an ein Reh, das im Scheinwerferlicht erstarrt, oder an eine Kakerlake, die auf dem Rücken liegt und den Tod vortäuscht. Ein menschliches Opfer eines körperlichen Angriffs oder eines sexuellen Übergriffs wird eher still und schlaff, anstatt sich zu wehren. Die Erstarrungsreaktion kann dem Opfer in einigen Fällen das Überleben ermöglichen, und in anderen Fällen kann die damit einhergehende Betäubung dem Opfer in den letzten Momenten seines Lebens Schmerzen ersparen.

    Vor Tausenden von Jahren, in der Umwelt unserer Vorfahren, waren wir täglich mit Bedrohungen für unser Überleben konfrontiert: Säbelzahntiger, Mammuts, Kälte, Hunger, kriegerische Stämme. Die akute Stressreaktion war für unser Überleben unerlässlich. In der heutigen Welt sind die meisten Auslöser für Ängste subtiler: öffentlich sprechen müssen, eine Prüfung schreiben, berufliche Unsicherheit, finanzielle Stressfaktoren. Aber unser Körper kennt den Unterschied nicht: Die physiologischen und psychologischen Reaktionen sind heute die gleichen wie vor zehntausenden von Jahren.

    Die Kampf-, Flucht- und Erstarrungsreaktionen werden sofort und ohne bewusste Entscheidung aktiviert. Denken Sie daran, dass sich diese Sofortreaktionen entwickelt haben, um uns vor Gefahren in Situationen zu schützen, in denen uns das Innehalten das Leben kosten könnte. Wir wählen nicht aus, was unser Körper als gefährlich wahrnimmt oder welcher Zweig der akuten Stressreaktion aktiviert wird.

    Die meisten Menschen, die an Anorexia nervosa leiden, haben extreme Ängste vor dem Essen, der Gewichtszunahme oder beidem. Menschen mit Anorexia nervosa, die noch nicht mit dem Genesungsprozess begonnen haben, sind in der Lage, ihre Ängste durch Vermeidung in beherrschbaren Grenzen zu halten: Vermeidung von angstbesetztem Essen, Vermeidung von Sättigungsgefühlen, Vermeidung von Gewichtszunahme, Vermeidung von Waagen, Vermeidung des Zorns der inneren magersüchtigen Stimme durch kompensatorische Verhaltensweisen.

    Die Genesung von Anorexia nervosa verlangt von den Betroffenen, sich diesen Ängsten täglich mehrfach zu stellen. Aus diesen Gründen sind die Körper von Menschen, die sich von Anorexia nervosa erholen, monatelang in einer nahezu konstanten akuten Stressreaktion gefangen. Aus diesem Grund fühlen sich Menschen, die sich von Anorexia nervosa erholen, während der Behandlung in der Regel viel schlechter, als sie sich während der akuten Krankheit gefühlt haben. Die „Kampf, Flucht, Erstarren“-Reaktion erklärt auch die meisten der extremen und verwirrenden Verhaltensweisen, die wir bei Menschen sehen, die sich von Anorexia nervosa erholen.

    Die „Kampf“-Reaktion richtet sich gegen die wahrgenommene Quelle der Bedrohung. Für eine Person mit Anorexia nervosa kann die Quelle der Bedrohung die Person sein, die ihr Essen serviert (z.B. ein Elternteil), ein Mensch, der eine Gewichtszunahme verlangt (z.B. ein Therapeut, Arzt oder Ernährungsberater), oder der eigene sich verändernde Körper der Person. Daher kommt es häufig vor, dass Menschen, die sich von einer Anorexia nervosa erholen, ihre Eltern körperlich oder verbal angreifen, auf ihre professionellen Helfer losgehen und ihre Wut auf ihren eigenen Körper richten, was sich in Selbsthass, Selbstverletzung oder Selbstmordversuchen äußert. Auch das Essen selbst ist eine Quelle der Bedrohung. Die Kampfreaktion auf das Essen kann sich körperlich durch das Werfen von Essen, Tassen oder Tellern äußern, oder sie kann sich emotional als subjektives Gefühl des Hasses auf das Essen manifestieren.

    Die „Flucht“-Reaktion bei Anorexia nervosa beinhaltet die Flucht vor der wahrgenommenen Quelle der Bedrohung. Viele Menschen mit Anorexia nervosa rennen bei den Mahlzeiten oder Snacks vom Tisch weg, schließen sich in ihren Zimmern ein oder laufen stunden- oder tagelang von zu Hause weg, um nicht zu essen. Manche Menschen springen aus fahrenden Autos, verlassen Behandlungstermine vorzeitig oder laufen aus Behandlungszentren weg. In einer subtileren Ausprägung der Fluchtreaktion tun viele Menschen mit Anorexia nervosa ihr Bestes, um die Bezugspersonen zu meiden, die am strengsten sind, wenn es um die Forderung nach vollständiger Ernährung geht, und wenden sich an Bezugspersonen, die nachsichtiger sind.

    Die „Erstarren“-Reaktion beinhaltet eine Form der Untätigkeit oder des inneren Abschaltens. Zum Beispiel zeigen viele Menschen eine Unfähigkeit oder offensichtliche Weigerung, über Essen, Gewicht oder Anorexia nervosa zu sprechen. Andere haben Schwierigkeiten beim Schlucken von Nahrung. Manche Menschen erstarren bei den Mahlzeiten geradezu und sind nicht in der Lage oder stundenlang nicht bereit, eine Gabel oder einen Löffel in die Hand zu nehmen. In einigen Fällen macht diese akute Nahrungsverweigerung ein Füttern oder Sonden-Ernährung notwendig. Manche Menschen mit Anorexia nervosa wirken zu den Mahlzeiten oder zu anderen Zeiten, in denen die Stimme der Magersucht besonders stark ist, dissoziiert, „eingefroren“ oder „weggetreten“. Es kommt häufig vor, dass sich Patienten mit Anorexia nervosa während der Therapietermine abkapseln, den Blickkontakt vermeiden und sich nicht auf ein Gespräch mit ihren professionellen Helfern einlassen.

    Diese Kampf-, Flucht- und Erstarrungsverhaltensweisen sind extrem belastend für die Betroffenen und für die Angehörigen, die sie unterstützen. Wenn Sie ein Familienmitglied bei der Genesung von Anorexia nervosa unterstützen, sollten Sie wissen, dass diese geliebte Person es sich nicht ausgesucht hat, auf diese Weise zu handeln oder zu fühlen. Diese Verhaltensweisen sind extrem häufige und vorübergehende Reaktionen auf die starke Angst, die dadurch entsteht, dass man sich mehrmals am Tag seinen schlimmsten Ängsten stellen muss. Die Tatsache, dass die geliebte Person diese akuten Stressreaktionen zeigt, ist ein Beweis dafür, dass seine oder ihre Ängste herausgefordert werden. Wenn eine akute Stressreaktion nicht zu sehen ist, besteht die Chance, dass die Anorexia nervosa nicht ausreichend herausgefordert wird. Was zu einem langwierigen Krankheitsverlauf und einer Verzögerung der Genesung führen kann. Denken Sie daran, den Kurs beizubehalten, weiterhin eine vollwertige Ernährung, eine schnelle und vollständige Wiederherstellung des Gewichts und psychologische Unterstützung zu fordern, unabhängig von den akuten Stressreaktionen, die auftreten.

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
    https://blog.­drsarahravin.­com/­eating-disorders/­fight-flight-freeze-­the-acute-stress-­response-in-anorexia-­nervosa-recovery/

  • Das Aachener Modell ist HoT!

    Das Aachener Modell ist HoT!

    Frau Herpertz-Dahlmann ist Klinikleiterin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Universitätsklinik RWTH Aachen.

    2017 begann an der Universitätsklinik RWTH Aachen der Modellversuch „Home treatment bei adoleszenter Magersucht“ (HoT), der sich unter anderem an FBT orientiert. Der Modellversuch wurde von einer Pilotstudie begleitet. Home Treatments sind in vielen Ländern eine stationsersetzende Alternative zur Behandlung psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher, bei denen die Indikation für eine stationäre Behandlung vorliegt.

    Der Home Treatment-Ansatz ist eine Behandlungsmethode, die den Übergang von der Klinik nach Hause erleichtern soll und die den Patienten und ihren Betreuern (in der Regel die Eltern) mehr und konkretere Unterstützung bietet als bisherige therapeutische Ansätze. Das Ziel ist außerdem, die Reintegration des jungen Menschen mit Magersucht in den Alltag zu unterstützen.

    Das (aus unserer Sicht wenig überraschende) Ergebnis der Studie:

    • Die Behandlung zu Hause nach einem kurzen stationären Aufenthalt ist für jugendliche Patienten mit Anorexia nervosa machbar und sicher.
    • Die Mehrheit der Patienten konnte während einer 1-Jahres-Nachbeobachtung erfolgreich ein gesundes Körpergewicht halten.
    • Die Fähigkeiten der Eltern, mit der Essstörung ihres Kindes umzugehen, verbesserten sich signifikant.
    • Die Behandlungskosten liegen deutlich unter den Kosten einer klassischen vollstationären Behandlung.

    Aufbauend auf den ermutigenden Ergebnissen der Pilotstudie wurde das Aachener Modell als Behandlungsansatz an der RWTH Aachen etabliert:

    • Aufgenommen werden können Patienten zwischen 12 und 18 Jahren, die noch eigenständig essen, somatisch stabil sind, nicht mehr als zwei Klinikaufenthalte hinter sich haben und im Umkreis von einer (Auto-)Stunde rund um Aachen wohnen.
    • Die Familien müssen bereit sein, sich zu engagieren und mehrere Mahlzeiten täglich konsequent zu überwachen.
    • Das Home Treatment beginnt mit einem 8-wöchigen stationären Start, in dem die Patienten stabilisiert werden.
    • Eltern lernen bereits in der Klinik mit ihrem Kind zu essen und den Umgang mit für die Krankheit spezifischen Verhaltensweisen.
    • Im Anschluss daran geht es direkt nach Hause, mit engmaschiger ambulanter Unterstützung. Bis zu 4x in der Woche besucht ein Team aus Arzt, Krankenschwester, Ergotherapeuten und Ernährungsberater die Familie vor Ort, zuhause. Der Bedarf der einzelnen Kinder und Familien wird individuell ermittelt.

    Das große Ziel von Prof. Dr. Beate Herpertz-Dahlmann und ihrem Team in Aachen: die Übertragung dieses innovativen Behandlungskonzeptes in die Regelversorgung. Aus diesem Grund wurde unter der Leitung der Uniklinik Aachen ein weiteres großes Projekt mit flankierender Studie auf die Beine gestellt, das nun begonnen hat. Das Innovationsfondprojekt „HoT“.

    Das Konzept „Home Treatment“ wird an vier weiteren großen Kliniken in NRW durchgeführt und evaluiert, konkret sind das die Uniklinik Münster, die Uniklinik LVR Bochum/Hamm, die LVR Klinik Bonn und die LVR Klinik Viersen. Die Behandlungsteams der jeweiligen Kliniken werden durch die Uniklinik Aachen geschult. Um den Erfolg des Konzeptes zu beurteilen, werden unter anderem die Gewichtsstabilisierung, die Lebensqualität und die Rückfallquote untersucht und mit einer Kontrollgruppen verglichen, die an einer normalen Regelversorgung teilnimmt. Am Projekt beteiligt sind auch mehrere Krankenkassen, z.B. die Techniker Krankenkasse, die DAK und die AOK Rheinland/Hamburg.

    Das Forscherteam hat die Hoffnung, dass die gewonnenen Erkenntnisse die Behandlung und Prognose für erkrankte junge Menschen verbessern und zu strukturellen Veränderung und Verbesserungen der allgemeinen Gesundheitsversorgung bei Magersucht-Erkrankungen in Deutschland führen.

    Das bereits bestehehende Home Treatment-Programm in Aachen (und somit die weitere Verbreitung sinnvoller Behandlungskonzepte bei Magersucht im deutschsprachigen Raum) kann man mit einer Spende finanziell unterstützen. Wir bringen Therapie ins Kinderzimmer, so ist das Motto der Uniklinik Aachen: https://www.stiftung-universitaetsmedizin-aachen.de/projekte/detail/home-treatment/

    Quellen:

     
  • Wie es mir heute geht

    Wie es mir heute geht

    Damals hat meine Mutter mir, nach monatelangen wenig hilfreichen Klinikaufenthalten, zuhause mit FBT aus der Magersucht herausgeholfen. Ich kann essen, was ich will. Ich kann wieder lachen. Ich habe wieder ein ausgefülltes soziales Leben. Ich finde die richtige Balance im Leben. Ich kann mich annehmen, wie ich bin.

    Der Schritt ins Studium, also in die Selbstständigkeit, war ein sehr wichtiger für mich. Natürlich war er mit einer gewissen Spannung verbunden (von meiner Seite, aber auch vonseiten der Familie). Aber ich war mir sicher, dass ich es irgendwie schaffen würde. Mir tat der Abstand zu dem gewohnten Umfeld gut.

    In der neuen Großstadt, in der ich nun seit zwei Jahren wohne, weiß so gut wie niemand von meiner Vergangenheit, nur meine engsten Freunde. Nicht, weil ich es verstecken will, oder mich dafür schäme. Aber ich wollte mich davor schützen, ein „Magersuchts-Image“ erfüllen zu müssen. Wenn ich weiß, dass die Menschen, denen ich begegne, nichts von meiner Geschichte und Problematiken wissen, dann fühle ich mich viel freier, „normal“ zu sein.

    Natürlich hatte (und habe) ich immer noch gewisse Baustellen. Aber ich habe gemerkt, dass sich diese mit der Zeit ganz automatisch auflösen, ohne dass ich mich groß damit befassen muss. Meistens war es so, dass ich durch „normale Umstände“ zu gesunden Verhaltensweisen gezwungen wurde. Jetzt war es nicht mehr die Mama oder Therapeutin, die mir sagt, was ich machen/unterlassen soll. Sondern es hat sich einfach so „aus dem Leben“ ergeben. Einige Beispiele:

    • Letzten Sommer bin ich mit meinem Freund und einigen anderen Freunden auf Urlaub nach Kroatien gefahren. Badeurlaub – das bedeutete für mich, dass ich mir nach vielen Jahren mal wieder einen Bikini kaufen musste (schwierig!!), und dann im Urlaub mich und meinen Körper den anderen zeigen musste. Auch, wenn es herausfordernd war: Es war keine Frage für mich, dass ich das nicht tue. Ich wollte nicht auffallen, indem ich nicht schwimmen ging. Das wäre krankhaft gewesen. Deshalb habe ich mich in den Kampf gestürzt und gewonnen. Nachdem wir nun im Laufe des Jahres öfter schwimmen gegangen sind, bin mittlerweile ICH diejenige, die vorschlägt, zum Baden an den See zu gehen.
    • Aufgrund von Corona war ich „gezwungen“, sechs Wochen mit meiner Schwester zusammen zu leben. Eigentlich habe ich mich seit vier Jahren von ihr abgeschirmt, weil sie mir/der Krankheit ein Dorn im Auge war und ich mich immer mit ihr verglichen habe. Aber durch Corona konnte ich ihr nicht ausweichen. Anfangs war das wirklich schwierig. Doch nach einer Woche hat es bei mir „klick“ gemacht und wir haben in der Zeit eine neue Beziehung aufgebaut und uns wieder gefunden. Jetzt habe ich kein Problem mehr, mit meiner Schwester auf engem Raum und auf längere Zeit zusammen zu leben.
    • Lange Zeit fiel es mir schwer, zwischendurch eine Kleinigkeit zu essen. Dann aber habe ich angefangen zu realisieren, dass es nur von Vorteil ist, wenn ich z.B. vor meinem Klavierunterricht einen Schokoriegel esse. Dann habe ich viel mehr Kraft und Konzentration beim Spielen und bin mit meinem Ergebnis viel zufriedener. Seitdem ist der Schokoriegel zwischendurch eine Selbstverständlichkeit.

    Außerdem ist es die Anerkennung/Wertschätzung, die ich von meinem Freund erfahre, die sehr viel Positives in mir auslöst und dazu führt, dass ich mich selbst besser annehmen und lieben kann.

    Ich denke im Laufe der Zeit immer weniger an die Krankheit, weil mich das Leben rundherum ablenkt und auf andere Gedanken bringt. Ich liebe das Leben und meinen Alltag. Es ist schön, mich selbst – also die richtige Amelie – zu erleben und immer mehr aufblühen zu sehen. Die Krankheit bekommt immer weniger Stellenwert und Wichtigkeit.

    Mittlerweile verstehe ich, wie wichtig Essen ist, und dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob ich genug esse oder nicht.

     
  • Wie bringe ich mein Kind zum Essen?

    Wie bringe ich mein Kind zum Essen?

    Vielleicht hält Deinem Kind ein „innerer Tyrann“ eine Pistole an den Kopf und schikaniert es, um es einzuschüchtern. Solange es nicht isst, verschafft sich Dein Kind eine kurze Pause von der Panik und der Angst, die es fühlt.

    Als liebende Mutter oder als liebender Vater kannst Du es Deinem Kind ermöglichen, trotz seiner Angst zu essen.

    Wenn Du dich verurteilend verhälst, Deinem Kind Schuld an seinem Verhalten gibst, wenn Du panisch oder aggressiv bist, dann machst Du es Deinem Kind schwerer zu essen. Das vegetative Nervensystem Deines Kindes gerät immer mehr in den „Kampf-, Flucht- oder Totstell-Modus“. Das vegetative Nervensystem kann nicht bewußt gesteuert werden.

    Deine Hilfe besteht darin, die Verantwortung zu übernehmen und Dein Kind mit ruhiger, liebevoller Zuversicht zu unterstützen. Selbst während Dein Kind gegen Dich kämpft, gibt es einen Teil in ihm, der verzweifelt hungrig und schwach ist, der sich nach Essen sehnt, der Angst vor dem Zustand hat, in dem er sich gerade befindet, der verwirrt ist und der sich nach Wohlbefinden sehnt.

    Deshalb sind die Mahlzeiten in der Regel erfolgreicher, wenn die Eltern komplett die Verantwortung für das Essen übernehmen.

    Wenn Dein Kind an vermeidender/restriktiver Nahrungsaufnahme (ARFID) oder einer Autismus-Spektrum-Störung (ASD) leidet, dann ist wahrscheinlich nicht alles aus diesem Artikel anwendbar. Besprich das bitte mit Deinen Spezialisten.

    Benutze direkte Aufforderungen

    Der Verstand Deines Kindes ist voll von lärmenden Widersprüchen. Durchbrich die Verwirrung, indem Du klare, direkte Aufforderungen gibst, wie zum Beispiel

    • Fang mit den Nudeln an, mein Liebling.
    • Nimm jetzt Deine Gabel.
    • Iss weiter.
    • [Bewege den Teller auf Dein Kind zu, biete ihm eine Umarmung an, füttere es mit dem Löffel, setze Dich nah zu ihm.]
    • Mein Schatz, mach weiter mit den Nudeln.
    • Nimm noch einen Bissen, mein Schatz.
    • Und noch einen.
    • Ja, ich möchte, dass Du das jetzt nimmst.
    • Mach die Bissen jetzt größer.
    • Ich sehe, dass Du Dein Essen zermatschtst. Bitte mach das nicht. Iss jetzt weiter, Liebes.

    Biete auch Ablenkung an, oder vielleicht benötigt es Stille und Empathie. Aber wiederhole alle paar Minuten eine direkte Aufforderung, wenn Dein Kind nicht isst.

    Was kannst Du sonst noch sagen?

    Bis Du Deinen eigenen Stil gefunden hast, hier ein paar weitere Vorschläge, die oft helfen:

    • Vertraue mir.
    • Ich bin bei Dir. Ich bin auf Deiner Seite. Ich werde dir weiter helfen.
    • Es ist okay. Es ist sicher. Es ist völlig in Ordnung. Du schaffst das.
    • Ja, das ist es, was du brauchst.
    • Nur noch ein paar Bissen. Wenn dein Teller leer ist, dann können wir gehen und [lustige Aktivität]
    • Ich glaube/fühle/stelle mir vor, dass das sehr schwer für Dich ist. Das tut mir sehr leid. Nimm jetzt noch einen Bissen.
    • Ich kann mir gut vorstellen, wie schwer das jetzt ist. Das hast Du schon eine Weile nicht mehr gegessen. Nimm noch einen Bissen.
    • Es tut mir wirklich leid, dass Dein Bauch weh tut. Lass uns 2 Minuten lang entspannen/durchatmen [und dann weitermachen].
    • Konzentrier Dich auf einen Bissen nach dem anderen (wenn Dein Kind verhandeln will)

    Das hier funktioniert bei manchen, bei anderen nicht. Experimentiere!

    • Du brauchst das, damit Du Energie hast, um die Sachen zu machen, die Du gerne tust.
    • Sobald Du gegessen hast, machen wir [lustige Aktivität].
    • Denk daran, wie wichtig Dir die Reise im nächsten Monat ist!
    • Nicht-Essen ist nicht möglich. Mach weiter.
    • Ich vermute/fühle/ glaube, dass Du Dich [so und so] fühlst. Ist das so? Es tut mir sehr leid. Das ist normal in diesem Stadium. Es wird vorbeigehen. Das wird leicht und einfach werden. Und jetzt mach weiter mit den Nudel, Süsse.
    • Das Essen ist Deine Medizin (kann predigend und unsympathisch klingen)

    Die folgenden Punkte sind in der Regel nicht hilfreich, um während eines Essens darüber zu sprechen. Mach Dir keine Vorwürfe, wenn Du sie benutzt hast. Keiner von uns hat das gewußt, bis wir es gelernt haben.

    • Was willst Du essen?
    • Iss einfach, was Du schaffst/die Hälfte.
    • Willst Du noch mehr? (Wenn Dein Kind noch nicht genug zu Essen hatte, dann gib ihm mehr)
    • Es ist schwer, aber Du musst es essen! (Viel mehr unterstützend ist: „Es ist schwer und gleichzeitig musst Du es leider essen“)
    • Versuch es zu essen! (Dein Kind soll es nicht „versuchen“ zu essen, sondern es essen.)
    • Da sind nur x Kalorien drin und Dein Körper verbraucht y Kalorien nur zum Schlafen.
    • Es ist genau dasselbe wie beim letzten Mal.
    • Ich habe es gewogen/die Kalorien überprüft/keine Butter hinzugefügt.
    • Lass mich erklären, warum Kohlenhydrate so wichtig für Dich sind.
    • Aber Du bist nicht fett!
    • Du musst zunehmen!
    • Dein Bauch tut weh, weil Du nicht genug isst.
    • Andere werden fett, weil […] und das wird Dir nicht passieren.
    • Wenn Du nichts isst […] (Wechsele zu „Wenn Du gegessen hast…“)
    • Wenn Du nicht essen, dann [Horrorszenarien, die die Kampf-oder-Flucht-Reaktion erhöhen]
    • Du ruinierst unser Leben/Du bist egoistisch/Du versuchst es ja nicht einmal!
    • Iss einfach!!!!
    • Du bist verantwortlich, ich kann dich nicht zwingen zu essen! Es muss von dir kommen.
    • Mir ist das egal, ich gebe auf!
    • Ich hasse Deine Essstörung! Ich rede nicht mit der Essstörung! (Dann trennst Du die Essstörung nicht von Deinem Kind, Stichwort: Externalisierung)
    • Gut gemacht! (Lob während einer Mahlzeit kann bei Deinem Kind widersprüchliche Gefühle und Reue hervorrufen)

    Ablenkung

    Zwischen und während Deinen direkten Aufforderungen zum Essen: redet über lustige Dinge, schaut Fernsehen, spielt Spiele. Pausiere die Ablenkungsaktivitäten sofort, wenn Dein Kind aufhört zu essen. Mach erst weiter, wenn es wieder isst. Ablenkung funktioniert, weil sie die ängstlichen oder selbstzerstörerischen Gedanken Deines Kindes unterbricht.

    Wenn Dein Kind damit beschäftigt zu sein scheint, sich für den nächsten Bissen bereit zu machen, dann können ein oder zwei Minuten Stille oft helfen. Wenn nicht, dann gib weiter direkte Aufforderungen.

    Plane auch etwas Ablenkung vor und nach den Mahlzeiten ein, wenn Dein Kind (vorher) voller Angst oder (danach) voller Selbstvorwürfe ist.

    Güte und Freundlichkeit

    Güte und Freundlichkeit sind Deine besten Werkzeuge, um dem überdrehten Nervensystem Deines Kindes zu signalisieren, dass keine Gefahr besteht. Dass es aus seinem Kampf-, Flucht- oder Totstellzustand heraus kommen kann. Du machst es ihm ein wenig leichter, zu essen (obwohl es Deine Aufgabe ist, Deinem Kind auch dann beim Essen helfen, wenn es Angst hat).

    Das vegetative Nervensystem reagiert auf Berührungen, den Tonfall Deiner Stimme, Deine Körpersprache. Wenn Dein Kind es Dir erlaubt, dann lege einen Arm um es (Du musst vielleicht prüfen: „Darf ich deine Hand halten, Schatz?“).

    Benutze eine liebevolle Stimme und Körpersprache. Versuche, ruhig und selbstbewusst zu wirken (täusche es vor, bis Du es schaffst: Fake it until you make it!). Sage freundliche Dinge, die zeigen, dass Du auf der Seite Deines Kindes bist, und gib ihm keine Schuld.

    Mitfühlende Beharrlichkeit

    Du kannst freundlich und hartnäckig sein. Es ist nicht gut, sein Kind ohne die Nahrung, die es so sehr braucht, gehen zu lassen. Es ist nicht förderlich, Dein Kind in dieser Hölle zu lassen, weil Du sowohl Angst hast, durch sie hindurchzugehen, als auch aus ihr herauszukommen.

    Hör nicht auf, nur weil Dein Kind gegen Dich kämpft oder weil es weint und zittert. Benutze weiterhin alle Hilfsmittel, um einen weiteren Bissen zu erreichen. Dann noch einen weiteren. Eine Essstörung wird mit einem (schmerzhaften) Bissen nach dem anderen überwunden, trotz all der Angst.

    Menschen, die gesund geworden sind, haben später berichtet, dass sie damals trotz ihres Widerstandes insgeheim erleichtert waren, dass man sie zum Essen zwang, weil sie so schwach, hungrig und verängstigt waren.

    Verwende keine Logik

    In seinem Zustand der Angst und Vermeidung wird Dein Kind viele Fragen stellen und viele Argumente vorbringen. Es ist ganz normal, dass man sich da hineinziehen lässt und anfängt, viele Informationen und logische Gründe zu geben, warum es nun essen muss. Wenn Logik funktionieren würde, dann hätten unsere intelligenten Kinder keine Essstörung! Logische Argumente haben selten eine Auswirkungen auf ein Gehirn, das sich in einem Zustand kompletter Angst befindet.

    Dieses Video soll Dir das noch einmal verdeutlichen:

     

    Soll ich mit einfachen Mahlzeiten beginnen?

    Wenn dein Kind abgenommen hat, dann hat eine schnelle Gewichtszunahme jetzt die höchste Priorität. Wenn du langsam angefangen hast, dann steigere die Energiezufuhr schnell. Versuche, den Ernährungsbedarf durch eine schnelle Einbeziehung aller Nahrungsmittelkategorien zu decken, auch wenn Dein Kind Angst vor Fetten oder Kohlenhydraten hat. Sobald du mit dem Aufpäppeln einigermaßen zurechtkommst, werden sich deine Prioritäten auf die weitere Gewichtszunahme und auf die Erhöhung der Nahrungsvielfalt verlagern.

    Wenn es nicht funktioniert

    Das Aufpäppeln ist normalerweise am Anfang am schwierigsten, oder wenn man angstbesetzte Lebensmittel und Essen einführt. Einige junge Menschen geben nach einigen Tagen oder Wochen den Widerstand weitestgehend auf, es ist oft sogar eine versteckte Freude am Essen spürbar. Dein Kind stöhnt dann: „Muss ich das essen?“ und Du sagst einfach „Ja“ und es isst ohne weiteren Widerstand.

    Wenn Du innerhalb von ein paar Wochen Dein Kind nicht dazu bewegen kannst, genug für eine Gewichtszunahme zu essen (wenn es abgenommen hat), dann brauchst Du unverzüglich mehr professionelle Unterstützung. Es ist nicht Dein Versagen: Du hast noch nicht die richtige Unterstützung für die Art und Weise erhalten, wie Dein Kind von der Essstörung betroffen ist. Sei offen für einen kurzen Krankenhausaufenthalt, um Dein Kind wieder zum Essen zu bewegen. Übernimm dann so schnell wie möglich wieder die Verantwortung.

    Der Beitrag erschien in englischer Originalfassung am 18.03.2020 unter https://www.feast-ed.org/tips-for-helping-your-child-to-eat

    Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und von FEAST.

     
  • Pilotstudie zur Wirksamkeit von FBT an der Charité in Berlin

    Pilotstudie zur Wirksamkeit von FBT an der Charité in Berlin

    Es zeigt, dass in Deutschland sinnvolle und effektive Hilfe für junge Menschen mit einer Essstörung in greifbare Nähe rückt!

    Im Rahmen eines klinischen Forschungsprojektes, einer Pilotstudie zur Machbarkeit und Wirksamkeit von FBT, erhalten 15 Familien aus Berlin und dem Umland die Möglichkeit, nach einem zweitägigen Kurzaufenthalt in der Pädiatrie für ein medizinisches assessment, ein Home Treatment unter professioneller Betreuung durchführen zu können. Die wenigen Plätze sind leider nur für Berliner Familien vorgesehen und es müssen eine Reihe von Einschlusskriterien erfüllt sein. Aber dass es diese Studie gibt, gibt Anlass zur Hoffnung!

    In Deutschland ist üblich, dass bei einer Erkrankung an Magersucht und bestimmten, weiteren Kriterien (z.B. rapider Gewichtsverlust, gefährliches Untergewicht, fehlende Gewichtszunahme trotz ambulanter Behandlung, ausgeprägte Komorbiditäten) erst eine lange stationäre Behandlung erfolgt und sich dann (erneut) eine ambulante Behandlung anschließt.

    Häufig kommt es jedoch nach der stationären Therapie zu einem erneuten Gewichtsverlust, die „Rückfallquote“ bei Anorexie ist bekanntermaßen hoch. Möglicherweise ist dies durch die krankheitsbedingt fehlende Einsicht und Mitarbeit der jungen Patienten bedingt, möglicherweise ist dies auch der nur marginalen Einbeziehung der Eltern in der derzeitigen Standardbehandlung geschuldet.

    Die meisten Eltern sind komplett überfordert, wenn ihr Kind wieder nach Hause kommt, da sie keinerlei Strategien und Wissen darüber haben, wie sie ihrem Kind nun helfen können. Oft führt das zu Rückfällen, erneuten Klinikaufenthalten und wenig Chancen auf einen echten und dauerhaften Heilungsprozess.

    In der Studie werden langfristig Gewichtsverlauf und weitere Essstörungssymptome, sowie Behandlungszufriedenheit und -kosten dem derzeitigen deutschen Behandlungsstandard gegenübergestellt.

    „Durch das Projekt erhoffen wir uns eine signifikante Erweiterung und Verbesserung der Therapieoptionen und -erfolge für unsere jungen Patient*innen mit Magersucht.“
    (Dr. Verena Haas, Forschung/Ernährungstherapeutin Charité – Universitätsmedizin Berlin)

    Fünf erfahrene Therapeutinnen und Therapeuten erhalten aktuell eine FBT-Ausbildung durch die renommierten Spezialisten Prof. Daniel Le Grange (USA) und Dr. Roslyn Hopf (Deutschland).

    Prof. Le Grange ist international renommierter Wissenschaftler, der maßgeblich an der Entwicklung von FBT mitgewirkt hat und bereits viele Studienergebnisse zum Thema FBT veröffentlich hat.

    Er und sein Kollege Dr. James Lock sind Begründer des Training Institute for Child and Adolescent Eating Disorders, das in den USA die Ausbildung zum zertifizierten FBT-Therapeuten anbietet.

    Prof. Le Grange konnte für das Projekt auch als wissenschaftlicher Kooperationspartner gewonnen werden.

    „Als die Kollegen von der Berliner Charité Kontakt mit mir aufgenommen haben mit der Idee, eine Studie zu FBT in Deutschland durchzuführen, war ich sofort begeistert. Denn bislang wurde die Wirksamkeit von FBT noch nicht in einem zentraleuropäischen Land wissenschaftlich untersucht und belegt. Das ist ein wichtiger Schritt, bei dem ich das Berliner Team überaus gerne unterstütze!“
    (Prof. Daniel Le Grange)

    Als weitere Kooperationspartnerin und FBT Ausbilderin konnte Dr. Roslyn Hopf gewonnen werden. Sie erhielt ihre Ausbildung zur FBT Therapeutin bei Prof. Le Grange in Chicago und ist unseres Wissens nach aktuell die einzige zertifizierte FBT-Therapeutin in Deutschland.

    Sie forscht und publiziert schon seit langem zum Thema FBT und ist seit 10 Jahren als niedergelassene Psychotherapeutin im Frankfurter Raum tätig.

    „Ich freue mich sehr, dass die Charité in Berlin dieses Forschungsprojekt plant, und es bald mehr deutschsprachige FBT-Therapeuten geben wird. Das wird langfristig dazu führen, dass mehr deutsche Familien, deren Kinder eine Essstörung haben, eine alternative Behandlungsmethode in Betracht ziehen können.“
    (Dr. Roslyn Hopf)

    Alle Informationen zu diesem sehr begrüßenswerten Projekt findet man hier: