Kategorie: Spanien

  • Blick über den Tellerrand – Behandlung von Anorexie in Spanien

    Blick über den Tellerrand – Behandlung von Anorexie in Spanien

    Ich habe mir überlegt, dass es von Hilfe sein könnte, zu erklären, wie in unserer Klinik in Madrid die Therapie abläuft. Erstmal ist vielleicht interessant zu wissen, dass in Spanien verschiedene Behandlungsansätze nebeneinander existieren, nicht in allen Kliniken verläuft die Behandlung gleich.


    In wichtigen Unikliniken in Madrid, Barcelona, Valencia u.a. dominiert seit vielen Jahren ein integraler Behandlungsansatz in der Behandlung von Essstörungen, in dem der Familie, insbesondere den Eltern ab Tag 1 der Behandlung eine wichtige Rolle zukommt. Sie werden von Beginn an zu Co-Therapeuten ausgebildet.

    Unsere Klinik in Madrid behandelt ihre Patienten und Patientinnen seit den 90er Jahren nach einem integralen und interdisziplinären Ansatz, der sich aus verschiedenen medizinischen, psychologischen, familiären und sozialen Interventionen zusammensetzt (vgl. Morandé, Graell, Blanco (2014): Trastornos de la Conducta Alimentaria y Obesidad. Un enfoque integral. Editorial Médica Panamericana).

    Es wird nicht nach Ursachen geforscht, sondern in der Anfangsphase der Behandlung steht eine Gewichtsstabilisierung nach dem Grundsatz Essen ist Medizin im Mittelpunkt, ohne eine nennenswerte psychologische Behandlung in der WR-Phase (weight restauration).

    Wenn Eltern entdecken, dass mit ihrem Kind in Bezug auf das Essverhalten etwas nicht stimmt, dann ist der erste Weg zum Kinderarzt.

    In vielen Fällen ist es der Kinderarzt, der das Krankenhaus empfiehlt oder eine Organisation, z.B. Adaner. Man bekommt, je nach Zustand des Kindes, entweder über die Warteliste oder über die Notaufnahme einen Platz.

    Je nach Schwere des Falls werden Patienten und Patientinnen entweder stationär oder in das Home Treatment-Programm aufgenommen, tagesklinisch oder ambulant behandelt. Interessant dabei ist, dass ein und dieselbe Klinik alle vier Settings parallel anbietet.

    Stationäre Aufnahmen sind, wie ich das beobachten konnte, immer so kurz wie möglich und so lang wie nötig. In unserem Fall waren es knapp 5 Wochen. Während des stationären Aufenthalts geht es v.a. um eine schnelle Gewichtswiederherstellung. Es gibt keine speziellen Therapien. Jüngere Kinder bis 12 Jahren bleiben normalerweise kürzer in stationärer Behandlung und kommen früher in die Tagesklinik, wo sie anfangs alle Mahlzeiten bekommen, aber abends nach Hause dürfen, übernachten und morgens wieder gebracht werden. Schwere Fälle gehen in Anschluss an die stationäre Aufnahme in die Tagesklinik.

    Während der ersten fünf Tage ist ein Elternteil 24 Stunden bei den Kindern auf dem Zimmer. Man schläft direkt neben dem Bett seines Kindes. In dieser Zeit ist Ruhen angesagt. Die Kinder bekommen einen weiten Schlafanzug bzw. Jogginganzug an und liegen bis auf die Mahlzeiten in ihrem Bett. Es darf kein Handy benutzt werden und die Kinder erhalten eine Art Tagebuch, in das die Therapeuten jeden Tag ein paar Fragen hineinschreiben. Das ist alles. Kein Lesen, kein Laufen, keine Aktivitäten. Nur ruhen, schreiben und Gespräche mit dem Elternteil.

    Normalerweise teilen sich die Kinder das Zimmer mit einer weiteren Person, die schon etwas länger auf der Station ist und alle Abläufe kennt. Es gibt einen gut strukturierten Tagesablauf, wie gesagt, anfänglich ruhen und essen.
    In den ersten Tagen erhalten die Kinder Schonkost. Es gibt fünf Mahlzeiten. Drei Hauptmahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten. Von Anfang an gibt es einen festen Essensplan, der sich wöchentlich wiederholt. Vegetarische Ernährung ist nicht erlaubt.

    Alle Kinder essen gemeinsam in einem Essensraum. Dabei läuft Musik und die Essenszeit ist bei Hauptmahlzeiten auf 45 Minuten begrenzt, bei Zwischenmahlzeiten auf 20 Minuten. Es muss alles gegessen werden, was auf dem Teller liegt, selbst Essig- und Öl aus dem Salat-Schüsselchen müssen ausgetrunken werden und beim Apfel darf nur der Stiel übrigbleiben.

    Wenn eine Mahlzeit nicht in der dafür vorgesehenen Zeit gegessen wird oder etwas auf dem Teller liegen bleibt, gibt es einen kalorienhaltigen Shake. Es gibt eine Zweiteilung der Station, einen Flur für die „leichteren“ Fälle und auf einem anderen Flur liegen die Kinder, die sondiert werden müssen.

    Nach fünf Tagen ist das Ruhen vorbei und die Kinder erhalten die Erlaubnis neben den Tagebucheinträgen etwas zu lesen, Musik zu hören, aber alles zeitlich begrenzt. Die Benutzung des Handys ist während der gesamten stationären Behandlung nicht erlaubt. Die Eltern haben tägliche Besuchszeiten, immer nachmittags. Man ruft mittags an und erfährt, wie der Besuch genau aussieht. Je nachdem wie der Tag gelaufen ist, wird mehr Bewegung erlaubt, anfangs sind das fünfminütige Spaziergänge durch die Krankenhausflure, das wird dann nach und nach gesteigert, bis man eine Stunde in den Park darf.

    Auch die Kalorienzufuhr wird allmählich hochgesetzt. Zusätzlich zum Essensplan gibt es nach ca. einer Woche morgens, mittags und abends auch noch kalorienhaltige Shakes. Die Anzahl der Shakes ist dann ein bisschen abhängig von der Gewichtszunahme. Jeden Morgen wird blind gewogen. Die Toiletten und Badezimmer sind nach dem Essen abgeschlossen.

    Nach ungefähr einer Woche gibt es weitere Aktivitäten anfänglich einmal täglich, später zweimal. Es wird viel mit den Händen gearbeitet und hauptsächlich gebastelt. Wahlweise werden Theateraufführungen oder Konzerte im klinikinternen Veranstaltungssaal besucht, die von ehrenamtlichen Gruppen aufgeführt werden. Im Verlauf der Zeit wird morgens an einigen Stunden der Schulunterricht in den Hauptfächern wieder aufgenommen und von Lehrpersonen begleitet. Am Samstagvormittag gibt es eine leichte sportliche Aktivität für diejenigen, deren Gesundheitszustand es zulässt.

    In der ersten Woche werden alle weiteren Untersuchungen durchgeführt, es geht zum Kardiologen, Kinderarzt, Endokrinologen etc.

    Parallel zum stationären Aufenthalt gibt es für die Eltern einmal wöchentlich eine Elterntherapiegruppe, in der man sich austauscht und auf die Zeit nach dem Klinikaufenthalt vorbereitet wird. Es werden Grundsätze der Behandlung erklärt sowie das Prinzip Essen ist Medizin, also alles, was man für die poststationäre Zeit wissen muss. Es wird beispielsweise erläutert, welche Probleme im Alltag auftreten können, z.B. worauf man beim Kleiderkauf achten soll, dass die alte toxische Kleidung in die Kleidersammlung gehört und entsorgt wird, bevor das Kind nach Hause kommt, wie der Handygebrauch geregelt wird und vieles mehr. Man lernt, wie man sich verhalten soll, wenn das Kind nicht essen möchte.

    Je nach Behandlungsverlauf kann das Kind dann ca. ab der dritten Woche einen Nachmittag mit der Familie verbringen. Man bekommt die Zwischenmahlzeit von der Klinik mit nach Hause. Zum Abendessen wird das Kind wieder in die Klinik gebracht. Bevor das Kind dann eine Nacht nach Hause darf, kommen die Eltern zu einigen Mahlzeiten, normalerweise dem Abendessen, in das Krankenhaus, um die Kinder beim Abendessen auf dem Zimmer zu begleiten. Das ist dann ein Wahnsinnserlebnis, wenn du siehst, wie dein Kind Pommes, Pizza, und Pudding isst und nichts liegen bleibt!!!!!

    Dann folgt auch bald der erste Wochenendaufenthalt. Man kocht den vom Krankenhaus vorgegebenen Essenplan und bekommt auch die Shakes mit, falls erforderlich. In der letzten Woche geht es auch stundenweise wieder in die richtige Schule, mittags wieder in die Klinik usw. bis zur Entlassung.

    Wenn das Kind entlassen wird, bekommen die Eltern von der Klinik einen sogenannten „Plan de Vida“, das ist ein „Alltagsplan“, der den Tag strukturiert und vorschreibt, wie lange beispielsweise spazieren gegangen werden darf, welche Aktivitäten unternommen werden dürfen. Der Essensplan vom Krankenhaus wird erstmal beibehalten und in der Anfangszeit wird das Essen von den Betreuungspersonen gewogen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wieviel Nahrung das Kind braucht, um kontinuierlich das Gewicht zu steigern. Es gilt weiterhin nach den Hauptmahlzeiten eine Stunde auszuruhen. In der ersten Zeit bekommen die Kinder je nach Gewichtszunahme neben den fünf Mahlzeiten, abends vor dem Schlafengehen eine Tasse Kakao oder ein Nahrungsergänzungsmittel, das in die Milch eingerührt wird und zur Nachmittagsmahlzeit zusätzlich Nüsse.

    Nun beginnt der ambulante Teil der Therapie. Dazu gehören Termine beim Psychiater, falls eine medikamentöse Behandlung fort- oder eingeführt werden muss, beim Kinderarzt, Endokrinologen und Gynäkologen. Einmal wöchentlich trifft sich eine über den Zeitraum eines Jahres in der Regel gleichbleibende Gruppe verschiedener Eltern mit dem behandelnden Psychologen für 2 Stunden, um den Verlauf der Woche, auftretende Probleme oder auch Erfolge zu besprechen. Im Anschluss daran findet die Kinder- bzw. Jugendtherapiegruppe statt.

    Die Aufgabe der Eltern zuhause ist es anfänglich nur dafür zu sorgen, dass die Kinder essen und ihren Plan einhalten. Klappt es mit dem Essen nicht, d.h. wird die Medizin verweigert, fährt man in die Klinik, es gibt dort eine 24-stündige Psychiatrische Notaufnahme. Es gibt ein Gespräch mit dem diensthabenden Arzt und je nachdem, welche Menge nicht gegessen wurde, gibt es ein, zwei oder drei Shakes.

    Je nach Gewichtszunahme wird in der wöchentlichen Therapie entschieden, welche Aktivitäten im Laufe der Zeit ausgeführt werden dürfen. Die Kinder fragen dazu den Therapeuten, d.h. die Initiative geht von den Kindern aus. Das alles ist in der Anfangszeit sehr erleichternd, da sich die Eltern ausschließlich auf die Ernährung ihrer Kinder konzentrieren müssen und es zuhause keine Diskussionen gibt, wieviel Bewegung und Sport wann und zu welchem Zeitpunkt, da man das mit dem Therapeuten in der Elterngruppe zwar bespricht, die Entscheidung dann aber vom Therapeuten mitgeteilt wird.

    In der Elterntherapie wird man im Laufe der Zeit weiter zum Co-Therapeuten ausgebildet, Man tauscht sich unter Anleitung eines Therapeuten mit anderen Eltern aus, hört einander zu und erhält immer wieder Denkanstöße, Literaturempfehlungen und wird in der Phase begleitet, in der es darum geht den Essenplan abzubauen. Das geschieht normalerweise so, dass nach einiger Zeit, das Kind wählt ein „freies Essen“ zu haben, d.h. die Eltern kochen an einem Mittag oder Abend eine Mahlzeit, die aus Vorspeise, Hauptspeise, Nachtisch und Brot besteht, aber nicht auf dem Plan steht. Das Essen wird dann nicht gewogen. Die Eltern entscheiden, was gekocht wird. Das Kind darf nur entscheiden ob und wann es ein „freies Essen“ haben möchte.

    Das Ziel ist es den Plan im Laufe der Zeit langsam abzubauen und die Planmahlzeiten durch sogenannte freie Mahlzeiten zu ersetzen. Das sind dann zwei, drei, vier Mahlzeiten, ein ganzes Wochenende und irgendwann ist der Plan weg. Manchmal, wenn die Gewichtszunahme nicht so verläuft, wie erwartet und das normale Essen nicht gut klappt, wird für einige Zeit wieder auf den Plan zurückgegriffen. Das Gleiche gilt für die Zusatzpräparate wie Shakes. Es kann sein, wenn die Gewichtszunahme stagniert, dass weitere Shakes gegeben werden.

    Nach ca. 8-12 Monaten geht es von der Gruppentherapie in die Einzeltherapie, manchmal auch früher, anfangs wöchentlich, dann zweiwöchentlich und so weiter, immer abhängig vom Krankheitsverlauf. Alle weiteren somatischen Untersuchungen finden weiterhin in der Klinik statt.

    Nach diesem Zeitraum hat man eigentlich so viel gelernt, dass man als Eltern gut allein klarkommt. Ich bin sehr dankbar dafür, dass unsere Tochter hier so kompetent, konsequent und liebevoll behandelt wurde, inzwischen die Essstörung hinter sich gelassen hat und ein selbstbestimmtes Leben führt. Heilung ist möglich!

  • Keine Angst vor Fearfood!

    Keine Angst vor Fearfood!

    Aber wogegen kämpfen wir eigentlich beim Thema Fearfood, gegen die Angst vor einem Nahrungsmittel, gegen eine Süssigkeit, eine Coca Cola, gegen ein Krankheitssymptom oder gar gegen ein gesellschaftliches Phänomen?

    Diätwahn, soziale Netzwerke und riskante Verhaltensweisen – die Schlankheisepedemie

    Es handelt sich bei der Anorexie keineswegs um eine ansteckende Krankheit, wie manche magersüchtige Teenager befürchten. Was übertragen und ansteckend wirkt, ist die in ihr verborgene Ideologie und es sind die damit einhergehenden riskanten Verhaltensweisen. Die Angst vor dem Dicksein und das Dünnsein als oberster Wert der Teenagerkultur und nicht nur der Teenager sondern auch erwachsener junger Frauen, sind Mythen.

    Sie sind Teil eines beinahe religiösen Kults – Ernährungstrends, Diäten, eine Welt in Light, ZERO-Zucker, Gesund, Vegan, Rituale. Die Indoktrination der Kinder und Jugendlichen erfolgt über die Medien, sozialen Netzwerke, die Schule, durch das Elternhaus und nicht zuletzt durch die Mädchen selbst.

    Die Gesellschaft hat in den letzten Jahrzehnten ihre Aufmerksamkeit – und damit auch die Werbung – auf den weiblichen Körper und allmählich auch auf das Teenager-Mädchen gelenkt. Die schlanke Teenagerin ist das Identifikationsmodell schlechthin. Von Mädchen und jungen Frauen wird erwartet, dass sie sich diesem Modell anpassen WOLLEN. Ein Teil der Heranwachsenden akzeptiert diese Herausforderung. Er fühlt sich nahezu verpflichtet diesem Vorbild zu folgen (vgl. Toro J. Riesgo y causas de la anorexia nerviosa. 1ª ed. Barcelona: Ariel; 2004)

    Die Schlankheitsepidemie wird von Mensch zu Mensch weitergegeben, durch Druck, Identifikation, Nachahmung und nicht zuletzt auch durch Wettbewerb. Es gibt Mädchen, die Überträgerinnen sind, die ansteckend wirken und andere, die anfällig für eine Ansteckung sind. Diejenigen, die mit einem hohen Body-Mass-Index (BMI) in die Pubertät kommen, mit ihrem Körper unzufrieden sind, und das Leben sehr ernst nehmen, sind am meisten gefährdet. (vgl. Huon G. et al. Accounting for differences in dieting status: steps in the refinement of a model. Int J Eat Disord 1999; 26 (4): 420-33)

    Dieser gesellschaftliche Kontext lässt sich beim Thema Fearfood nicht ausblenden. Und es stellt sich in der Folge auch die Frage, wie sieht das eigentlich bei mir selbst aus? Welchen Ernährungstrends folge ich? Habe ich Fearfoods? Wie steht es um meine eigene Einstellung zum Essen? Für welche Coca Cola entscheide ich mich? Light, Zero? Und abends, doch lieber das Salätchen statt der Pizza? Ernähre ich mich vegetarisch oder gar vegan? Wie ist das mit dem Zucker im Müsli? Vielleicht bin ich Befürworter einer Ernährungsampel? Ist mir eine gesunde Ernährung wichtig?

    Bevor man sich überhaupt mit dem sogenannten Refeeding und Fearfoods beschäftigt, macht es Sinn, sich zu allererst mit seinen eigenen Ernährungsangewohnheiten, Einstellungen und Ritualen auseinanderzusetzen. AN stellt für einige Jahre unser Leben auf den Kopf. Sie ist der ungewünschte Gast, der kommt ohne anzuklopfen und er kommt, um zu bleiben. Er kommt mit den gleichen gesunden Ideen, Ritualen, Trends und Anschauungen, die ich vielleicht vor einiger Zeit noch selbst gutgeheissen habe oder noch immer gutheisse. Und dies bedeutet in vielen Fällen ein Umdenken auf ganzer Linie:

    Es gibt ab jetzt keine ungesunden Lebensmittel! Essen ist nun Medizin für mein Kind!

    Um gesund zu werden MUSS mein Kind wieder ALLES essen können! Gesund werden heisst sämtliche Restriktionen aufgeben! Gesund werden heisst, essen, in Mengen, die ich mir bisher vielleicht nicht vorstellen konnte! Es bedeutet auch eigene Essgewohnheiten umzustellen. Ein Refeeding klappt nicht, wenn ich selbst beim Abendessen im Salat herumstochere, ein Refeeding braucht meine Mitarbeit und die Mitarbeit der gesamten Familie. Refeeding heisst Vorbild sein, Essen geniessen, mal über die Stränge schlagen ohne wenn und aber, ohne schlechtes Gewissen. Refeeding heisst keine Angst vor den eigenen Fearfoods. All das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass mein Kind überhaupt eine Chance hat wieder gesund zu werden.

    Das Thema Fearfood ist in den meisten Fällen eine lange Reise mit vielen Haltestellen, Richtungsänderungen und Entgleisungen. Es kann zusätzlich nicht aus dem Kontext der gesamten Ernährungsstrategie gelöst werden.

    Voraussetzung für eine Genesung ist zu allererst ein Auslöschen des krankhaften Essverhaltens und eine Wiederherstellung eines ausgewogenen Ernährungsverhaltens, zu dem eben genau diese Fearfoods gehören. Eine vegetarische und vegane Ernährung ist im Falle einer AN kontraindiziert. Wird Essen als Medizin betrachtet, dann gehören auch Fleisch, Fisch und Eier dazu. Hinzu kommt, dass im Jugendalter die Veränderung des Essverhaltens hin zu einer vegetarischen Ernährung nicht selten die Eingangstür zu einer Essstörung öffnet.

    Wie erreicht man nun ein ausgewogenes Ernährungsverhalten? In unserer Therapie geschieht das durch eine über Monate -in einigen Fällen Jahre- andauernde Umkonditionierung des Essverhaltens, anfänglich über einen Essensplan und feste Regeln bei der Zusammenstellung der Nahrungsmittel und der jeweiligen Mengen. Aber wie sieht das genau aus?

    Fearfood von Beginn der Behandlung an

    Bei uns in Spanien erhält das Kind bereits in der Klinik einen sehr ausgewogenen Essensplan, der eine Menge Fearfoods enthält, mit denen das Kind, nach einer kurzen Schonkostphase konfrontiert wird. Der Grundstein für das Essen in der folgenden ambulanten Phase, auch von Fearfoods, wird in der Klinik gelegt. Das Kind muss essen, es ist alternativlos.

    Es hat 20-30 Minuten für die Nebenmahlzeiten und 45 Minuten für die Hauptmahlzeiten. Schafft es das Kind nicht, in dieser Zeit alles, wirklich alles zu essen und das Öl aus dem Salatschüsselchen zu trinken, bekommt, es einen Shake. Trinkt es auch diesen nicht, wird es sondiert. Es gibt keine Möglichkeit nicht zu essen, keine Möglichkeit die Nahrung zu verweigern.

    Wenn in Spanien das Kind dann nach ca. fünf Wochen aus der Klinik wieder nach Hause kommt, wird es Pommes, Pizza, Pudding, Eis, frittierte Calmares, mit Käse überbackene Nudeln, Aufläufe mit Sossen, Kuchen, Kekse usw. essen. Die Kinder KÖNNEN von Anfang an alles essen. Sie können bereits nach kurzer Zeit wieder grosse Mengen essen. Über einen langen Zeitraum gibt es feste Regeln, z.B. drei verschiedene Frühstücksalternativen, bei den Hauptmahlzeiten (mittags und abends warm) immer Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise und Brot auf unterschiedlichen Tellern serviert, fünf Mahlzeiten täglich, alle drei bis vier Stunden etwas essen. Das AUGE muss lernen, das Kind muss ein Gefühl für die Mengen visuell regelrecht antrainiert bekommen, da sich das Hungergefühl in manchen Fällen erst nach 1-2 Jahren oder später einstellt. Solange das Kind kein Hungergefühl verspürt, wird es kaum in der Lage sein eigenständig über Mengen zu entscheiden. Es braucht visuelle Hilfen. Hier wird, sobald der Essensplan abgebaut ist, mit der sogenannten Faustregel gearbeitet, die den Kindern vor allem ausserhalb der eigenen vier Wände das Essen erleichtern soll, z.B. in der Schulmensa: eine Faust Fleisch, Fisch oder Eier, eine Faust Kartoffeln, Reis oder Nudeln, eine Faust Gemüse, dazu Salat, Brot und ein Nachtisch.

    Innerhalb der Fearfoods gibt es für mich ganz klar die MUSS-Foods und die KANN-Foods, bei denen ich mich aus meiner Erfahrung nicht stressen würde. Zu bedenken ist ebenfalls, dass die Art der Zubereitung, die ja auch häufig angstbesetzt ist, im Wochenverlauf variiert.

    Von Anfang an stehen hier folgende Lebensmittel auf dem Plan. Sie sollten möglichst zu Beginn des Refeedings in den Ernährungsplan integriert werden.

    Die MUSS-Foods:

    • Fleisch, Fisch, Eier
    • Kartoffeln (frittiert, gekocht, überbacken), Reis, Nudeln
    • Eintöpfe, Kartoffel- und Gemüsepürees
    • Aufläufe
    • Gemüse, Obst, Nüsse
    • Brot, Müsli, Kuchen, Kekse, Sandwich
    • Butter, Öl
    • Marmelade, Honig
    • Milch, Kakao, Joghurt, Shakes verschiedener Geschmacksrichtungen, Pudding, Flan, Eis, Sahne
    • Käse, Wurst, Schinken
    • Säfte
    • Zucker

    Die KANN-Foods:

    • Fastfood, Burger etc.
    • Schokolade, Pralinen, Schokoriegel, etc.
    • Gummibärchen
    • Chips
    • Erfrischungsgetränke wie Coca Cola, Fanta
    • Nutella etc.

    Enge Zusammenarbeit mit der Klinik

    Das Refeeding wird hier in Spanien durch eine enge Zusammenarbeit mit der Klinik erleichert. Sollte das Kind sein Essen nicht in der vorgegebenen Zeit essen, besteht die Möglichkeit es in die Klinik zu fahren. Nach einem Gespräch mit dem diensthabenden Arzt bekommt das Kind an Ort und Stelle einen oder mehrere Shakes verabreicht, um den Kalorienverlust auszugleichen.

    Erfahrungsgemäss muss man eher selten zu diesem Mittel greifen. Allein der Umstand, ins Krankenhaus zu fahren, die lange Wartezeit im Wartezimmer, das Gespräch und der nachfolgende Shake, das Wissen um die elterliche Konsequenz, führt dazu, dass das Kind in der Regel seine Mahlzeit in der dafür vorgesehen Zeit einnehmen kann.

    Vielleicht findet sich ja in deinem Ort ein Kinderarzt, den man von dem FBT-Grundsatz Essen ist Medizin überzeugen kann und zu dem du fahren kannst, wenn dein Kind nicht essen möchte.

    Zuletzt möchte ich dir Mut machen! Dein Kind wird früher oder später wieder ALLES essen. Schau, dass du dein Kind aus dem gefährlichen Untergewicht herausbringt, iss selber mit Lust, mach dir keine Gedanken über Schokolade und Co, hab vor allem keine Angst vor dem AN- Monster, strahle Sicherheit aus, in dem, was du tust.

    Essen ist die normalste Angelegenheit der Welt. Dies gilt es den Kindern wieder zu vermitteln.

    Gib AN keinen Raum!